führen. Aurel war kein Handelsmann, in seinen Adern brauste noch unverfälschtes altritterliches Blut, immer bereit, auf Abenteuer auszugehen, Gefahren aufzusuchen und mit ihnen zu ringen wie ein Held. So sehr er sich über den Gewinn freute, den seine speculirenden Brüder aus dem Betrieb der verschiedenen Geschäfte zogen, so wenig gab er sich selbst mit dem eigentlich kaufmännischen Teile desselben ab. Aurel fühlte sich nur als Seemann. Als solcher wäre es ihm ganz recht gewesen, wenn er zuweilen mit irgend einem Caper auf offener See hätte anbinden und eine kleine Schlacht liefern können, wo persönliche Kraft, Mut, Gewandteit und geschickte Manöver den Ausschlag geben mussten. Auch betrachtete er sich im Stillen und zu seinem eigenen Behagen als Führer eines Kriegsschiffes, obwohl ihm die beiden kleinen Karonaden, die er führte, um im Fall der Not Signale damit geben zu können, täglich die Kühnheit einer solchen idee gar sehr herabstimmten. Indess etwas hatte er doch vor vielen Kapitänen voraus. Er war Eigentümer des Schiffes, das seinem Commando gehorchte, Eigentümer der Ladung und unumschränkter Gebieter über seine Leute. Dies entschädigte ihn einigermassen und er unterliess denn auch nicht, ächt militärische Disciplin, wie er sie im englischen Seedienst erlernt hatte, auf der "guten Hoffnung" einzuführen. Den vornehmen Commis voyageur machte der jüngste Graf von Boberstein, Adalbert, ein schlauer Kopf und grosser Rechnenmeister. Adalbert war deshalb auch fast ununterbrochen auf Reisen, bald in Deutschland, bald in Frankreich und England, wo er sich bei einer grossen Kattundrukkerei beteiligt hatte. Sein fester Wohnsitz war jedoch am fuss des Riesengebirge, in dessen romantischen Talgründen er ein freundliches Landgut besass.
Aurel war durch sein bewegtes Leben mit ausserordentlichen Vorfällen und begebenheiten so vertraut geworden, dass ihn nichts, auch nicht das Entsetzlichste, aus der Fassung bringen konnte. Er las daher auch den empfangenen Brief, der von Adrian herrührte und der manchen Andern wahrscheinlich in grosse Besorgniss gestürzt haben würde, mit unerschütterlichem Gleichmute. Das Schreiben war lang, denn es entielt einen gedrängten Auszug des Allerwichtigsten aus den Mitteilungen Sloboda's und des Maulwurffängers, die Adrian als freche Betrüger und speculirende Schurken hinzustellen nicht unterliess. Grösseres Gewicht hatte der umsichtige Fabrikherr auf die Hindeutung gelegt, dass von ihrem verstorbenen Vater irgendwo in der Welt natürliche Kinder noch am Leben sein sollten, oder doch sein könnten, so wie auf die vorgebliche Schenkung, welche Magnus der schönen Wendin gemacht haben sollte, um die gereizten Gemüter zu beruhigen. Zwar fügte er mehrmals hinzu, dass er die ganze geschichte für blosse Erdichtung halte, um Geld zu erpressen, doch fordere Pflicht und brüderliche Liebe, den fernen Bruder von dem Vorfalle in Kenntniss zu setzen. Auch liege er ihn dringend an, wenn er irgend etwas über Verhältnisse ihres Vaters und daraus entstandene Folgen in Erfahrung gebracht habe oder je bringen sollte, dies ihm schleunigst wissen zu lassen, damit er seine Massregeln ergreifen und die unbequemen Dränger so schnell wie möglich beseitigen könne.
Aurel faltete den Brief wieder zusammen, liess zwei breite Strahlen dunkelblauen Rauches durch seine Nasenlöcher strömen und schlürfte die zweite Hälfte des Glases Portwein. Dann streckte er beide Beine aus, legte die Füsse über einander, rückte seinen runden Hut so nach vorn in die Stirn, dass er sich mit dem Hinterkopfe bequem an die Wand lehnen konnte, und nahm ein Blatt der Times, in dem er mit grosser Aufmerksamkeit über eine Viertelstunde las. Dann warf er es weg, bestellte ein zweites Glas Portwein, setzte sich wieder wie andere gebildete Menschen und zog nochmals den Brief aus der tasche.
"Bei Gott, ich glaube, die beiden alten Männer haben Recht!" sprach er nach einiger Zeit zu sich selbst, indem er zum zweiten Male den Brief in seine tasche schob. "Papa war ein loser Finke, wie ich schon als Junge gehört zu haben mich erinnere, und so kann es mit dem Herumlaufen einiger natürlicher Kinder schon seine Richtigkeit haben. Pah, was tut das! Einen tüchtigen, geistreichen Kerl genirt das nicht. Verbotene Gedanken haben den meisten Reiz, zeugen von überwiegendem geist, warum sollte der Mann anstehen, wenn ihn die Lust dazu treibt, geschwind 'mal einen physischen Witz zu machen? Ich merke, dass ich der ächteste Sohn meines galanten Herrn Vaters bin. Alle Nationen können zur Not auf Führung des gräflich Bobersteinischen Wappens Anspruch machen. Wer sich darum kümmern wollte! Aber freilich die Schenkungsurkunde –? sie wäre ein dummer Spass! Sollte sie ächt sein, so könnte sie geniren. Aber ich glaube nicht daran, mein Vater war zu klug, um, wär's auch nur zum Scheine, so unvorsichtig zu handeln."
Einige Minuten lehnte sich der Kapitän in der eben angedeuteten Weise wieder zurück, blies starke Rauchwolken aus den Nasenlöchern und fuhr dann fort:
"Wissen möchte' ich schon, ob ein ächter Boberstein, wie ich, sich vor einem natürlichen schämen müsste. Wo mögen diese älteren Geschwister von mir leben, wenn sie wirklich vorhanden sind, wirklich existirt haben? Ich bitte Dich, gutes Glück, führe mich mit einem derselben zusammen! Es soll auch, gefällt mir der illegitime Bruder oder die naseweis in die Welt gesprungene Schwester, gewiss und wahrhaftig nicht ihr Schade sein! Bei Gott, das soll es nicht!"
Aurel trank sein Glas aus, warf den Betrag in neuen Schillingen auf den Tisch und verliess den Alsterpavillon, um schief über den Jungfernstieg nach der alten Stadt London zu gehen und dort sein Mittagsmahl