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Der junge Kapitän, keineswegs gleichgiltig gegen Jugend, Schönheit und flehende Mädchenstimmen, blieb stehen und überlief mit blitzendem Auge die vier Mädchen, die alle mit lächelnden Gesichtern ihre auf lange Holzstiele gebundenen Sträusser ihm vorhielten. Auf der schönsten der Vierländerinnen liess er wohlgefällig seine Blicke ruhen. Die Schöne lachte ihn mit ihren grossen dunkelblauen Augen noch freundlicher an als zuvor und wiederholte ihre Bitte, den schönsten ihrer Sträusse nach allen Seiten wendend, um seine Vorzüge ins beste Licht zu stellen.
"Wie heisst Du, mein Kind?" fragte der Kapitän.
"Dörte," erwiderte das Mädchen, ein paar Reihen der prächtigsten Zähne unter den kurzen vollen Lippen zeigend, auf denen die Sonnenfunken eines immerwährenden Lächelns flimmerten.
"Was verdienst Du mit dem Blumenhandel?" fragte der Kapitän weiter, während er auch den andern drei Mädchen, die sich wieder zurückgezogen hatten und traulich neben einander an der Häuserreihe standen, um neue Käufer abzuwarten und vorübergehende junge Herren anzurufen, seine prüfende Aufmerksamkeit zu teil werden liess.
"Gnädiger Herr," versetzte die schöne Vierländerin, "ich brauche nicht viel und da bin ich immer zufrieden mit dem, was ich einnehme. Die jungen Herren sind immer gütig gegen mich."
"Das heisst, mein Kind?" fragte der Kapitän und fasste das Mädchen sanft am Kinn, ihr recht warm und tief in die dunkelblauflammenden Augen sehend. Dörte schlug ihn leicht auf die Hand und trat einen Schritt zurück.
"Ei, sie sind artiger, wie Sie! Sie fragen nicht, sondern nehmen ein Sträusschen und geben mir dafür, was ihnen in die hände kommt. Wem ich gefalle, der beschenkt mich reichlich."
Die beredte Blumenverkäuferin gefiel dem Kapitän. Er hatte es gern, wenn junge Mädchen recht ungenirt scherzten, und zog solche den schüchternen prüden Gänschen jederzeit vor, wie sie leider nur zu häufig auf den Divans der Gesellschaftssäle angetroffen werden.
"Bist Du täglich hier, Dörte?" fragte er weiter, das dargebotene Sträusschen aus ihrer Hand nehmend und einen Vierschilling dafür hineinschiebend. Dörte machte einen Knicks und sagte schelmisch:
"Alle Tage, wenn der gnädige Herr befehlen."
"Und wo wohnst Du?"
"Wo es mir gefällt."
"Für gewöhnlich, kleiner Schelm?"
"Nun hier!" erwiderte Dörte, als wundere sie sich über so curiose fragen. "Sie sehen ja, dass die Sonne ganz prächtig auf diese Bank hier scheint und dass die Ladendächer ein Schutz gegen Wind und Regen sind."
"Und des Nachts, lustige Finke?"
"Da bin ich mit meinen Gefährtinnen zusammen."
"Ich verspreche Dir täglich eine Mark, wenn Du mir, so oft Du kannst, einen recht ausgesuchten Blumenstrauss in mein Logis bringen willst," sagte der Kapitän.
"Das würde mir schaden, gnädiger Herr," entgegnete Dörte. "Ich darf meinen Platz nicht verlassen, sonst verliere ich meine Kunden. Wollen aber der gnädige Herr alltäglich hier vorüber spatzieren, so soll es Ihnen nie an einem annehmbaren Sträusschen gebrechen."
Ein abermaliger Knicks begleitete diese mit scherzhafter Grazie gesprochenen Worte, worauf Dörte auf einige andere Vorübergehende zutrat und mit gleicher Bitte und Zumutung ihre Sträusschen ihnen entgegenhielt.
"Nun also auf Wiedersehen, schön Dörtchen!" sagte der Kapitän, indem er der Vierländerin verstohlen eine Kusshand zuwarf. Den süssen Duft des Strausses in langen Zügen einschlürfend, ging er dann weiter nach dem Jungfernstiege. "Das Mädchen muss ich genauer kennen lernen," sprach er zu sich selbst. "Ich muss erfahren, wo sie wohnt, wer ihre älteren sind, ob sie Geschwister hat und was sie in Zukunft zu machen gedenkt? Es sind doch reizende Geschöpfe diese Vierländerinnen – schlank, voll, zart und feurig, aber zurückhaltend wie der Teufel. Für ein einziges solches Naturkind lass' ich Hundert unserer kokettirenden Gesellschaftsdamen sitzen. Und kurz und gut, die Dörte muss zu mir kommen oder –"
"Sie entschuldigen, Herr am Stein," unterbrach eine rauhe stimme den gang seiner Gedanken, "ich habe Ihnen einen Brief zu überreichen. Da Sie mir grade begegnen, erlaube ich mir, Sie einen Augenblick aufzuhalten. Sie bemerken, das Schreiben ist empfohlen!"
Es war der Briefträger, der den in seinen schönsten Gedanken schwelgenden Kapitän auf so prosaische Weise störte. "Schon gut," sagte dieser, den Brief annehmend. "Zahlung erfolgt, wenn Sie wiederkommen."
Der Briefträger ging ärgerlich grüssend vorüber, der Kapitän aber steckte den Brief gelassen in die Brusttasche seiner Jacke und trat, immer den duftenden Strauss an Lippe und Nase drückend, in den Alsterpavillon. Hier wimmelte es von Gästen, die an kleinen Tischen sitzend Zeitungen lasen, Kaffee, Tee oder Wein tranken, und Cigarren rauchten. Eine Menge junger Leute standen in der Mitte des Pavillons um das Billard und spielten mit grosser Beharrlichkeit Poule.
Der Kapitän setzte sich in eine Ecke des geräumigen Locals, bestellte ein Glas Portwein, liess sich vom Kellner Feuer bringen und brannte sich eine köstlich duftende Havannaheigarre an. Erst als er Wein und Cigarre geprüft hatte und Beide vortrefflich fand, holte er den Brief aus der tasche und erbrach ihn.
Unsere Leser lernen in diesem Kapitän einen jüngeren Bruder des Grafen Adrian von Boberstein kennen, und es wird jetzt nötig sein, über diesen in unserer geschichte neu auftretenden Charakter, der später eine wichtige Rolle darin übernimmt, einige Nachrichten einfliessen zu lassen.
Von