zugehört. Jetzt stand er mit feinem Lächeln auf, dankte den Greisen für ihre Mühe und wünschte ihnen glückliche Reise.
Beide stutzten und massen den ironisch- höflichen Grafen mit grossen Blicken.
"In der Tat, meine Lieben, ich danke Ihnen recht sehr," wiederholte Adrian. Sie haben sich angestrengt, um mir Aufschlüsse über meine Familie zu geben, wie ich dies von Fremden nicht erwarten durfte. "Leben Sie wohl!"
"Aber mein Herr Graf," unterbrach ihn Sloboda, "Sie scheinen ganz zu vergessen, dass wir die Vergangenheit lebendig vor Ihnen werden liessen, um Sie zu überzeugen –"
"Wovon, mein guter Alter?"
"Von der Rechtmässigkeit meiner Ansprüche auf den fünften teil der ehemaligen Besitzungen des Grafen Magnus."
"Sagten Sie nicht, dass Haideröschens Kind gestorben sei?"
"Die Bäuerin, der es meine Tochter übergab, während ich nach Polen vorauseilte, behauptete es und liess es, da Haideröschen in Folge der vielen Strapazen und heftigen Gemütsaufregungen in eine schwere Krankheit verfallen war, in der Stille beerdigen."
"Es sind also keine Erben da?"
"Doch, mein Herr Graf," fiel der Maulwurffänger ein. "Ein Sohn Haideröschens lebt."
"Ein Sohn von Clemens?"
"Von dem Gatten meiner Tochter," sagte Sloboda.
"Lieber Alter," versetzte Adrian, "dann gebe ich Euch den guten Rat, vererbt ihm das Besitztum seiner leichtfertigen Mutter und gebt ihm meinetwegen noch das Stückchen Papier mit in den Kauf, mit dem ihr armen Schwachsinnigen so grosse Wunder bewirken zu können glaubt. Dieser alte Fetzen ist keinen heller wert. Jeder advokat wird Euch das sagen."
"Sie scherzen, Herr Graf!"
"Ich scherze nie! Nochmals, glückliche Reise!"
"Graf Adrian," nahm der Maulwurffänger abermals das Wort, "halten Sie unsere Erzählung für ein Mährchen?"
"Bittet, dass ich dies tue," erwiderte ernst und düster der Graf und sein Gesicht glich auffallend dem seines Vaters, "sonst dürftet Ihr entweder in die Irrenanstalt oder in das Zuchtaus wandern!"
"Herr Graf!" rief Heinrich und stützte sich trotzig auf seinen Stab.
"Es ist, wie ich sage," fuhr Adrian fort. "Ihr seid Betrüger oder Verbrecher. Vor Beiden schützen mich die gesetz des Staates. Aber ich will annehmen, dass Ihr mich mit lustigen Geschichten habt unterhalten wollen."
"Bedenken Sie, was Sie tun!"
"Bedenket Ihr, was Ihr wagt!"
"Wir klagen, Herr Graf," sagte Sloboda.
"Wie es Euch beliebt."
"Wir ziehen die Schandtaten Ihrer Ahnherrn an's Licht," drohte Heinrich.
"Dabei kann die Particulargeschichte nur gewinnen, wenn ich es nicht vorziehe, Euch zuvor als freche Betrüger einsperren zu lassen!"
"Dann zittern Sie vor den Geistern, die diesen Felsen umschweben!" rief der Maulwurffänger. "Zittern Sie, wenn ich sie anrufe und tote erwecke, damit sie zeugnis ablegen; zittern Sie, rufe ich Ihnen zu, oder reichen Sie uns die Hand zum friedlichen Vergleiche!"
Adrian öffnete die Tür und rief einige Diener herbei.
"Begleitet diese Herren bis auf die Fähre," befahl er trocken, "sorgt, dass sie unter Bedeckung durch den Wald gebracht werden und benachrichtigt mich davon, sobald es geschehen ist."
Diese Befehle des reichen Mannes wurden pünktlich vollzogen. Die beiden Greise mussten mit stillem Ingrimme die Insel verlassen. Adrian aber setzte sich unmittelbar nach der Entfernung so unwillkommener Gäste hin und teilte das Vorgefallene seinen beiden Brüdern mit.
"Man muss sich vorsehen," sagte er, als er die Briefe siegelte. "Leute, die solche Drohungen wagen, haben in der Regel heimliche Hinterhalte, die sie erst später benutzen. Schützen wir uns, ehe der Kampf beginnt."
Ende des zweiten Teils.
Dritter teil
Fünftes Buch
Erstes Kapitel.
Aurel.
Die Versammlung der Kaufleute an der Hamburger Börse war ungemein zahlreich. Kopf an Kopf gedrängt bildeten die verschiedenen Bestandteile der Börsenmänner eine feste auf- und niederwogende Masse. Als sich die Weltandelsherren endlich trennten, ergoss sich ein breiter, lebhaft sprechender Menschenstrom in die nächsten Strassen. Besonders laut waren die Schiffskapitäne, die ausserhalb der Schranken der eigentlichen Börse, auf dem platz vor dem rataus, zu vielen Hunderten sich drängten. Sie waren leicht von Kaufleuten und Mäklern zu unterscheiden durch ihre fast ganz gleiche Tracht die aus kurzen, um die Hüften eng anschliessenden Jacken von feinem blauen Tuch und Beinkleidern von demselben Stoffe bestand. Aus der linken Seitentasche der Jacke hing bei den meisten der Zipfel eines feinen buntseidenen Foulards.
Beide hände in den Taschen seiner Jacke schlenderte getrennt von der auseinanderstäubenden Menge ein schlanker junger Mann über den Neess, durch die kleine Johannisgasse nach der Strasse, die damals noch den Namen "hinter dem breiten Giebel" führte. Das lebhafte, scharfe Auge, der wiegende gang, der muntere, ja leichtfertige Ausdruck seines Gesichtes verrieten den genusssüchtigen Weltmann, der es versteht, die Sorgen des Lebens mit keckem Ruck von sich zu schütteln. An den Häuserreihen angekommen, die nach dem alten Jungfernstiege führten, ward er durch einige junge Mädchen aufgehalten, die ihm mit zierlich gebundenen Sträusschen den Weg vertraten und mit lieblichen klaren Stimmen um Kauf derselben baten. Die niedrigen breitrandigen Strohhüte mit den abwärts gebogenen Krempen liessen in den hübschen schlanken Kindern die Vierländerinnen nicht verkennen