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noch gehöriger Aufsicht, um die Flammen an weiterem Vordringen zu hindern. Eine Anzahl seiner eigenen Leute nebst einigen Wenden wurden überall hin verteilt, so weit die Glut sich erstreckte, die Uebrigen nebst Sloboda und dem Maulwurffänger brachen nach der Waldblösse auf, wo sie die wendischen Frauen und Mädchen ihrer harrend wussten.

Zwei Stunden nach Mitternacht erreichten sie die "Streu", wie diese Blösse genannt wurde, schauerlich von den Flammen der Haide und der Glut des in den Himmel hinaufwallenden Rauches erleuchtet. Wie Geister auf Grabmälern sassen die erschrockenen Wendinnen in weitem Kreise, bewacht von den Vertrauten des Räubers, die ebenfalls ihre Blicke in stillem Entsetzen auf den grässlichen Brand hefteten, dessen breite Schwertlohen häufig aus der blutigen Woge, die über dem Saum der Bäume lag aufblitzten und dann eine furchtbare Helle weitin verbreiteten.

Hier sah Herta ihr geliebtes Haideröschen wieder und beide gleich Unglückliche sanken einander schluchzend in die arme. Sie hatten keine Worte für ihr unendliches Weh, nur ihre Tränen, ihre Blicke, ihre Küsse und Händedrücke sprachen. –

Johannes gönnte den Ermatteten ein paar Ruhestunden. Erst gegen Morgen, nachdem ein die Erde weitin erschütternder Donner durch die Haide gerollt und eine breite Feuersäule zu unermesslicher Höhe emporgestiegen war, Zeichen, welche den gänzlichen Einsturz des Schlosses Boberstein verkündigten, gab er Befehl zum Aufbruch. Die Leiche des Grafen Erasmus fand ihre Grabstätte unter den glühenden Trümmern der zerstörten Burg und nie, auch nicht bei dem spätern Aufbaue, ward eine Spur von dem Verschütteten wieder gefunden. Grade die Schlosshalle mit den darunter befindlichen Gewölben war von den Flammen bis zur Unkenntlichkeit zerstört worden. –

Noch war es Nacht, als Sloboda von Johannes und dessen Tochter, von Clemens, Ehrhold, dem Maulwurffänger, Röschen und einigen andern Wenden begleitet, seinen Wohnort erreichte. Am Horizont rollten gleich einem blutigen See die Wogen der Flammen und erleuchteten viele Meilen weit die gleichförmigen Haidestrecken und die in denselben zerstreut liegenden Dörfer und Höfe. Durch Zufall betraten die vom Rachewerk Zurückkehrenden den stillen Ort auf der Stelle, wo das Gemeindehaus lag. Sloboda gedachte seines armen Sohnes und blickte auf die baufällige Hütte. Da sah erund eisiges Frösteln durchrieselte seine Gebeinein der fehlenden Fensterlücke das bleiche, immer lächelnde Antlitz Natanaels mit den blödsinnig stieren Glasaugen! Der Wahnsinnige starrte unverwandt in die fürchterliche Glut und schien sich an dem Wogen und Wallen der Flammen, an dem Auflodern und Zusammenstürzen der unermesslichen Rauchwolken ungemein zu ergetzen.

Sloboda blieb stehen und deutete auf das niedrige Fenster mit der stieren lächelnden Gesichtslarve.

"Das ist mein Sohn," sagte er vor Schmerz und Schaudern bebend, indem er die Hand des Räubers fasste. "Auch die Seele dieses Armen liegt vor Gottes heiligem Trone und verklagt den Grafen!"

"Ha, ha, ha!" lachte Natanael, der jetzt durch seines Vaters stimme aus seinem Geistesschlummer erweckt, die Vorübergehenden gewahrte. "Ihr kommt wohl vom Leichenbegängniss? Das war ein prächtiger Fackelzug, wie ich ihn mein Lebtage nie gesehen habe! Jetzt sind die Todtengräber dabei. Seht nur, wie lustig sie das Grab über ihn türmen!"

Und wieder presste er das Gesicht fest in die Lücke und starrte lautlos in die dunkler werdende Lohe. –

Erschüttert zogen die Wenden vorüber. – – –

Die Schreckenskunde von diesem beispiellosen Haidebrande, der erst nach vierzehn Tagen in sich selbst erlosch, und von dem Schicksale, welches dabei die Familie Boberstein betroffen hatte, verbreitete sich schnell in die Nähe und Ferne. Graf Magnus mit den Seinigen war entflohen. Er kehrte lange Zeit nicht zurück, da er einen neuen Angriff auf sein Leben fürchtete. Man wusste jedoch, dass er durch geschickte Spione die Stimmung der Wenden erforschen liess und ausserdem entschiedene Massregeln zu Verwaltung seiner unverwüsteten Besitzungen getroffen hatte. Die ihm zugehenden Berichte lauteten besser, als er hoffen durfte. Die Wenden waren still und friedlich zu ihren täglichen Beschäftigungen zurückgekehrt, bis auf Wenige, die es für ihre Sicherheit nötig erachteten, die Heimat gänzlich zu verlassen. Zu diesen gehörte Sloboda mit Clemens und Haideröschen. Sie verschwanden eines Tages, ohne dass Jemand mit Bestimmteit sagen konnte, wohin sie sich gewendet hatten. Nur der blödsinnige Natanael blieb zurück und sah vor wie nach durch die Fensterscheibe viele, viele Jahre lang, ohne Wunsch, ohne Hoffnung, ohne Gedanken! –

Mit diesen drei Wenden verscholl auch Herta. Sie war mit ihrem Vater in die tiefste Haideeinsamkeit gezogen und später, als Johannes sein räuberisches Handwerk aufgab, gleich diesem dem Gedächtniss der Menschen entschwunden. Von Haideröschen wollte man wissen, dass sie unterwegs auf ihrer Flucht von einem Mädchen entbunden worden sei, das jedoch bald nach der Geburt gestorben sein sollte. Wie Alles, was nicht immer durch frische Farben neu belebt wild, vergass das Volk in Kurzem die Ausgewanderten sammt ihrem Schicksale. Magnus kehrte inzwischen zurück, nachdem er sich im Auslande mit einer reichen Erbin verheiratet hatte, und lebte abwechselnd auf seinen Gütern und auf grösseren Reisen. Dadurch kamen seine Vermögensumstände immer tiefer in Verfall, so dass er nur durch Aufnahme grosser Kapitalien und durch Veräusserung einzelner Besitzungen standesmässig leben konnte. Seine Gattin, mit der er in sehr unglücklicher Ehe lebte, gebar ihm drei Söhne, denen nach seinem tod das, was von der grossen herrschaft Boberstein übrig geblieben war als Erbe zu gleichen Teilen zufiel. – –

Hier endigten Sloboda und Heinrich ihre Mitteilungen an den Grafen Adrian. Dieser hatte anscheinend mit grosser Aufmerksamkeit, aber nicht mit dem geringsten Zeichen von Ausregung den Erzählungen beider Männer