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von Knechtshänden aus Boberstein werfen liess."

Magnus starrte den Räuber mit wahnsinnigem Auge an. "Johannes," stammelte er, "Johannes am Leben und ein Sohn des Waldes? Das wäre entsetzlich!"

"Nicht entsetzlicher, als wenn ein Graf schuldlose Jungfrauen überfällt und sich und die Menschheit entehrt! – Blicken Sie hinter sich, Herr Graf! Die Gerechtigkeit des ewigen Gottes ist es, die Ihrem Vater diese Leichenfackel angezündet hat. – Es sind lange lange Jahre vergangen und nie schlug die Stunde würdiger Vergeltung, heute endlich, wo das Mass Ihrer Sünden überschäumte, heute ist sie gekommen, und nicht ich allein, dem Sie wie ein verworfener Bube das Kind innigster Seelenverwandtschaft entehrt haben, nein, die Gesammteit Ihrer Untertanen, die Sie zu schützen von der Vorsehung berufen waren, und die Sie mit Füssen traten, sie Alle haben sich gemeinsam wie ein einziger Mann erhoben. Dies arme gemisshandelte und verachtete Volk ist aber mild auch in seinem Richteramt. Es will Sie nicht vernichten, nicht langsam zu tod quälen, sondern bloss an Ihr eingeschläfertes Gewissen klopfen und in die dunkeln Falten Ihrer Seele mit der entflammten Fackel der Vergeltung hineinleuchten! – Mir und der milden Gesinnung Ihrer Untertanen haben Sie es zu verdanken, dass nichts Härteres über Sie verhängt worden ist. Gehen Sie jetzt, wohin Sie wollen, es wird Sie Niemand hindern. Nur mein Kind fordere ich von Ihnen zurück."

Während Johannes sprach, hatte Magnus sich vollkommen gesammelt.

"Zurück, Elender!" rief er jetzt dem Räuber zu. "Danke Gott und meiner Gnade, wenn ich Dich nicht kennen will, Du würdest sonst dem wohlverdienten tod am Galgen nicht entgehen!"

Er wollte vorwärts eilen, denn noch immer griff das Feuer um sich und glühende Funken fielen in grosser Menge zu Boden. Da riss Johannes seinen Hirschfänger aus der Scheide und die ihm zunächst Stehenden schlugen die Büchsen auf Magnus an.

"Mein Kind!" sagte der Räuber barsch und doch mit einem Tone, in dem unwillkürlich eine flehende Bitte weich verhallte. "Mein Kind oder Du und die Deinen fallen durch meine Hand und die Glut der Haide verzehrt Eure Gebeine!"

Magnus' Trotz war noch nicht gebrochen. Von Neuem umschlang er Herta, die sich vergebens sträubte. Wie zum Hohne griff er mit roher Faust in ihr wallendes Lockenhaar, um sie hinter sich her zu schleifen und der Macht die auftobende Brutalität der leidenschaft entgegenzusetzen. Allein eben so rasch war er umringt und die Hand eines Mannes, dessen Gegenwart er vor Allem fürchtete, lag, wie die Tatze eines Tigers, an seiner Kehle.

"Blauhut," raunte ihm der Mann zu, "kennst Du den Maulwurffänger und das Erlengebüsch, wo Dich ein junges Weib um Erbarmen flehte? Du hattest kein Mitleid mit der Armen, Du wusstest nur Mittel zu finden, die Bittende zum Schweigen zu bringen. Erinnere Dich dessen und wisse, dass der Maulwurffänger Zeuge Deiner Taten war!"

Der Graf keuchte unter den eisernen Fingern des wütenden Landmannes. Herta entwand sich ihm und eilte in die offenen arme ihres Vaters.

"Nehmt sie hin," stotterte er, "und seid verflucht!"

"Sei Du verflucht, schamloser Ehrenschänder!" klang eine andere nicht minder furchtbare stimme in das Ohr des Grafen. Er schlug die vom beizenden Rauch wunden Augen auf und erkannte die riesige Gestalt Sloboda's. "Ja, sei verflucht," wiederholte der Wende, "sei verflucht, bis Du in Dich gehst und Reue, qualvolle Reue jede Secunde Deines Lebens vergiftet! Sei verflucht, bis die Geister derer, die Du in Elend, Schande, Wahnsinn und Tod gejagt, vor Dir aufsteigen und durch gemeinsames Gebet die zahllosen Verbrechen, die Du begangen hast, von Deinem haupt nehmen."

"Sei ewig verflucht!" hallte es tausendstimmig von dem tobenden Schwarm der Leibeigenen wieder, die mit Knütteln, Sensen und andern Werkzeugen im sausend niederprasselnden Feuerregen diesem entsetzlichen Auftritt beiwohnten und ihm zur wahrhaft höllischen Staffage dienten.

Da sank Magnus doch der Mut! Er fühlte schaudernd, wenigstens auf Minuten, dass ein Gottesgericht über ihn hereingebrochen sei, und wie ein Verbrecher, der es nicht wagt, den sündigen blick zum reinen Himmel aufschlagen zu dürfen, winkte er mit der Hand und schlich, wie bei den Römern die besiegten Feinde durchs Joch, gebückten Hauptes durch die Schaar seiner Leibeigenen, die eine schmale Gasse öffneten und den Gerichteten unangetastet, nur Verwünschungen über ihn ausstossend, in die freie Haide entliessen. Erst einige hundert Schritt hinter dem zürnenden Volk traf er mit den Seinigen wieder zusammen, von denen es Keiner, Utta nicht ausgenommen, für ratsam erachtet hatte, in der drohendsten Gefahr dem allgemein Verhassten beizustehen oder mit ihm zu unterliegen. In ihrer Mitte verschwand der Geächtete im rollenden Dampf der Flammen. –

Johannes hatte seinen Zweck erreicht. Magnus war bestraft, vertrieben, die Burg seiner Väter sank in Staub und Asche, und Herta, sein geliebtes Kind, das Vermächtniss der unglücklichen Eugenie, war ihm wiedergegeben! – Es blieb jetzt nichts mehr zu tun übrig, als dem noch verderblicheren Umsichgreifen der Flammen zu steuern. Auf sein Geheiss war man schon beim Entzünden der Haide darauf bedacht gewesen. Bei weitem der grösste teil der Wenden hatte ringsum in ziemlicher Entfernung vom See an Stellen, wo die Waldung nicht durch Holzschläge oder unbebaute Stellen begrenzt war, Erdwälle aufwerfen und Bäume niederschlagen müssen, und so bedurfte es jetzt nur