Farben wieder auf."
Sloboda, von dem Gehörten ganz betäubt, schüttelte mehrmals den Kopf, als könne und dürfe er nicht daran glauben. Nach einer Weile fragte er lebhaft: "Wie ist Natanael gestorben? Ich habe oft in der Fremde sein Schicksal beklagt, obwohl er glücklicher war als ich!"
"Er starb den Tod der Armen," versetzte Heinrich. "Fasse Dich nur in Geduld, Du sollst über Nichts in Zweifel gelassen werden und Alles soll beitragen, Deine Feinde, die immer auch die meinigen sein werden, zu demütigen, wo möglich zu stürzen, Dich aber zu erhöhen."
"Ich verlange nicht darnach, Freund, ich will mich glücklich schätzen und dem Vater im Himmel danken, wenn ich in nicht gar langer Zeit ruhig und glaubensvoll sterben und dann sagen kann: Gott Lob, Deine Gnade hat sich wunderbar an mir und den Meinigen offenbart!"
"Das ist, nimm mir's nicht übel, Jan, ein Bischen wendisch gesprochen! Die göttliche Gnade mag eine ganz hübsche Einrichtung sein, zu der wir in schlimmen Stunden Alle unsere Zuflucht nehmen können, allein mein Kopf- und Ruhekissen will ich mir nicht damit ausstopfen lassen. Ein Stück redlicher Wille und geistige Kraft reichen schon eine Weile aus und befriedigen mehr als die liebe Gnade, und überdies taugt es in dieser verdorbenen Welt oft gar nichts, wenn man allzu häufig von ihr Gebrauch machen will. Ich halt's in diesem wie in manchem andern Punkte mit meinen Landsleuten, den Bauern, die immer und immer, wenn ihnen der Pfarrer hundert erquickliche Predigten von Vergeben und Hinhalten des andern Backen vorgesagt hat, auf die einfachen und vernünftigen Worte zurückkommen: So denke ich eben auch, Herr Pfarrer, aber ich will justement mein Recht und sollte mich's den letzten Groschen kosten! – Diese Bauernregel, Freund Jan, ist ein Satz voll Weltweisheit, den Niemand vergessen sollte, am wenigsten der arme, der Gedrückte. Erst wenn jeder arme unablässig nach dem Rechte schreit und Blut und Gut, so viel er eben davon hat, willig dafür hingibt, erst dann wird es besser werden mit dem volk. In meinen Gedanken stelle ich mir unter dieser Zeit der allgemeinen Rechtsherrschaft das vor, was die Gottesgelehrten das tausendjährige Reich nennen."
Während Heinrich wieder Feuer anschlug, fuhr er fort: "Bisher, Alter, habe ich von dem gesprochen, was sich hier zugetragen hat, jetzt, dächte ich, wär' es Zeit, dass Du auch mir Dies und Jenes von Deinen Erlebnissen mitteiltest. Ich sehe, dass Röschen Dich zum Grossvater gemacht hat, denn der Page da hat die ganzen Augen der Mutter."
"Paul ist mein Enkel, Du hast es erraten, der einzige noch übrige Sprössling meines unglücklichen Kindes! – Lieber Gott, was soll ich viel von meinem Leben voll Arbeit, Mühseligkeit und Drangsal sprechen! – Als ich mit den Meinigen nach jenem entsetzlichen Ereignisse die Flucht ergriff, nahm ich den niederschmetternden Eindruck des Erlebten mit mir in die Fremde. Froh und heiter ward ich nur auf Stunden. Es gelang mir, durch grosse Sparsamkeit und unermüdliches arbeiten nach Jahren etwas vor mich zu bringen, wobei meine Tochter mit ihrem mann mich redlich unterstützte. Röschen gebar ihrem Gatten drei Söhne, wovon Paul der jüngste ist. Sie wuchsen zu unser Aller Freude kräftig auf und ihre älteren glaubten, dass vor dem dereinstigen Glück dieser Kinder ihr eigenes Unglück endlich ganz in den Hintergrund treten werde. Obwohl die älteren es wünschten, dass sich die um Vieles älteren Brüder Pauls vorteilhaft verheiraten möchten, blieben sie doch ledig, zu unserm Glück, muss ich sagen nach dem, was später sich ereignete. Ich übergehe die kleinen Erlebnisse im haus, da sie von keiner Wichtigkeit sind. Unser Umgang war so beschränkt, dass wir eigentlich nur unter uns allein lebten und einen kleinen Staat für uns bildeten. Wir waren den Umständen nach zufrieden, denn was wir besassen, darüber konnten wir nach Belieben verfügen. Es gab keinen Herrn, der uns plagen und schinden durfte, obwohl wir nur zu oft dies Schauspiel bei den armen verdummten Bauern traurigen Blickes mit ansehen mussten. – Da brach die Revolution aus und gestaltete das ganze Land um. Alles, was Waffen tragen konnte, musste freiwillig oder gezwungen unter die Reihen der Vaterlandsverteidiger eilen. Auch Pauls ältere Brüder teilten mit tausend Andern das nämliche Schicksal. Sie schlossen sich den gefürchteten Sensenmännern an, und obwohl sie mit ihren Herzen nicht Polen waren, muss ich ihnen doch das zeugnis geben, dass sie rühmlich und heldenmütig ihr zweites Vaterland gegen die hereinbrechenden russischen Heere verteidigten. Bei Ostrolenka fiel der Aelteste, mit Wunden bedeckt kehrte sein Bruder zu uns zurück, um uns die Trauerkunde zu überbringen. Die Mutter warfen Schreck, Kummer, Verzweiflung aufs Krankenlager. Nach kurzer Rast verliess uns der kaum von seinen Wunden Genesene abermals, diesmal in Begleitung seines Vaters. Es galt die Verteidigung der Hauptstadt, zu der auch ältere Männer dringend aufgerufen wurden. Vater und Sohn schieden mit stummem Händedruck von meiner weinenden Tochter und von Paul, der allein mit mir und zwei jüdischen Dienstboten bei der Kranken zurückblieb. Ich habe die Scheidenden nicht wiedergesehen. Russische Kartätschenkugeln zerrissen Beide in einem Augenblicke auf den Schanzen von Wola! Dieser neuen Todesbotschaft erlag auch Röschen. Sie ruht, von Immergrün umrankt, in den polnischen Wäldern! Ich gedachte bald neben sie gebettet zu werden, als Dein Brief das erlöschende Licht meines