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Männer, von denen die Meisten völlig ratlos waren, wieder in die Gemächer der händeringenden und zu keinem Entschluss, zu keinem Geschäft fähigen Frauen traten, hatte sich die Scene völlig geändert. Die Haide brannte so weit, dass man den unermesslichen Heerd der Flammen aus den Fenstern des Schlosses nicht mehr übersehen konnte. Die vermehrte Glut und der heftig wehende Wind, der hartnäckig steif aus Süden blies, riss von den höchsten Bäumen ganze Wipfel ab und trug die furchtbar lodernden Kronen als schreckenerregende Christbäume weit durch die Luft. Ein einziger dieser von Rache und gerechter Nemesis angezündeter Leuchter auf die im heissen Atem der Haide bereits glühenden Zinnen der Burg geschleudert, musste den Stammsitz der Boberstein rettungslos zerstören!

Von der nie gesehenen Grossartigkeit dieses entsetzlichen Brandes gefesselt, starrten Alle wie verzaubert in den tosenden Flammenocean. Wind und Feuer heulten, als zöge das wilde Heer mit seiner höllischen Meute durch die erhitzte Luft. Das Krachen der niederstürzenden Bäume, das seltsame diamantenähnliche Glimmern riesenhoher alter Stämme mitten in der dunkelroten, wirbelnden und zischenden Glut, das Auffliegen der abgeschlagenen nadelbehangenen Aeste, die, vom Winde erfasst, wie rotglühende Reiherfedern oft in ungeheuren Bogen fortgeführt wurden; dann wieder das Kämpfen und Auf- und Niedersteigen ganzer Schwärme in Brand geratener Waldkräuter und dürren Reisigs, die Wind und Flamme zugleich aufjagten und die nun einem Heere purpurbeschwingter Vögel glichen, welche in wunderbaren Flugfiguren sich haschen und ergetzen, und endlich das ununterbrochene Zusammenbrechen lodernder Stämme, das zahllose Aufwirbeln breiter leuchtender Funkensäulen, die einige Zeit lang in furchtbarer Pracht höher und immer höher wuchsen, zu Kapitälen von wunderbarer Arbeit sich erweiterten und nun das glühende Himmelsgewölbe mit seiner irrenden, jetzt entstehenden, jetzt wieder verlöschenden Sternensaat zu tragen schienen: dies Alles war wohl geeignet, selbst die grösste Todesgefahr auf Secunden vergessen zu machen und die unglücklichen Bewohner des dem Untergange geweihten Schlosses in die dämonischen Kreise seiner Zauber fest zu bannen.

Vergeblich strengte Herta ihre Augen an, um einen nahenden Retter auf dem blutigen Spiegel des See's zu entdecken. Minute verging nach Minute und Niemand erschien, keines Menschen stimme liess sich hören. Es war, als sei alles Leben erstorben und nur die blinde Macht des wilden entfesselten Elementes herrsche und drohe rund umher Alles in die wüste Nacht des Chaos zurückzustürzen! –

Aus dieser allgemeinen an Bezauberung grenzenden Letargie erweckte die entsetzten Gefangenen der Ruf eines hereinstürzenden Dieners, welcher händeringend verkündigte, dass die Burg in Brand geraten sei! Dies gab Allen Leben und Besonnenheit einigermassen wieder. Die Meisten stürzten nach dem Vorgemach, aus dessen in den Schlosshof gehenden Fenstern sie von dem linken äussersten Eckturme das rote Brandbanner flattern sahen. Das Feuer griff schnell um sich. Das Dach der ganzen einen Flanke stand binnen wenigen Minuten in vollen Flammen. –

Nun dachte Jeder nur auf seine Rettung. Alles rannte schreiend und fluchend durcheinander und stürzte dem Schlosstore zu, um den See zu erreichen. Noch war die Möglichkeit der Rettung vorhanden, denn im Nordost bildete die Haide eine schmale sumpfige Wiese, die ziemlich tief in den Wald hineinlief und von einem wasserreichen Bache durchströmt ward. Auf dieser Seite war die Haide bis jetzt noch unversehrt, nur erstickender Rauch hüllte sie in glühenden Dunst. Es galt über den See zu setzen, ohne von den Flammen lebensgefährlich beschädigt zu werden, und dann in schnellstem Laufe den Schutz der Wiese und durch sie die Freiheit zu gewinnen.

Auch Magnus entschloss sich, obschon mit Widerstreben, zu diesem Aeussersten. Ehe er jedoch Anstalt zur Flucht machte, liess er einen blick auf Herta fallen, der eine Welt von fragen entielt. Er erfasste die Hand seiner zitternden Cousine und flüsterte ihr zu:

"Herta, der Himmel selbst und sein Zorn will uns vereinigen. Siehst Du nicht ein, dass ich es bin, den er auserwählt hat zu Deinem Retter? Auf meinen Armen werde ich Dich durch die Flammen tragen und mir Dich gewinnen. Dem kannst Du nicht mehr zürnen, der Dich aus der Hölle erlöste, der mit seinem mund die Feuerfluten von Deinem erbleichenden Wangen abhielt!"

Doch Herta schüttelte nur traurig ihr schönes Haupt und kehrte sich von dem unermüdlichen Verführer.

"Gott wird mich schirmen," versetzte sie, "wenn es sein Wille ist, dass ich dieser Gefahr entrinnen soll. Retten Sie Ihre Mutter, ich bedarf Ihrer Hilfe nicht."

Sie verliess mit Emma das Zimmer, um nochmals ihre stille, so heimliche durch Freud' und Schmerz ihr unvergessliche wohnung zu betreten. Da hörte sie das Klirren der Messingkette am Fenster und sah das kluge zierliche Köpfchen des muntern Eichhörnchens unruhig daran hin und wieder fahren.

"Armes, kleines Ding," sagte sie, "Du sollst gleiches Schicksal mit mir teilen."

Darauf öffnete sie den Schieber, nestelte die Kette los und liess es geschehen, dass das niedliche Tier schnuppernd und sein Köpfchen furchtsam in den weiten Bauschen ihres Trauerkleides verbergend, auf ihre Schulter hüpfte.

"Emma," sagte sie mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Trauer und Niedergeschlagenheit, "der Fremde von gestern hat nicht Wort gehalten und doch nannte er sich meinen Vater! Ich unglückliches, verlassenes, von Allen verstossenes Kind!"

"kommt!" schrie Magnus mit Donnerstimme durch die sich weit öffnende Tür. "Schon brennt mehr als die Hälfte des Schlosses, die geringste Verzögerung muss uns unfehlbar einen grauenvollen Tod bringen!"

Entschlossen, wie er es im Augenblick der Entscheidung stets war, schritt er auf Herta zu, umschlang sie trotz ihrer Versuche, sich ihm zu