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jetzt langsam am Boden fortkriechend, dann in kühnen wilden Sprüngen von Wipfel zu Wipfel hüpfend und nun in goldenen Ballen sich mitten durch das Gezweig fortwälzend: so zeigte sich der verzehrende Brand, der bereits eine Viertelstunde breit, in Form eines an der Spitze sich ausbreitenden Keiles grade gegen das Schloss vorrückte.

"Ha die Elenden!" fuhr Magnus auf und knirschte

mit den Zähnen. "Jetzt weiss ich es, weshalb sie unterlassen haben, zur Leichenschau zu kommen. Die vermaledeiten Schurken haben mir die Haide angezündet, um mich zu ruiniren!"

An die Möglichkeit einer solchen Tat hatte bis

jetzt von allen Versammelten noch nicht Einer gedacht. Jeder wähnte, ein unglücklicher Zufall habe den schrecklichen Brand entstehen lassen, die Flamme sei von Ungefähr durch Köhler in die Haide gekommen oder sonst auf andere Art. Deshalb entsetzten sich Alle vor dem Ausrufe des jungen Mannes und starrten einander noch verwunderter in die bestürzten Gesichter.

"Das wäre ja offener Aufstand," sagte ein alter

kontrakter Herr, der an zwei Krückenstöcken durch das Zimmer humpelte. "Wie mögen Sie an so etwas glauben, mein werter Herrr Vetter! Leibeigene sind zu dumm und zu feig, um so krasse Mittel anzuwenden, wenn ihnen der neue Gebieter nicht gefällt."

"Meine teuern Anverwandten," entgegnete Ma

gnus, "geben wir uns allesammt keiner Täuschung hin. Wir sehen mit offenen Augen, mit Entsetzen im Herzen, dass die Haide in Flammen steht. Bleiben wir untätig hier sitzen, so wird die Glut auch uns erreichen. Selbst der See wird uns nicht schützen. Der Wind jagt die Flammen über die Türme, er wird sie entzünden und über uns zusammenstürzen."

"Quel horreur!" rief eine vornehme Gräfin, die so viel Ahnen zählte, als Deutschland Staaten, und drei und sechzig Jahre lang ein jungfräuliches Leben geführt hatte, "quel horreur, das wäre ja gegen allen Anstand!"

"Eben deshalb, meine Gnädige," fiel ihr Magnus in die Rede, "lassen Sie uns keinen Anstand nehmen, auf unsere Sicherheit zu denken. Folgen Sie mir, meine Herren! Vereint mit unserer Dienerschaft werfen wir jenseits des See's einen Damm auf, damit die Flammen sich nicht am Boden weiter verbreiten können, und reichen Zeit und Kräfte aus, so schlagen wir auch Bäume nieder, so viel wir vermögen. Hundert hände, und wir gebieten über mehr, können in der Stunde der Not viel leisten. Die Damen werden sich inzwischen bemühen, unter Anleitung meiner würdigen Mutter die wertvollsten Familienpapiere und die Kostbarkeiten des Hauses Boberstein für den Fall einer unausbleiblichen Flucht bereit zu halten."

Bei allen grossen Fehlern und Lastern, die Magnus anklebten und ihm den tödtlichen Hass aller rechtlichen Untertanen zugezogen hatten, besass er doch Energie und jenen gebietenden Ernst, der allem Widerspruch mit einem Worte ein Ende macht. Die Not drängte, die Wahrscheinlichkeit, dass Boberstein ein Raub dieser grauenvollen Feuersbrunst werden könne, lag vor Augen, und so entschloss sich denn der grössere teil der hochgeborenen ahnenreichen Trauergesellschaft, zu Hacke und Spaten zu greifen und gegen das verderbliche Element zu feld zu ziehen.

Noch war der laut geäusserte Gedanke des jungen Grafen blosse Vermutung, denn sichere Anzeigen von einer planmässigen und voraus berechneten Ansteckung der Haide waren nicht vorhanden. Deshalb glaubten auch nur Wenige an einen Aufstand der Leibeigenen, die Meisten hofften am jenseitigen Ufer Köhler und Haidebauern zu treffen, die mit ihnen vereint das um sich greifende Feuer bekämpfen würden.

Zum namenlosen Entsetzen dieser Sorglosen loderte während ihrer Ueberfahrt auf ganz entgegengesetzter Seite eine neue grässliche Feuersäule unfern des See's aus der dichtesten Haide auf. Zugleich vernahmen die erbleichenden Herren ein Geschrei, so wild, so anhaltend, so rachlustig, dass sie nicht länger an einem Aufstande zweifeln konnten. Den Dienern entsanken die Ruder und auch Magnus vergass das Steuer zu lenken. Willenlos trieb die Barke auf dem leicht bewegten, wie schäumendes Blut dahin rollenden See.

Es war ein Augenblick, dessen Grausen sich nicht schildern lässt. – Von allen Seiten drohte Verderben, Tod, denn auch auf einem dritten Orte züngelten neue grässliche Flammenbüschel empor, ergriffen die hin und her schwankenden harzgetränkten Wipfel der Tannen und setzten sie in helle Glut. Die boshaften Feinde des Grafen, ihres Anschlages sicher, hatten den See umgangen und schürten das wilde Element mit wahnsinnigem Behagen, um das Grafengeschlecht mit allen Seitenverwandten auf einmal zu vertilgen. Denn wer mochte noch zweifeln, dass die Entmenschten den Tod ihrer Gebieter beabsichtigten, dass sie den qualvollen Flammentod über sie verhangen hatten!

Unter diesen Umständen wäre es Torheit gewesen, erfolglos gegen ein Unabwendbares ankämpfen zu wollen. Sobald Magnus die neue Gefahr vollkommen bei sich erwogen hatte und nur in klug veranstalteter Flucht Rettung des Lebens erkannte, liess er Barke und Fähre, die beide mit schwarz gekleideten Männern überfüllt waren, zurück an die Insel rudern. Der Haidebrand, der jetzt in ungeheurem Halbkreise wie eine weit geöffnete, sich mit grausamer Sicherheit langsam verengernde Zange um Haide, See und Burg legte, war schon so nahe gekommen, dass man die Hitze deutlich selbst in dieser Tiefe empfand. Die roten Flammen bildeten eine blendende mehr als turmhohe Mauer und ihre zuckenden Spitzen verschlangen sich in tausend und abertausend kühnen Ribben und bauten eine Flammenkuppel über Boberstein, durch deren dunstige Wölbung Millionen feuriger Sterne schossen. Zahllose dieser flackernden Brände fielen zischend nieder in den See oder stürzten prasselnd und wie Pulver knisternd und puffend auf die bemooste Schieferbedachung der alten Burg.

Als die erschrockenen