"Folgt mir in tiefstem Schweigen!" rief Johannes und schritt, umgeben von den drei Wenden und Heinrich, über die Lichtung dem wald zu, in dem nach einer Viertelstunde die Kienfackeln wie funkelnde Leuchtkäfer verschwanden. Hinter den Räubern in dicht gedrängten Schaaren folgten die Leibeigenen, ihre Angehörigen dem Schutz der vereideten Söhne der Haide überlassend.
Fussnoten
1 Ohrfeigen.
Sechstes Kapitel.
Der Haidebrand.
Auf Boberstein trafen an diesem Tage zahlreiche Verwandte des verstorbenen Grafen ein, um am nächsten Morgen dessen feierlicher Beisetzung in der Familiengruft des Schlosses beizuwohnen. In der uns bekannten Schlosshalle ruhten auf schwarzem Katafalk die sterblichen Ueberreste des toten. Die Halle war mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, schwarze Gardinen verhüllten die Fenster, den Fussboden bedeckten schwarze Teppiche. Auf prächtigen Kandelabern von gediegenem Silber, ein Familienerbstück des Hauses Boberstein, brannten flimmernde Wachskerzen und verbreiteten Tageshelle in der sonst so düstern Halle. Die Dienerschaft ging in tiefer Trauer mit langen wehenden Flören um Arm und Hut.
Es war festgesetzt worden, dass von Anfang der Ausstellung bis zum Augenblick der Beisetzung eine Ehrenwache von sechs Männern in der Tracht trauernder Knappen den Sarg umgeben sollte. Diese Männer waren der Dienerschaft entnommen und unterzogen sich dem traurigen Loose von Abends sieben Uhr an. Um diese Zeit nahten sich auch die Verwandten des hohen Verstorbenen in ernster Haltung, um durch Auflegung ihrer hände ihm die letzte Ehre zu erweisen. Diesen langen Zug tief trauernder Gestalten eröffnete Graf Magnus mit seiner Mutter Utta. Gebückt, einsam, in düstere Gedanken versenkt, folgte Herta. Sie begnügte sich nicht mit blosser Berührung der Hand des toten. Sie warf sich nieder auf die Stufen des Katafalkes und betete innig und heiss für die Ruhe des Grafen, für Vergebung seiner frühern Vergehen, für das Wohl ihres wiedergefundenen, ihr noch so unbekannten Vaters und für Bekehrung ihres wüsten, boshaften Vetters. Nachdem sie so ganz ihr Herz vor Gott ausgeschüttet hatte, kehrte sie mit den übrigen Leidtragenden wieder zurück in die oberen Gemächer, ohne jedoch in deren Gesellschaft die Abendstunden zuzubringen. Sie zog es vor, auf ihrem Zimmer, nur von Emma umgeben, die Mitternacht heranzuwachen.
Es befremdete die verwittwete Gräfin, dass von den Untertanen eine verhältnissmässig nur sehr geringe Anzahl im schloss erschien, um ihrem verblichenen Gebieter die letzte Ehre zu erweisen. Die Leibeigenen waren eigentlich dazu verpflichtet, indem es die Sitte im haus Boberstein erheischte, dass der jedesmalige Erbe der herrschaft den durch das Ableben ihres bisherigen Gebieters gleichsam Verwaisten mittelst Darreichung seiner Hand zum Kusse von Neuem Schutz verhiess und sie als rechtmässig ererbte Untertanen anerkannte. Am Katafalk seines Vaters war die Aufrechtaltung dieser Sitte für Magnus eine Unmöglichkeit; denn ausser einigen zitternden Greisen, die längst keine Dienste mehr tun konnten und unter Seufzen und Beten dem grab zuwankten, befanden sich unter den Leibeigenen, die zur Leichenschau kamen, bloss heulende Weiber und neugierig gaffende, in zerlumpten Kutten und Pelzen steckende Kinder.
über solche Nichtachtung alter Gebräuche der jetzt ihm zugefallenen Leibeigenen war Magnus höchlichst empört. Er konnte nicht zwifeln, dass ihm allein diese Opposition gelte, dass die ehemaligen Untertanen des Vaters seinen Schutz gar nicht begehren wollten. Deshalb beschloss er in stillem Grimme, der oft seine stechenden Augen unheimlich machte, unmittelbar nach der Bestattung sämmtliche Untertanen auf das Schloss zu rufen und daselbst ein allgemeines Strafgericht über sie ergehen zu lassen. Worin dies bestehen sollte, darüber war er mit sich selbst noch nicht einig.
Noch vor neun Uhr waren Halle und Schlosshof von Zuschauern leer. Nur die wachehaltenden Diener standen am Sarge, in welchem Graf Erasmus der Ewigkeit entgegenschlief.
Da stieg Herta nochmals die geschnitzte Wendeltreppe hinab, beugte sich noch einmal über den toten und küsste die kalten bläulichen Lippen. Am Sarge kniend und wieder heisse Gebete lallend, liess sie ihren Tränen freien Lauf. Keiner von den Dienern störte die Trauernde in ihrem Schmerz. Sie traten schweigend zurück, selbst gerührt von der Andacht des schönen Mädchens, das mit wahrhafter Kindesliebe an dem Greise gehangen hatte. Wohl eine Viertelstunde mochte Herta geweint und gebetet haben, als sich über der Halle ein lebhaftes Hin- und Widergehen bemerklich machte. Dies weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Die Tränen sich von den seidenen Wimpern trocknend, verliess sie den Katafalk und ging nach der Treppe. Hier kam ihr Emma eiligen Laufes entgegen, bleichen Schreck auf ihrem hübschen Gesichtchen.
"Was ist Dir, meine Liebe?" sagte Herta weich, die treue Dienerin umfassend.
"Ach gnädiges fräulein," versetzte die Zofe atemlos, "die Herrschaften sind recht bestürzt! Denken Sie, es ist ein grosses Feuer in der Haide! Es muss ein ganzes Dorf brennen."
"Beruhige Dich, mein Kind," gab Herta zur Antwort, "ist es, wie Du sagst, so werden die Nachbarn gewiss herbeieilen und den Bedrängten beistehen. Auf welcher Seite ist der Brand?"
"Gegen Süden. Graf Magnus besorgt, es möge der Zeiselhof sein. Die gnädige Frau Gräfin kann ihn kaum zurückhalten! Sie will Boten absenden, um sichere Nachricht zu erhalten."
"Lass uns sehen," sagte Herta. "Von meinem Zimmer aus muss die Feuerstätte grade zu überschauen sein."
Als die beiden Mädchen dieses erreichten, erlosch fast der Schein der Kerzen in der lichten Glut, die durch die hohen schmalen Bogenfenster hereinschlug. Herta öffnete das Fenster und betrachtete Feuerschein und Zug des Rauches, der von ihm aufstieg. Der Anblick war eigentümlich, voll schauerlichen Reizes. über der schwarzen Linie der Haide hoben und senkten