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mit Peitschenhieben zerfleischt und jede bald erscheinende Hilfe mit berechnender Schlauheit fern gehalten. Dies war die Rache Johannes für die ihm zugefügte Beleidigung.

Keiner dieser Männer war verheiratet. Jeder stand ganz allein, hatte nur für sich zu sorgen und gehorchte dem Fürsten, wie Lips von seinen Genossen ohne Ausnahme genannt ward. Da sie zum grössten teil der Meinung waren, dass ihr Gewerbe kein unehrliches, schändliches und verbrecherisches, obwohl ein verbotenes, sei, so brüsteten sie sich gern mit ihren Taten und lebten, wie dies bereits angedeutet worden ist, mit dem armen Volk auf vertrautem Fuss. Ihr sie beherrschender und mit entschiedener Geistesüberlegenheit leitender Anführer hatte ihnen, ob aus überlegung oder weil er sich grösseren Erfolg davon versprach, mit leichter Mühe eingeredet, dass sie weiter nichts wollten, als das entsetzliche Unrecht der herrschenden Besitzer ausgleichen. Deshalb ward nach jeder glücklich vollführten Beraubung eines Reichen der zehnte teil des geraubten Gutes in irgend einem Gotteskasten niedergelegt, wo es der Armut wenigstens zu Gute kommen konnte. Der Rest ward unter sämmtliche Räuber gleich verteilt. Johannes selbst duldete nicht einmal, dass ihm ein Mehr von der Beute zufiel. Dagegen gestattete er den Vorschlag eines willkürlichen Geschenkes von Seiten der Bande, das ihm zu Anfange jeden Vierteljahres überreicht ward. So bestand unter dieser Gesellschaft eine Verfassung, die in freilich sehr roher Gestaltung und vielleicht ohne dass irgend einer derselben darüber nachgedacht hatte, die idee einer möglich gleichen Verteiluug des Vermögens wie der Arbeit zu verwirklichen suchte.

Als man annehmen durfte, dass die unter dem Grafen stehenden Leibeigenen zum grössten Teile auf der Waldblösse versammelt waren, erhob sich der Fürst der Haide und winkte den Maulwurffänger nebst seinen gefährten zu sich.

"Euch bin ich Dank schuldig, wackerer Mann," sagte der Räuber, dem schlichten mann aus dem volk die Hand schüttelnd. "Ihr seid nicht müssig gewesen, wie mich diese zahlreiche Versammlung lehrt, und so wäre es nun wohl an der Zeit, vom Warten zum Handeln überzugehen. – Wo ist Jan Sloboda?"

"Hier ist der unglückliche Vater," versetzte der Wende vortretend und seinen Hut lüftend.

Johannes sah den riesenstarken Mann eine geraume Zeit mit seltsamen Blicken an, dann sagte er mit einer stimme, in der schmerzliche Wehmut nachzitterte: "Ihr kennt fräulein Herta?"

"Sie war die Wohltäterin meiner Tochter! Möchte sie noch recht viele sonnige Tage erleben recht glücklich werden, wie sie's verdient! Ja, Herr, meine armen Augen tragen ihr Bild immer mit sich herum."

"Wollt Ihr mir zur Seite bleiben, um im Fall der Not das Fäulein aus Magnus' Händen zu befreien?"

"Ich werde Euch nicht verlassen, bis der Engel der Armen in Sicherheit ist."

"Und ich trenne mich nicht von Euch!" rief Clemens. "Auf diesen meinen Armen will ich sie trockenen Fadens über den See in die Haide tragen!"

"Dann gehe auch ich mit," sagte Ehrhold. "Haideröschen bedarf heute keines männlichen Schutzes."

"Und was gedenkt unser wackerer Freund zu tun?" wandte sich der Räuber an Heinrich.

"Gebt mir keinen Auftrag, wenn Ihr mich lieb habt," versetzte der Maulwurffänger. "Mit dem Pariren hab' ich mein Lebtage nichts anzufangen gewusst. Wenn Ihr mir aber erlauben wollt, nach meinem Gusto unter Euch allen herumzufahren, wie das Gewürm, dem ich nachspüre, so kann ich manchen Nutzen stiften. Ein Raufbold oder Kriegsheld bin ich meines Wissens nicht. Die Courage sitzt bei mir mehr in den Augen als in den Händen, obwohl ich als junger Bursche meine Tachteln1 zuweilen mit gutem Erfolge ausgeteilt habe. – Besser jedoch ist es, Ihr überlasst mir in dieser Nacht die Wahl meiner Tätigkeit selbst. Faullenzen werde' ich meiner Seele nicht, sonst wär' ich lieber gleich hinter'm Ofen sitzen geblieben!"

Johannes fügte sich ohne Weiteres in Heinrichs Bedingungen und kehrte sich nunmehr zu seinen Vasallen.

"Waldbrüder," redete er sie an. "heute bei Sonnenuntergang erfuhrt Ihr von mir, welche Verbrechen der Graf Magnus von Boberstein an der wehrlosen Unschuld verübt hat. Ihr wisst, wen zu rächen ich Euch versammelt habe, weshalb diese Schaar rechtlos unterdrückter Männer zu uns gestossen ist! Es soll heute Nacht ein Anfang gemacht werden mit Bestrafung herrischer Bosheit, und schützt uns der Vater der Nacht und der Geist gerechter Vergeltung, dessen stimme an mich ergangen ist, so wird unsere Rache eine segenreiche sein. Nur keine Freveltat! Keinen Mord! An unsern Händen darf kein Tropfen Menschenblut kleben. Wir sind die Schergen der Nemesis, die unsichtbar über uns waltet. Wo wir in ihrem Namen auftreten, da geschieht es zur Herbeiführung eines besseren Zustandes auf Erden. Schwört, dass sich Keiner frevelnd vergehen, Keiner etwas Anderes tun will, als was ich ihm befehle!"

Die Räuber schworen ohne Zaudern.

"Zwanzig von Euch, die zuletzt in unsern Bund getreten sind, bleiben zurück, um die Frauen zu schützen," fuhr Johannes fort. "Ihr erwartet uns, was auch geschehen mag, an der Streu, wo wir jüngst übernachteten, bis ich das Zeichen gebe."

Ohne Murren traten zwanzig der Räuber zurück, die Uebrigen warfen ihre Büchsen über die Schultern und ordneten sich in Reihe und Glied.

"Zündet einige Kienfackeln an!" befahl der Räuber, "und haltet die Wergballen bereit."

Blitzschnell lohten die harzigen Brände in dem niedergebrannten Kohlenstosse auf.