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Maulwurffänger. "Zweifle doch nicht an dem einmal gegebenen Wort eines solchen Räubers, wenn er nun doch so heissen soll. Will er nicht Alles auf sich allein nehmen und sollt Ihr ihn nicht bloss schützen?"

"So sagt er, und weil Du für ihn bürgst gehen wir jetzt auf Wegen der Finsterniss."

"Sie werden zeitig genug licht werden. Aber wo sind wir?"

"Zwischen den Torfteichen," sagte Ehrhold. "Der grosse Holzschlag, wo vor zehn Jahren der schreckliche Windbruch war, liegt noch eine halbe Stunde seitwärts. Wir müssen die Sandhöhe hinauf und mitten durchs Dickicht, wenn wir zur rechten Zeit eintreffen wollen."

"Nur vorwärts!" drängte der Maulwurffänger. "Was uns hinderlich ist, wird niedergesäbelt. Ohne Stich und Hieb geht es ja doch nicht ab."

Der Trupp zog weiter. Einzeln, stets Einer hinter dem Andern, mussten sie sich durch die verwilderte Haide winden. Oft war der Wald so dicht, dass Keiner den Andern erkannte. Stamm rieb sich an Stamm und bei der Umschlingung dieser Riesenbäume fuhren Töne durch die Luft wie Seufzer, dass auf den wankenden Aesten, deren Nadelbehänge in der Luft raschelten, das zur Nachtruhe niedergefallene Geflügel kreischend und purrend wieder auffuhr. Zuweilen liefen an zerborstenen Fichten ein paar blitzende Funken bis in die schwarzen Kronen hinauf und sahen glänzend hinab auf die späten Wanderer. Es waren Eichhörnchen, deren muntere Aeuglein so seltsam leuchteten. Dann riss wieder plötzlich der schwarze Nadelvorhang über ihren Häuptern und ein Stück blauschwarzen himmels, mit Sternen umsäumt und ausgeschlagen, lauschte herein, bis ein weisser glänzender Streif mit nickender Krone und abwärts wehenden Dunständen in ungeheuerlicher Bildung sich über die ruhige klarheit des Sternenhimmels schob. Wo aber die Bäume weit auseinander traten an Moorbrüchen, sumpfigen Waldbächen und kleinen Wiesen, da hingen graue Schleier um ihre Hüften, die sich bald verlängerten, bald verkürzten, bald über die finstere Erde rollten, bald zu einem Dome sich ausbreitend, eine feuchte flatternde Dunstwölbung über die Haide bauten. Füchse, Wiesel und anderes Getier schoss raschelnd über den Weg, buntgefleckte Schlangen glotzten mit stechenden Augen aus feuchten Laubschobern, die von dem vielen Unterholz sich angehäuft hatten, und Molche und Eidechsen hingen in zahlloser Menge an bemoosten Marksteinen und auf grossen gelben Pilzen.

Dies ungewohnte Leben der Haide bei Nachtzeit machte nicht selten die Wenden stutzig, denn obschon Alle vertraut waren mit der natur der Haide und ihren Schauern, gebrach es ihnen im Allgemeinen doch zu sehr an Bildung, um natürliche Erscheinungen sich natürlich zu erklären. Deshalb schritten auch die Weiber ununterbrochen betend den Männern nach. Denn wenn die seltsam geformten Nebel mit den mattleuchtenden Säumen plötzlich vor ihnen auftauchten wie aus tiefem Schlunde, oder in eilender Schnelle gegen sie heranzogen und dann wie erschrocken zurückweichend in hundert Schlangenwindungen zur Seite rollten, glaubten sie sich umlauert von bösen Geistern, bedroht von Gewalten finsterer Dämonen.

Nach mühsamer Wanderung erreichten unsere Freunde in der neunten Stunde den Windbruch. Dies war ein waldfreier Platz in der Haide von einer halben Stunde im Durchmesser. Er bot jetzt einen seltsamen Anblick in der kühlen Herbstnacht, die kein Mond erhellte. Spärliche Sternenfunken flimmerten nur stellenweise mit mattem Glanze aus phantastischen Wolkenpalästen.

Von allen Seiten der ringsum schliessenden Haide wankten schwarze Gestalten und grauweisse Schatten, die in unklarer Ferne zu riesiger Grösse anwuchsen, gegen die Mitte der Lichtung. Hier drängte sich ein schwarzer Knäuel verworrener Menschen, umgeben von einem Halbkreise weisser Statuen, die auf Blökken, vermoderten Wurzelstöcken und halb zerbrochenen Stämmen regungslos dasassen, von dem roten Schein eines knisternden Feuers, das pechschwarze Rauchwolken gegen Himmel wirbelte, grell beleuchtet. Diese Gestalten waren die wendischen Frauen und Töchter der Leibeigenen in ihren schimmernden Regenmänteln. Ein monotones Gesurr vieler Stimmen trug der Luftauch unsern Wanderern entgegen. Weitin über die Lichtung glühten zahllose dunkle Flammen, als ob unterirdische Erdgeister riesige Leuchten aus ihren Höhlen emporhielten. Hie und da wälzte sich auch in gleich düsterer Brandfarbe eine endlose Schlange am Boden, deren Kopf in vielen gleichfalls leuchtenden Hörnern endigte. Diesen Spuk verursachten die vielen verfaulten Baumstümpfe und vermoderten Bäume mit ihren Wurzeln, deren feuchtes Holz jetzt in der Finsterniss phosphorescirte.

Nach dem Feuer inmitten des Windbruches führte der Maulwurffänger seine Freunde. Sie wurden mit dumpfem Zuruf begrüsst, von diesem und jenem Bekannten mit einem treuherzigen Handschlage. Nach und nach wuchs die Schaar der Wenden auf einige tausend an, die sie begleitenden Frauen mitgerechnet. In der Mitte dieses Menschenhaufens sass der Fürst des Waldes, vom volk der braune Lips genannt, mit seinem eigentlichen Namen, wie wir wissen, Johannes, Herta's unglücklicher Vater.

Er trug die Kleidung eines vornehmen Oberförsters, war aber ausser seinem Hirschfänger noch mit doppelläufiger Büchse und mehrern Pistolen bewaffnet. Ihm zunächst kauerte auf einem Steine der schlanke Jüngling mit dem abscheulichen Spitzbubengesicht. Hinter ihm lehnte der hübsche stille Mann, der bei Heinrich's Besuche im Raubhause Knebel geschnitzt hatte. Alle diese, so wie die meisten übrigen Männer, die zu des Haidefürsten Hofstaate gehörten und seinem Wink ohne Säumen gehorchten, trugen Jägerkleidung. Es war eine Schaar von wenigstens hundert der verwegensten Männer, tollkühn, beutegierig, lechzend nach Brand und Plünderungdas gefürchtete wilde Heer der Haide, das ungeahnt, ungesehn in trüber Nacht die Mauern der Edelhöfe überstieg, in die Schlösser eindrang und die kostbarsten Kleinodien entführte. Nie hatte diese Schreckensschaar einen Mord begangen, dafür aber wurden die Ueberfallenen, wenn sie als harte Gebieter verschrien waren, auf grausame Weise geknebelt, nicht selten