ihn? Hat er Sie gekannt?"
"In seinem Namen bin ich hier."
"Gott, Gott, mein Vater lebt!" rief Herta und erhob mit entzücktem blick die hände zum Himmel.
"Durch mich lässt er seine Tochter grüssen," fuhr der Fremde fort, immer feierlicher sprechend, "und ihr sagen, dass die Stunde gekommen sei, wo der Schutzengel von dem haus der Grafen Boberstein weichen, wo die Rache für die Härte des Grafen Erasmus und für die noch schmählichere Schandtat seines Sohnes beginnen werde."
"Himmlischer Vater, Sie wissen!" stammelte Herta.
"Ich weiss Alles, Herta, aber ich zürne Dir nicht, noch verdamme ich Dich. Ich komme nur, um Dich zu retten!"
"Und wer sind Sie?" fragte ahnungsvoll das zitternde Mädchen.
Der Fremde griff in seinen Busen und hielt ihr das Bild Eugeniens entgegen.
"Meine Mutter!" lallte sie sanft und durch Tränen lächelnd, indem sie die zarten hände nach dem teuren Medaillon ausstreckte. "Mein Vater schickt es mir, dass ich Ihnen vertrauen soll! – O, wie gut, wie lieb –"
"Herta!" rief mit von Tränen unterdrückter stimme der Fremde und breitete seine arme gegen sie aus, "Herta, ich bin Dein Vater, bin der unglückliche Johannes!"
Von dem lauteren Gespräch geängstigt, trat jetzt Emma in's Zimmer. Sie fand Herta in den Armen des Fremden, an seinem Halse, seinen Lippen hangend. Sie trat näher zu der Gruppe und berührte mit leisem Finger die Schulter ihrer Gebieterin.
"Es regt sich im Schloss," flüsterte sie ängstlich. "Irgend ein Diener muss noch wach sein."
"Ich danke Dir, gutes Mädchen, für Deine Warnung," versetzte Johannes eben so leise, noch immer seinen nervigen Arm um die wiedergefundene Tochter schlingend. "Begleite mich," fuhr er dann fort, "denn nicht lange mehr wirst Du hier geborgen sein! Die Leibeigenen haben sich erhoben und vielleicht schon in wenigen Stunden beginnt ihr Rachewerk. Von ihnen erfuhr ich Dein Schicksal und beschloss, Dich zu retten, Dir Deinen Vater wieder zu geben. – Du zitterst? Herta, Du schwankst? Solltest Du Magnus –"
"O still, still! Ich hasse, ich verachte ihn!"
"Er wird Dich zur Gemahlin begehren!"
Herta nickte matt mit dem müden Haupt.
"Er fällt von meiner Hand, wenn er es wagt, nochmals um Dich zu werben!"
"Er tut es nicht mehr," sagte Herta sanft.
"Du darfst ihn nicht sehen, nicht mehr sprechen. Komm! Es ist die höchste Zeit. Schon naht die Mitternachtsstunde!"
Leise entwand sich Herta den Armen ihres Vaters. "Lass mich hier," bat sie mit dem rührenden, alle Herzen bewältigenden Ton ihrer Silberstimme. "Erasmus, mein Onkel, der so hart an Dir gehandelt und der mich dafür so innig geliebt hat und über mein Unglück gestorben ist, Erasmus ist noch nicht bestattet. Lass mich an seinem Sarge für ihn und für uns Alle beten, dann komme wieder und fordere mich von Utta."
"Es geht nicht," sagte Johannes mit steigender Unruhe. "Ich kann nicht wieder kommen. Wer weiss – –"
"Wo wohnst Du?" fragte kindlich fromm die Tochter, dem Vater die starken grauen Haare aus der finstern Stirn streichend.
"Tief, tief in der Haide!"
"Nun, so komme ich selbst zu Dir. Die Haide liebe ich; ich bin bekannt bei Köhlern und Bauern. Ich frage mich durch sie hindurch bis zu Dir!"
"Aber Herta!"
"Vater, es muss so sein. Mein Herz gebietet es und das wirst Du nicht kränken wollen."
"Nun so bleib," erwiderte Johannes entschlossen. "Aber hab' Acht! Sollte sich etwas Ausserordentliches ereignen, dann halte Dich bereit! Flüchte durch diesen gang, der uns Allen verhängnissvoll war, bis an das Ufer des See's und Dein Vater wird Dich erretten! – Jetzt, gute Nacht, liebe, holde, süsse Tochter!"
"Gute Nacht, mein armer Vater!" hauchte Herta, umschlang nochmals den starken Mann und liess erst von ihm, als er mit einem fuss auf der Schwelle des geheimen Ganges stand. Als die Tür zufiel, sank sie Enma still weinend in die arme.
Fünftes Kapitel.
Der Aufstand.
Der auf diese Nacht folgende Tag war ein Hofetag. Alle wendischen Bauern und Gärtner mussten mit ihrem Gespann in die Haide, um Holz auf den Zeiselhof zu schaffen. Obwohl der Befehl dazu erst am letzten Abend an sie ergangen war, gehorchten sie ihm doch Alle, wie gut geschulte Hunde dem Wink ihres Herren. Sie waren so an blinden Gehorsam gewöhnt, dass der Begriff eines freien Willens gar nicht in ihnen aufkommen konnte. Und solch blindes Gehorchen war noch möglich in demselben Augenblicke, wo der ganze Stamm gegen den grausamen Herrn sich zu erheben fest entschlossen war! Wie tief gewurzelt, wie mit dem ganzen Dasein, mit allen Gewohnheiten fest verwachsen musste dieser knechtische Sinn der Wenden sein! Welch entsetzliches Licht fiel gerade dadurch auf die entsittlichende Leibeigenschaft!
Im tiefsten wald trafen die Wagenzüge der einzelnen Dorfschaften mit den verschiedenen Vögten der herrschaft zusammen. Auch die Förster waren versammelt, um den Frohnbauern die Holzschläge anzuweisen. Dies waren