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etwas daran gelegen ist, altes furchtbares Unrecht auszugleichen und frühere Missetaten zu bestrafen!"

"Und was stand in dem Stempelpapiere, das Du eine Verschreibung nennst?"

"Darin steht, dass Röschen Sloboda, falls sie lebendige Nachkommen hinterlässt, zu Gunsten dieser Kinder nach des Grafen tod Anspruch haben soll auf den fünften teil seiner Güter! Noch mehr! Das Schreiben führt namentlich die Besitzungen auf, welche ihr von Rechtswegen zufallen sollen, und unter diesen den schon erwähnten Edelhof nebst dem Vorwerke, die grossen Fischteiche und die ganze moorige Haidestrecke, die sie links und rechts umgibt. Das und noch mehr kannst Du mit eigenen Augen lesen, wenn Du zu mir kommst!"

"Und aus diesem grund allein hieltest Du es für nötig, mich alten Mann über hundert Meilen hieher zu rufen?" fragte mit betrübter stimme und äusserst niedergeschlagener Miene der alte Wende.

"Ich glaube gar," erwiderte Heinrich, indem er die schon wieder erloschene Pfeife durch neuen Schwamm in Brand setzte, "ich glaube gar, Du willst mir Vorwürfe machen, dass ich Dich aus Deinem halbwilden Schlupfwinkel unter vernünftige Menschen gebracht habe? Rechne doch nur zusammen, was Dir und Deinen Nachkommen dieser Fund nützen kann! Der Graf ist freilich tot, an ihn können wir uns nicht mehr wenden, aber seine drei Söhne leben und besitzen, was in Folge schlechter und lüderlicher Wirtschaft von den grossen Gütern ihrer Vorfahren aus dem allgemeinen Untergang zu retten war. Zwei sind im Auslande, der Aelteste blieb in seiner Heimat. An ihn wenden wir uns. Die Jugendstreiche seines grausamen Vaters sind noch nicht vergessen im volk. Der Vater erzählt sie dem Sohne, der Sohn dem Enkel, wenn sie den Kindern ein Bild schwerer zeiten, kummer- und tränenreicher Tage entwerfen wollen. Er hat oft davon hören müssen und es kann und wird ihn nicht überraschen, wenn die Folgen von seines Vaters Schandtaten jetzt an seine Tür klopfen und um Recht bitten. Ich weiss, dass er hochmütig drein schauen wird, denn er ist von Gemüt nicht viel besser als sein Herr Vater. Er wird die Aechteit des Papieres läugnen und Dich anfangs abweisen. Später, wenn Du mit gerichtlicher Verfolgung drohst, wird er sich geschmeidiger zeigen und das Ende nach mancherlei Winkelzügen wird sein, dass er Dir eine anständige Geldsumme zahlt, dem Scheine nach, um Dich abzufinden, eigentlich aber um Dein Schweigen damit zu erlaufen. Diese aber wird Dir und Deinem Enkel vortrefflich zu statten kommen."

"Du vergisst, alter, ehrlicher Freund, dass jene Nachkommen, deren die Schrift Erwähnung tut, gar nicht vorhanden sind."

Der Maulwurffänger sah den Wenden mit seinen hellgrauen funkelnden Augen so schlau an, dass Sloboda ganz verwirrt ward.

"Diese Nachkommenschaft will ich aus ihrem grab erwecken," sagte er düster und mit einem blick, in dem ein Gemisch triumphirender Lust, Bosheit und Rachsucht funkelte. "Frage mich nicht, alter Freund, was ich damit sagen will, Du sollst es später erfahren! Erinnere Dich nur noch der schauerlichen Hochzeitsnacht, des Herbsttages, der Streu in der Haide –"

"O ich erinnere mich!" rief Sloboda aus, sein Gesicht mit beiden Händen bedeckend, als wolle er die Erscheinung eines erschütternden Bildes, das in grausiger Beleuchtung vor ihm aufstieg, von sich abwenden. "Aber sie kam umward umgebrachtmit Gewalt, mit Absichtich darf nicht daran denken!"

"So heisst es, Jan, und möglich, dass es so ist, dennoch verspreche ich Dir, die Schatten der toten aus ihren unbekannten Gräbern aufsteigen und sie zeugnis ablegen zu lassen! Ich will nicht umsonst gelebt haben, nicht umsonst ruhelos Berge und Haide durchwandert sein zu jeder Stunde des Tages und der Nacht! Für Dich oder für die allgemeine Gerechtigkeit lebte, forschte, arbeitete ich. Nicht der kleinste Umstand ging meinem scharfen Auge, meinem sich nie trügenden Gedächtniss verloren. Ich habe Alles aufgezeichnet und aus längst vergangenen und verschollenen begebenheiten ein Netz geschürzt, das Niemand ahnt, am wenigsten Deine Feinde. Du konntest das nicht wissen, was zu meiner Kenntniss gelangte. Deine Flucht hinderte Dich daran. Ich aber sammelte und würde meine Sammlung schon längst benutzt haben, wäre die Zeit günstig dazu gewesen. Jetzt ist der glückliche Augenblick endlich gekommen und nun soll der grosse Prozess der Unterdrückten, Gepeinigten, Geknechteten gegen ihre Unterdrücker und Peiniger beginnen und ich verlange von Dir weiter nichts, als dass Du zuerst Deine stimme als Kläger erhebst!"

Obwohl Sloboda kaum eine Ahnung von dem Vorhaben des Maulwurffängers hatte, setzte er doch ein so unbedingtes Vertrauen in die Redlichkeit dieses seltenen, eigentümlichen Charakters, dass er ohne Zaudern seine Einwilligung dazu gab und als Kläger aufzutreten erklärte.

"Top, es gilt!" sagte Heinrich mit jenem schlauen und gutmütigen Lächeln, das stets über seine braunen Züge lief, wenn er einen weislich entworfenen Plan seinem Gelingen sich nähern sah. "Ehe wir jedoch die Feindseligkeiten eröffnen, will ich mit meinem Bruder, dem Schulmeister, Rücksprache nehmen. Bei all seinen oft beschränkten Ansichten hat er doch einen praktischen blick und hinlängliche Rechtskenntnisse, um in den vertrackten Formeln nicht zu verstossen. Auch kann er gut schreiben, weshalb er die ganze Unglücksgeschichte bis in alle kleinsten Einzelnheiten zu Papiere gebracht hat. Solche Schriften sind gute Gedächtnissaufhelfer, und wenn mir irgend etwas nicht mehr ganz deutlich vor der Seele steht, so werfe ich einen blick in die Schreiberei und frische die erbleichenden