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und Eugenie sahen einander, lernten sich kennen und liebten sich. – Es gibt Wesen, die beim ersten Zusammentreffen sich in der Tiefe ihres erbebenden Herzens gestehen müssen, dass sie von Ewigkeit her für einander bestimmt sind. Ein paar solche ursprüngliche Naturen waren Johannes und Gräfin Eugenie. Ein Strahl aus ihren Augen reichte hin, in Beide den heiligen Glutstrom der Liebe zu giessen, der in den Pulsadern der Welt schlägt und das Reich der Geister beherrscht. über der Ursprünglichkeit ihrer reinen Neigung, über der geistig schönen Tiefe ihrer leidenschaft und der sittlichen Höhe ihres Standpunktes vergassen sie, dass es bevorzugte und verachtete Kasten gab; wollten sie nichts wissen von einem Unterschiede zwischen gräflichem und bürgerlichem Blut. Eugenie liebte den reinen, tiefen, edlen Menschen in Johannes, und dieser fühlte an Eugeniens Busen nur das Herz eines Mädchens schlagen, das von Lüge und Verstellung nichts wusste."

Vor dieser Glutfülle ihrer Neigung sah Johannes alle Hindernisse stürzen, ja er dachte nicht einmal daran, dass es deren überhaupt geben könne. Er wollte Eugenie besitzen, bald besitzen und hielt um dieselbe an beiihrem Bruder! – Graf Erasmus lachte dem Hofmeister in's Gesicht und nannte ihn einen Narren. Er glaubte anfangs wirklich, Johannes erlaube sich in übermütiger Stimmung einen Scherz. Als er aber sah, dass der Hofmeister im glühendsten Redestrome nur seinem überschäumenden Glück Worte gegeben und als er von Eugeniens blühenden Lippen die Bestätigung vernommen, da trat er stolz an Johannes heran, mass den jungen Mann von Kopf zu Fuss und sagte verächtlich: "Der Wein von meinem Tisch ist Ihm zu Gesicht gestiegen. Trinke Er künftighin wieder wasser, wie sich's gehört, und esse Er mit meinen Bedienten, damit Er Mores lernt! Und jetzt packe er sich und verlaufe sich die verrückten Gedanken auf einem Spatziergange durch die Haide! – Darauf kehrte er dem Hofmeister den rücken, nahm die Hand der Schwester und zog sie in's Nebenzimmer, das er hinter sich verriegelte."

"Johannes blieb wie vom Schlage getroffen stehen. Er glaubte, ein wirrer Traum habe sich festgesetzt in seiner Seele. Er konnte lange Zeit weder Sprache noch gesundes Gefühl wieder erhalten. Als er endlich des ganzen entsetzlichen Unglücks sich bewusst ward, schüttelte ein förmliches Wutfieber geraume Zeit seinen sehnigen Körper. Damit fand er sich selbst und seine Tatkraft wieder. Er schrieb in den gemässigsten Ausdrücken an den Grafen. Der Brief kam uneröffnet zurück, mit ihm eine Rolle Gold als Reisegeld, begleitet von dem mündlichen Befehl des Grafen an den Ueberbringer, binnen zwei Tagen das Schloss zu verlassen. – Johannes tobte aufs Neue, er suchte die Diener zu bestechen, um mit Eugenie sprechen zu können, aber alle seine Bemühungen scheiterten an dem hündischen Gehorsam dieser Leibeigenen."

"Verzweiflung im Herzen ward Johannes am dritten Tage nach der Unterredung mit Erasmus gewaltsam aus dem schloss gebracht! Als er um die letzte Felsenecke bog, die unter den Fenstern dieses Zimmers steil abfällt, glitt ein Stück Schiefer daran nieder mitten auf den Fusssteig. Etwas Weisses schimmerte darunter, was ihn aufmerksam machte. Er hob den Schiefer auf und fand daran gebunden zwei Schlüssel mit einem Zettel, der in wenigen Worten die Weisung entielt, dass er in finstern Nächten vermittelst dieser Schlüssel unbemerkt zu Eugenien gelangen könne, wenn er am südlichen Turme den Felsengang erklimme und über den Balkon, wo er ihr Unterricht in der Sternkunde erteilt habe, nach der dritten Luckentür schreite, die er stets offen finden werde! – Johannes kannte diesen Pfad, wie die heimlichen Gänge des Schlosses und ruderte, den Busen von neuen Hoffnungsträumen geschwellt, wohlgemut über den See."

"Schon die dritte Nacht sah den kühnen Mann die finstern Steige hinauf, die ächzenden Treppen, die feuchten gespenstischen Gänge treppauf treppab an den jauchzenden Mund der Geliebten fliegen, – und von stunde' an begann für die grausam Geschiedenen beim Lallen des See's, das wie Gebet flehender Engel zu ihnen herauf erklang, ein stilles hohes Liebesleben, das häufig erst mit dem Rufe des Morgenhahnes endigte, wenn auf Fels und See und Haide das Perlennetz des Frühtaus blitzend niedersank."

"über fünf Monate dauerte dieses hohe Liebesglück, um so zauberischer und reicher an Genuss, als es mit Gefahr und mannichfachen Entbehrungen verknüpft war. Johannes hatte nichts unterlassen, um Eugenien eine heitere Zukunft zu sichern. Diese war bereit, dem Geliebten zu folgen, und ein kleines, stilles, dauerndes Glück einem von Glanz und Goldschmuck schimniernden Elend von vielleicht langer Dauer vorzuziehen. Der Tag oder vielmehr die Nacht zur Flucht ward festgesetzt, und als am Vorabend derselben Johannes von ihr schied, gestand ihm Eugenie mit seligem Lächeln, dass ihre Einsamkeit nur kurz sein werde. Ein langer Kuss belohnte dies süsse geständnis."

"Zum ersten Male seit seiner Verbannung aus dem schloss hatte sich Johannes bis zur Morgendämmerung aufgehalten. Ein ungewöhnlich starker Tau war gefallen, der in Millionen zarten Perlen auf Gräsern, Stegen und Steinen lag. Ein Knecht des Grafen, diesem vorzugsweise ergeben, entdeckte die Fussspuren des nächtlichen Gastes und zeigte sie seinem Gebieter. Erasmus verfolgte sie und fand einen Verdacht, den er zuweilen still gehegt, doch nie zu äussern gewagt hatte, bestätigt. Er befahl dem Knechte unverbrüchliches Stillschweigen und traf heimlich seine Anstalten."

"Voll froher Erwartungen, sich dem Ziele so nahe zu sehen, ersteigt Johannes um Mitternacht auf bekanntem Felsenpfade das Schloss. Niemand sieht, Niemand stört ihn. Er erreicht die Zinne,