1845_Willkomm_143_118.txt

haben. Der Fremde trug die gewöhnliche Kleidung eines Försters und war, wie ein solcher, mit schönem Hirschfänger bawaffnet.

"Empfangen Sie zuvörderst," hob er mit zitternder stimme an, "meinen aufrichtigen, herzinnigen Dank für das Vertrauen, welches Sie mir durch Ihre Gegenwart schenken, verehrtes fräulein!" – Dabei richtete er seine Worte entschieden an Herta, als kenne er sie schon längst. – "Ja," fuhr er fort, "ich täusche mich nicht. Sie sind Herta, die arme, schöne, fromme Tochter der nicht minder armen Schwester Grafen Erasmus von Boberstein! Ist es mir doch, als wäre sie, die längst Dahingeschiedene, wieder zurückgekehrt in's Leben und sähe mich mit ihren dunklen Wunderaugen erstaunt an über die Veränderung, die mit mir vorgegangen! Denn nur sie, die Verewigte, und ihre einzige, ihr in allen Tugenden und Eigenschaften so ganz gleiche Tochter, besitzen diesen Zauber des Blickes, dies seelentiefe, herzdurchforschende Engelsauge! – Gestatten Sie, Tochter Eugeniens von Boberstein, dass der einzige Freund Ihrer Mutter die Hand küsst, die seit zwanzig Jahren nicht mehr in der seinigen geruht hat!"

Damit ergriff der Fremde Herta's schlanke feine Hand und führte die bebenden Finger an seine Lippen.

"Gütiger Himmel," stammelte das erstaunte Mädchen, "Sie haben meine Mutter gekannt, rätselhafter Mann! Wer sind Sie? Was haben Sie mir zu eröffnen, dass Sie auf so ungewöhnliche versteckte Weise zu mir dringen?"

Mit schmerzlichem Lächeln ruhte das glühende Auge des Fremden auf Herta. Seine wetterbraunen Züge wurden weich und sanft und seine stimme zitterte, als er antwortete:

"Sie dürfen und müssen so fragen, teures Mädchen, und ich bin gekommen, Ihnen Rede zu stehen, Sie zu fragen und Forschungen aufzumuntern. – Haben Sie von Ihren Pflegeältern nie eines Mannes erwähnen hören, den man Johannes nannte?"

"Nie!" beteuerte Herta kopfschüttelnd.

"Nie!" wiederholte der Fremde und seufzte. "Also so ganz hatte man ihn vergessen, oder so geflissentlich schwieg man von ihm, dass nicht einmal in Beisein seines – – Doch bevor ich fortfahre," unterbrach er sich selbst, "bitte ich inständigst: lassen Sie Ihre Gefährtin in ein Nebenzimmer treten! Ich weiss nicht, ob Sie selbst es billigen würden, wenn ich Ihnen vor Zeugen meine Geheimnisse mitteilte."

Der gerührte, väterliche blick des Fremden und sein ergrauendes Haar machten, dass Herta diese Bitte gewährte. "Verlass uns, Emma," sagte sie, "und gib Acht, dass wir nicht gestört werden."

Die Zofe entfernte sich. Lebhafter wendete sich Herta zu dem Fremden, ergriff mit beiden Händen seine Rechte und sagte innig: "Nun, edler Mann, nun reden Sie! Wer war jener Johannes?"

"Ein armer, ein unglücklicher Mann!" erwiderte der Fremde. "Vor mehr als zwanzig Jahren glaubte dieser Johannes unter die glücklichsten Sterblichen zu gehören. Er war jung, hübsch, aufgeweckten, lebhaften Geistes, empfänglich für alles Schöne, ein Liebling und Verehrer Ihres Geschlechtes. Wo Heiterkeit und Frohsinn scherzten, da war er gern gesehen; wo Anmut und Liebe duftende Blütenkränze wanden, da versäumte er nie zu erscheinen, um ein feuriges Lied ertönen zu lassen. Johannes war kein Pedant, obwohl er sich von Geburt an als Hofmeister auf Edelhöfen seinen Unterhalt erwerben musste. Geübt in jeder Kunst, gewandt in ritterlichem Spiel, ein eben so geschickter Fechter, Tänzer und Reiter, als ein scharfsinniger und sieghafter Kämpfer im Wortgefechte, errang er sich manchen schönen Preis, um den vornehme, reiche Grafen ihn beneideten. Er siegte auf der Rennbahn und im Gesellschaftszimmer. Frauen und Mädchen ehrten ihn mit ihrem Vertrauen, ihrer Gunst!"

"Aber Johannes war kein leichtfertiger, gewissenloser Mann. Er unterschied streng holdes Spiel von gewichtigem Ernst. Er reizte nicht, wo er zu verlocken glauben konnte. Anstand und Sitte waren die beiden Genien, denen er auch im Rausch lebenstrunkener Stunden nie entsagte. So begünstigt, so von Glück und Liebe vereint in blendende Lebenskreise emporgehoben, kam Johannes in diese Burg. Graf Erasmus wünschte einen Hofmeister für seinen wilden Knaben Magnus, einen Mann, der Strenge mit Milde, der französischen Weltton mit deutschem Ernst, deutscher Gründlichkeit anmutig zu verknüpfen wisse. Solcher Aufgabe war Johannes vollkommen gewachsen. Er kam nach Boberstein und nie schien Graf Erasmus mit der Wahl eines Erziehers zufriedener gewesen zu sein. Magnus ward ihm übergeben und gewöhnte sich bald an die Vorschriften seines Lehrers, der bei vorkommender Widerspänstigkeit unerbittlich streng sein konnte."

"Johannes hatte im Späterbst seine ehrenvolle und verantwortungsreiche Stellung angetreten, und binnen einigen Monaten die wilden Auswüchse an den Launen und Einfällen seines Zöglings mit Glück verschnitten. Da kam die junge, schöne Schwester des Grafen Erasmus aus der Residenz, wo sie den Winter in der grossen Welt gelebt hatte, zurück auf ihres Bruders alte Haideburg. Eugenie war ein bezauberndes Wesen. Ihre Mutter, teure Herta, lässt sich nur mit der Tochter vergleichen."

"Meine arme Mutter! Ich kannte sie nie, ich konnte sie nur im kalten, toten Bilde lieben und küssen!"

"Beklagen Sie Ihre Mutter nicht, edles fräulein, Eugenie war glücklich, und als das Unglück über sie herein brach, nahm der erlösende Tod sie sanft in seine Vaterarme."

Herta stürzten die Tränen in die Augen, während der Fremde ruhig fortfuhr:

"Johannes