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gleissnerisch fort, "und die Bettlerin trägt eine schimmernde Grafenkrone auf ihren stolzen Flechten. Ich bin billig, meine Geliebte. Als Vater werde ich auch zärtlich, freigebig und grossmütig sein. Wenn Du mir aber untreu wirst, dann fürchte meine Rache! Dem Erben von Boberstein Reichtum und Ehre, dem Bastard der leichtgläubigen Cousine Armut, Schande und Elend! Wähle jetzt, meine stolze Geliebte!"

Herta sass erblassend, tief und schwer atmend in ihrer Epheulaube. Emma trat ein und überreichte ihr auf silbernem Teller einen Brief. Sie kannte die Hand nicht.

"Von wem?" sagte sie kaum hörbar.

"Ein Köhlerbube brachte ihn," versetzte die Zofe und verliess wieder das Zimmer. Herta drehte den Brief nachdenkend in den Händen.

"Darf ich gefälligst um Antwort bitten?" sagte Magnus äusserst freundlich.

"Ja das dürfen Sie," erwiderte die Gekränkte. "Ich flüchte mich an den Busen meiner Tante und wähle Armut, Schande und Elend!"

"Nehmen Sie meinen aufrichtigsten Glückwunsch zu dieser Wahl und zu dem neuen Lebenslaufe, der drei Tage nach der Bestattung meines hochseligen Herrn Vaters seinen Anfang nehmen wird. Ich empfehle mich der verehrten Cousine auf's Angelegentlichste!"

Magnus verbeugte sich und liess die unglückliche Herta allein mit ihrem Schmerz, ihrem Hass, ihrer Verachtung.

"Hat denn der Himmel keine Blitze mehr," seufzte sie, "um solche Frevler zu strafen und die von ihnen Verfolgten zu erretten?"

Dabei ballte das arme Mädchen ihre kleine Hand und zerbröckelte das Siegel auf dem erhaltenen Briefe.

Viertes Kapitel.

Der Besuch.

Als Herta den Brief erbrach, gewahrte sie mit Verwunderung, dass sich der Verfasser desselben nicht genannt hatte. Mit gesteigerter Neugier durchflog sie das Schreiben, dessen geheimnissvoller, auf eine schreckenreiche Vergangenheit hindeutender Inhalt ihre Unruhe und Aufregung noch mehr steigerte. Der Brief lautete:

"Ein Ihnen völlig unbekannter Mann, verehrtes

gnädiges fräulein, bittet um die Vergünstigung,

Sie am Tage nach Empfang dieser Zeilen besuchen

zu dürfen. Die Umstände und sein eigentümliches

verhältnis zu den Besitzern des Schlosses Bobers

tein nötigen ihn, diesen Besuch einen durchaus

geheimen sein zu lassen. Aus diesem grund wird

Schreiber dieses erst mit Einbruch der Nacht bei

Ihnen erscheinen und zwar auf einem Wege, der Sie

vielleicht mit schauderndem Entsetzen erfüllt. Kein

Mensch im schloss ausser Ihnen und, wenn Sie es

wünschen, Ihre vertraute Dienerin, darf von dem

nächtlichen Wanderer Kunde erhalten. Ihre

Zukunft, Ihre Ruhe, Ihre Sicherheit, ja Ihr Leben

Alles Unrecht, das man Ihnen zugefügt hat, wird

durch denselben bis zu einem gewissen Grade aus

geglichen werden. – Wappnen Sie sich also mit

Mut und Entschlossenheit und vertrauen Sie

einem mann vollkommen, der Ihrem zeitlichen

Wohlergehen sein ewiges Heil zu opfern gern und

stündlich bereit ist. Leben Sie wohl und ruhig, bis

die verschwiegene Stunde der Nacht uns zusam

menführt."

Die Bestürzung Herta's über diesen Brief war gross und bei dem Misstrauen gegen Jedermann, das ihr durch Magnus' unverzeihliches Betragen eingeflösst worden, hatte sie wenig Neigung, den Unbekannten zu empfangen. Bei ruhiger überlegung jedoch und bei wiederholter aufmerksamer Durchlesung des Schreibens musste sie die gute, wohlwollende Absicht des Verfassers erkennen. Ueberdies gestattete er ja das Zugegensein einer Zofe, was ihre Sicherheit um Vieles steigerte, und so beschloss Herta, unverbrüchlich zu schweigen und das angekündigte Abenteuer abzuwarten.

Emma, die ihrer Gebieterin mit unbegrenzter Liebe ergeben war, wurde erst am nächsten Abend in das geheimnis gezogen, worauf beide Mädchen in ungewöhnlicher Schweigsamkeit die Erscheinung des Unbekannten in Herta's Zimmer erwarteten. Das melancholische Rauschen der Haide drang herauf bis in das erstorbene alte Schloss. In langen Pausen schlug die schrillende Schelle die zehnte Stunde. Gespannter und immer ängstlicher werdend, harrten die Mädchen des Unbekannten. Eng verschlungen sassen sie lautlos auf der dunkelsammtenen Ottomane. Da knackte es in Herta's Schlafzimmer, als ob eine scharfe Feder einschnappe. Die Mädchen sahen einander an, sie hörten den beflügelten Schlag ihrer Herzen. Gleich darauf klopfte es vernehmlich an die innere Kammertür.

"O Gott!" flüsterte Herta und schlang beide arme fest um den Nacken Emma's, ihr bleiches Antlitz in neugierigem Entsetzen starren Auges halb abgewandt auf die Tür richtend. "Emma, es ist der Graf, es ist Magnus! Niemand als er kennt diesen fürchterlichen Weg!"

Indem wiederholte sich das klopfen um ein weniges lauter und da auch darauf von Seiten der erschrokkenen Mädchen kein "Herein" erfolgte, ward die Tür behutsam geöffnet und ein stattlicher Mann in voller Lebensgrösse erschien auf der Schwelle.

Regungslos betrachteten die scheuen Mädchen, ihre furchtsame Stellung beibehaltend, den Fremdling. Dieser blieb ebenfalls ruhig stehen, liess sein scharfes Auge über beide in schwarze Trauerkleider gehüllte Gestalten gleiten und sagte dann mit wohltönender, kräftiger Männerstimme: "Guten Abend, liebe Kinder!"

Es lag so viel Zutrauliches, Weiches und Väterliches im Ausdruck der stimme dieses Mannes, dass die Mädchen nach diesem Grusse froh aufatmeten und aufstehend sich gegen den Fremden höflich, aber noch immer schweigend, verneigten. Dieser trat jetzt in's Zimmer und ein voller Strahl des Lichtes fiel auf ihn. Es war ein starker, grosser, sehniger Mann mit interessanten Zügen, welche der sorgfältig gepflegte, sehr dichte und lange Schnurrbart noch ausdrucksvoller machte. Sein ergrauendes Hauptaar zeigte, dass er die Höhe des Lebens bereits überschritten hatte, es müssten denn Kummer, Gram und tiefe Seelenleiden ihn vor der Zeit gealtert