mich für seinen Mörder halten! Begreifst Du, welch entsetzliches Gewicht, welch grässliche Anklage darin liegt? – Soll ich erdrückt werden von ihr trotz meiner Reue? – Ist es christlich, einen zerknirschten Sünder erbarmungslos zu verstossen? –"
"Wer verstösst Sie denn?"
"Du, Du, mein heiliger Engel! Du, Herta, an der ich gefrevelt habe aus Uebermut, von Wahnsinn erfasst, im Augenblick gänzlicher Verwilderung. Du, Herta, um deretwillen ich jetzt gern all mein Gut, ja mein Leben dahin geben möchte, Du verstösst mich, und doch kann ein Wort von Dir mich glücklich machen, kann uns Beiden eine traurige öde Vergangenheit in ein blühendes Paradies verwandeln!"
"Ich bitte, mir diese Zauberformel zu sagen. Ich selbst kenne sie nicht!"
"Du willst sie nicht kennen, Herta!"
"Ich will Alles, was ich für recht und gut erkenne, Alles, was mein Verstand billigt, was mein Herz zulässt. Der unaussprechliche Kummer, welchen Sie meinem Wesen eingeimpft haben, hat mich alle Täuschung ablegen lassen und meinen Gefühlen den schönen Reiz entwendet, der alle Glücklichen bezaubert."
"Das ist sehr sehr traurig!" versetzte Magnus. "Wenn Ihre Gefühle erstorben sind, dann habe ich freilich nichts mehr zu hoffen, aber ich glaube, Sie täuschen sich selbst. Wollten Sie nur in die Tiefe Ihres Wesens schauen, so würden Sie daselbst den Kern aller göttlichen Gefühle, die Liebe zu dem nächsten, wiederfinden."
"Fände ich ihn wirklich noch, dann sein Sie überzeugt, Graf, dass ich ihn nur mit dem Würdigsten teilen würde!"
"Halten Sie einen bussfertigen Sünder solcher Gnade nicht wert?" fragte Magnus mit allem Zauber, der ihm zu Gebote stand.
"Darauf kann ich mir jede Antwort ersparen, Graf. Sie wissen, dass ich Sie nie geliebt habe, weil ich Sie wahrer Liebe nie fähig hielt. Vernehmen Sie jetzt zum letzten Male, dass Sie bei mir nie auf Erwiederung einer Neigung zu rechnen haben, die Sie nur heucheln. Ihr ganzes verdorbenes Wesen ist Lüge, schändliche, schwarze, geschmackvoll vergoldete Lüge! Ich hasse die Lüge und verachte die Jünger derselben. Und nun ich weiss, was Sie zu mir, der tief Gekränkten, der unversöhnlich Beleidigten, trieb, nun vernehmen Sie von mir mein letztes Wort. Ich will mit vergebender Milde die Sünde von Ihnen nehmen und Ihnen verzeihen, aber fortan meiden Sie, mich durch Ihre Gegenwart zu kränken, mich in meinem Kummer zu stören!"
Noch gab Magnus nicht Alles verloren. Er entschloss sich, das Aeusserste zu versuchen.
"Teure Herta," sagte er mit niedergeschlagener, schwankender stimme. "Du scheinst zu vergessen, dass die Mutter für ihre Kinder eines Vaters bedarf."
"Gott ist aller braven Mütter gemeinsamer Vater."
"Und die Welt? Die scheelen Blicke der verleumdungssüchtigen Welt?"
"Wünschen Sie, dass Ihre Schande weltkundig werden soll?"
"Die Deinige, meine schöne Cousine, wird durch meinen Namen zugedeckt. Einer Gräfin von Boberstein begegnet Jedermann mit höchster achtung."
Herta stand auf. Sie legte das Buch, in welchem sie während dieses peinlichen Gespräches geblättert hatte, auf den Tisch und trat dem Grafen entgegen. Ihr zürnendes Auge sprühte Funken, ihr Gesicht war mit zarter Röte überhaucht, der Busen hob sich in heftigster Aufregung.
"Endigen Sie, Herr Graf," erwiderte sie mit bebender stimme, "Sie nötigen mich sonst, meine Dienerschaft zu rufen! Ein Reuiger wurde mir angemeldet, und einen Niederträchtigen sehe ich vor mir."
Da Magnus jetzt alle seine Berechnungen zu Schanden werden sah, kehrte ihm schnell die geistige Keckheit wieder, die er bisher nur mühsam niedergehalten hatte. Selbst gekränkt wollte er noch empfindlicher kränken; denn er erkannte in Herta seine unversöhnlichste Feindin. Mit vornehmer Verbeugung zurücktretend sagte er:
"Ich muss wirklich um Entschuldigung bitten, schöne Heilige, dass Dein Anblick so mächtig auf mich wirkt und mein ganzes Wesen zu einem Spiegel macht, aus dem Du in mich verwandelt Dir selbst vor die Augen trittst."
"Das überschreitet alle Grenzen," stotterte Herta für sich. "Herr Graf, ich befehle Ihnen, mein Zimmer zu verlassen!"
"Widerspänstige Zauberin, bedenken Sie wohl, dass zum Befehlen Macht und Recht gehört! Sie besitzen weder das Eine noch das Andere."
"Ich wünsche noch einmal allein zu sein."
"Und ich werde mir erlauben, Ihnen noch einige Minuten Gesellschaft zu leisten. Ich bin Erbe und Herr dieses Schlosses, mein holdes Mühmchen, und wenn ich befehle, die unanständige Dirne hinauszuwerfen in den Wald, so hoffe ich noch genug willige hände zu finden, die meinen Befehl ausführen. Mein sehr kluger Herr Vater, der sanft und selig in Gott ruhen möge, war doch nicht klug genug, sein verzogenes Püppchen bei zeiten mit Geld und Gut zu bedenken. Er starb ohne Testament und das schöne vornehme Burgfräulein wird künftighin in seidenen Kleidern Brod und Leinwandfetzen unter ihren Freunden, den armen Wenden, zusammenbetteln müssen, damit sie leben und ihren mutmasslichen Erben standesmässig erziehen kann."
Höhnisch lag sein satanisch blitzendes Auge auf der üppigen Gestalt der über solche Bosheit entsetzten Herta, die sich kaum aufrecht erhalten konnte. Als er sie zittern und zusammenbrechen sah, umfasste er sie trotz ihrer abwehrenden Gebehrden.
"Es bedarf jedoch bloss eines Wortes," fuhr er