die Gräfin. "Ich werde Dich bei Herta selbst anmelden und sie auf Dich und Deinen Antrag vorbereiten."
Magnus klopfte das Herz; denn obwohl er das von seiner Mutter angedeutete Ziel wünschte, schlug ihm doch auch das böse Gewissen und eine ernste Frage an sich selbst sagte ihm, dass er Herta nicht mehr liebe, sie vielleicht nie geliebt habe. Ihre Schönheit, ihre Jugend, ihr hoher Geist und der verführerische Trotz, den sie seinen Bewerbungen entgegengesetzt, hatten sie ihm begehrenswert gemacht. Nur die Sinne, nicht sein Herz hatte geliebt. Dies war hohl, leer, nicht fähig einer grossen reinen leidenschaft. Tausend unerlaubte und unreine Genüsse hatten seine ursprüngliche Glut vor der Zeit aufgezehrt. Magnus fürchtete ein Zusammentreffen mit Herta.
Indess war Utta keine Frau, die einen einmal entworfenen Plan, wenn er grösseren Zwecken zu entsprechen schien, sogleich wieder aufgab oder einen Entwurf nur zur Hälfte ausführte. Ihr langer Verkehr mit ihrem jesuitischen Onkel hatte sie die Wichtigkeit consequenten Handelns kennen gelehrt, und wie sie im Denken und Leben von der praktischen, ob auch unlautern Weltweisheit des feinen, vielerfahrnen Mannes den Schein als glänzenden Ersatz eines in der Wirklichkeit nicht vorhandenen Gutes kennen gelernt hatte, so hielt sie auch Alles für erlaubt, was nicht durch ausdrückliche gesetz verboten war, oder was durch ein betrügliches Spiel des Geistes, gleichsam durch ein Volteschlagen aus Schwarz in Weiss, aus Böse in Gut, aus Verlust in Gewinn verwandelt werden konnte.
Sie ging deshalb unverweilt zu ihrer Nichte, und so vortrefflich hatte sich die kluge Frau mit zarter, teilnehmender Anmut, mit mütterlicher Würde, mit christlich mildem Zuspruch, mit liberal tönenden ein lautes Echo in Herta's halbgebrochenem Herzen erweckenden Phrasen ausgerüstet, dass ihr das Unbegreifliche in kurzer Frist gelang, nämlich ihrer Nichte die Bewilligung zu entlocken, den reuigen Frevler ruhig anzuhören.
Eine Viertelstunde später meldete Emma ihrer traurigen Gebieterin den jungen Grafen. Herta winkte der Zofe, ihren Cousin einzulassen und sich zurückzuziehen.
In einfacher schwarzseidener Kleidung, ein Florband durch ihr schönes Haar gewunden, sass Herta in der Epheulaube ihres Fensters. Grüssend erhob sie sich beim Eintritt des Grafen, den sie mit anmutiger Handbewegung aufforderte, niederzusitzen. Zum ersten Male in seinem Leben war Magnus verlegen und in Folge dessen etwas linkisch. Er rückte einen der altmodischen, aber kostbaren Stühle in Herta's Nähe und sich nach seiner Gewohnheit auf die Lehne stützend, überflog er die reizenden Züge seiner Cousine mit scheuem Aufblick, ohne sie anzureden. Statt seiner ergriff nun Herta das Wort.
"Auf Fürbitten meiner geliebten Tante, Ihrer verehrten Frau Mutter," sprach sie vollkommen ruhig, "habe ich mich entschlossen, Sie zu sprechen, Herr Graf. Ich ersuche Sie daher, mir Ihr Anliegen in möglichster Kürze vorzutragen, da Sie hoffentlich einsehen werden, dass unsere Unterhaltung keine ausführliche sein kann."
"Es scheint mein Schicksal zu sein, teure Cousine," versetzte Magnus, "Ihnen stets widersprechen zu müssen, und weil dies denn einmal so ist, so stehe ich nicht an, auch jetzt eine andere Meinung zu verfechten. Mich dünkt, liebe Herta, nie hätten zwei Menschen mehr Ursache gehabt, sich recht viel zu sagen, als wir."
Herta errötete und der Zorn grub eine leichte Falte in ihre weissglänzende Stirn. Sie erwiderte:
"Da ich Ihnen nichts zu sagen habe, Herr Graf, so fahren Sie fort."
"Lassen wir diese erkältenden Förmlichkeiten, teure Herta," sagte Magnus wärmer und dringender, indem er den Stuhl einen halben Schritt näher an Herta's Sitz schob, "sprechen wir wie nahe, teure Verwandte zusammen und reichen wir uns die Hand zur Versöhnung."
"Ich verstehe Sie nicht."
"Sie wollen mich nicht verstehen, Herta! – Ein Unglücklicher, ein von den grausamen Rachefurien eines schuldbeladenen Gewissens furchtbar Gepeinigter steht vor Ihnen. Bittere Reue nagt an seinem Herzen, der Fluch eines Vaters lastet auf seiner Seele und dennoch, dennoch wagt er zu hoffen, wagt er leben und wieder unter gesittete Menschen treten zu dürfen, ohne dass man ihm ausweicht, wie einem Scheusal! Er wagt dies, wenn Sie, Herta, Ihre Engelshand ausstrekken, sein schuldbeladenes Haupt damit berühren und ihm vergeben!"
Magnus schob den Stuhl zur Seite und liess sich mit Heftigkeit vor der ernsten stillen Mädchengestalt auf ein Knie nieder.
"Stehen Sie auf, Herr Graf! Um Komödie zu spielen, wählen Sie den Ort schlecht."
"Komödie spielen! Sie nennen Komödie spielen, was mein Herz zerreisst, was mit Höllenqualen meine Seele foltert!"
"Es gab eine Zeit, wo ich weit mehr litt, Graf! Damals ergetzten Sie sich an den Qualen eines armen schwachen Mädchens und lachten ihrer flehenden Bitten. War dies nicht auch Komödie gespielt?"
"Ich bekenne mich ja schuldig, teure, geliebte Herta –"
"Missbrauchen Sie nicht ein so heiliges Wort, ich verbiete es Ihnen!" unterbrach Herta mit edlem Zorn die Rede des Grafen, "Sie kennen keine Liebe, Sie trachten nur nach Sinnenlust, nach betäubendem Rausch! Gehen Sie und befreien Sie mich von Ihrer verhassten Gegenwart!"
Magnus hatte die Lehne des Stuhles wieder erfasst. Seine Cousine, die ihm immer reizender erschien, schon mit zuversichtlicherem Auge betrachtend, versetzte er:
"Herta! Mein Vater ist aus dieser Welt geschieden, ohne mir die Hand gereicht zu haben. Wie die Sachen stehen, muss ich