ging nur im geist recht fleissig die grossen und reichen Grafen- und Fürstenfamilien des heiligen römischen Reichs durch, um aus ihnen die schönste und reichste Erbin als dereinstige Gattin für ihren geliebten und liebenswürdigen Sohn auszuwählen. An ein ernstliches verhältnis des leichtfertigen jungen Mannes mit seiner schönen Cousine hatte sie nie gedacht und mochte es auch nicht. Herta war ihr zu neugeistig gesinnt, zu selbstständig, und ausserdem arm und nicht makellos genug geboren, um dem einzigen Erben von Boberstein mit Fug und Recht ihre Hand reichen zu können.
Als sie nun das berechnete Bubenstück ihres Sohnes erfuhr, war sie vielleicht zum ersten Male in ihrem Leben wahrhaft erzürnt auf Magnus. Zwar wollte sie nicht zugeben, dass er mittelbar der Mörder seines Vaters geworden sei, so wie sie auch in ihrer kühlen Ruhe den Tod des Gatten mit vornehmer Gefassteit ertrug und als ein Schicksal dahin nahm. Was sie aber mit der entehrten Herta beginnen, wie sie diese Schandtat des Sohnes verheimlichen und das gekränkte, herzlos hingeopferte Mädchen einigermassen entschädigen sollte, darüber konnte sie mit sich selbst nicht einig werden.
Einen wahren Trost gewährte ihr in dieser Not die Gewissheit, dass ihr Gemahl ohne testamentarische Verfügungen gestorben war. Als einziger Erbe, der keinerlei Legate zu zahlen hatte, war Magnus jetzt einer der reichsten Adligen in Deutschland, der nötigen Falls auch einige Prozesse ohne merkliche Vermögensverluste durchfechten konnte. Entehrt, von der öffentlichen Meinung gebrandmarkt wollte sie ihren Sohn nicht sehen, und ausserdem war sie doch so sehr Weib, dass ihr die verübte Tat Alles zu übertreffen schien, was ein gewissenloser Mann einem wehrlosen Mädchen zufügen kann, und so dachte sie entschieden daran, Herta ihrem Sohne zu vermählen. Sie setzte voraus, dass Magnus diesen gedanken selbst hege und dass ihre Nichte, auch im Fall mangelnder Neigung, diesen Ausweg für klug und wohlwollend anerkennen und genehmigen werde.
Mit nicht erkünstelter Kälte empfing Utta den jungen Grafen, der sich anfangs sehr ergriffen zeigte und dem toten alle möglichen Lobsprüche erteilte. Seine Mutter hörte diesen Ergüssen eines nach dem Erbe gierenden Sohnes gelassen zu, dann aber erzählte sie ihm eben so ruhig wie ernst die Veranlassung zum tod ihres Gatten und wie er, ihn verfluchend, seinen Geist aufgegeben habe. –
Das hatte Magnus doch nicht erwartet, und weil es ihn so ganz fremd, als grauenvolle Wahrheit überraschte, darum brach er fast vor den grässlichen Folgen seiner Tat zusammen. Er war so ganz zerschmettert, dass er weder aufzusehen noch zu antworten wagte. Schweigend liess er die gerechten Vorwürfe seiner zürnenden Mutter über sich ergehen, die, einmal in den Fluss gekommen, auch wirklich den Verbrecher nicht eben zart und rücksichtsvoll behandelte.
Nachdem sie sich hinlänglich über die Scheusslichkeit seiner Tat ausgesprochen und namentlich das gänzlich Unadlige derselben gebührend hervorgehoben hatte, ging sie sogleich grade auf das Ziel los.
"Es ist jetzt Deine Pflicht," sagte sie, "Deiner Cousine die Ehre wiederzugeben. Noch weiss Niemand unserer hohen Verwandten das Vorgefallene, meine Nichte hat sich sehr klug, sehr edel, völlig unegoistisch benommen. Ihr Augenmerk war bloss auf unser altes Geschlecht gerichtet; darum schwieg sie so hartnäckig still. Du wirst demnach noch heute um Herta werben und Dich vierzehn Tage nach dem Begräbnisse Deines Vaters mit ihr verbinden."
"Teuerste Mutter," erwiderte Magnus, Utta's Hand mit Küssen bedeckend, "Sie sprechen den tiefsten, den heiligsten Wunsch meines reuigen Herzens aus! Ich liebte Herta immer, ich habe sie geliebt vom ersten Augenblicke an, wo ich sie kennen lernte, bis auf die gegenwärtige Minute. Meine Cousine kannte meine leidenschaft, aber sie gefiel sich darin, mir kalt, schneidend, abweisend zu begegnen. Sie liess es mich so oft fühlen, dass ich nicht rein sei und edel, wie sie, dass mein heiss brausendes Blut mich zu mancher tadelnswürdigen Handlung hinreisse. Ja sie gestand mir sogar, dass sie mich deswegen hasse und verachte! Da verliess mich die ruhige Besinnung. Mit Herta's Abneigung wuchs meine Liebe zu ihr und von blinder leidenschaft getrieben griff ich zu einem Mittel, das ich tausendmal selbst verflucht habe, das ich für schändlich, verbrecherisch anerkenne und willig mit jeder Strafe abbüssen will, die Herta über mich zu verhängen gesonnen sein sollte! Aus Schaam, Reue und Zerknirschung verbannte ich mich freiwillig von dem Angesicht der Geliebten, deren zürnendes Bild doch im wilden Schmerz der Einsamkeit mein alleiniger Trost war und blieb bis auf den heutigen Tag!"
Solche Zerknirschung versöhnte Utta schnell wieder mit ihrem Sohne. Sie hörte es gern, dass Magnus einer grossen überwältigenden Liebe fähig und dieser erlegen war, und sie hielt es nach diesem reuigen geständnis für Mutterpflicht, dem Gesunkenen die Hand zu reichen und ihn mit Milde wieder aufzuheben.
"Ich werde Dir gelegenheit verschaffen, Herta ohne Zeugen zu sprechen," sagte Utta schon viel sanfter, als vorher. "Sie wird Dich freilich nicht sehr freundlich begrüssen, denn sie zürnt Dir mit Recht. Aber sie ist ein Mädchen, ein gefühlvolles, mit grossen Eigenschaften begabtes Mädchen, das Selbstüberwindung zu den ersten Tugenden rechnet. Ueberzeugt sie sich also von der Wahrhaftigkeit Deiner Reue, wie ich schon davon überzeugt bin, so wird sie nicht immer taub gegen Deine Bitten bleiben und Dir endlich sogar verzeihen."
"Willig füge ich mich allen Bedingungen, meine gütige Mutter! Um den Besitz der geliebten Herta mir zu erringen, würde ich das Himmelreich opfern!"
"Es wird so grosser Opfer nicht bedürfen," sagte