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seinem Vater sterben sollte. Ferner stand in dieser Verschreibung keine Hindeutung auf des Grafen Testament, in welchem doch notwendig von einer solchen Schenkung die Rede sein musste. Alles dies hatte Magnus mit Vorbedacht weggelassen, um seinen gesetzlichen Erben möglichst viele Auswege zu geben, wenn die Wendin dereinst ihre Ansprüche auf die Schenkung geltend machen sollte. Dass er die Wenden selbst mit einem derartigen Papiere betrügen und ihre bösen Anschläge würde abhalten können, daran zweifelte er nicht; denn er kannte den leichten Sinn dieses Völkchens und ihre unzureichenden, fast an das Kindische streifenden Rechtskenntnisse.

Wie aber dieses Papier in Haideröschens hände bringen? Anfangs wollte er selbst sein eigener Bote sein. Dies gab er jedoch bald auf, denn er sah ein, dass die jugendliche Frau des Freibauers Clemens wie eine Fürstin bewacht wurde und durchaus jeder noch so schlau angelegten List unzugänglich bleiben musste. Gewaltsames Eindringen wäre allerdings noch möglich gewesen, dies konnte aber auch das Signal zu einem wütenden Aufstande, vielleicht gar zu seiner Ermordung sein. Er hatte ein- für allemal das Vertrauen seiner Untertanen verloren und dafür musste er jetzt büssen. Wäre er als strahlender Engel der Liebe unter ihnen erschienen, sie würden ihn dennoch für einen verkappten Teufel gehalten und als solchen behandelt haben.–

Nach langem Hin und Hersinnen entschloss er sich endlich, den Voigt mit dieser Sendung zu belasten. Er war der einzige Mensch aus seiner näheren Umgebung, dem er noch vertrauen konnte, da die persönlichen Juteressen desselben an die seinigen geknüpft waren. Der Voigt wurde von dem Gesinde, das er beaufsichtigte und tyrannisirte, gehasst als das blind gehorchende Werkzeug des gefürchteten Herren. Schon deshalb konnte dieser Mann nicht von ihm abfallen. Alle Uebrigen, sowohl Dienerschaft wie Knechte und Mägde, waren ihm feindlich gesinnt und zu offenem Aufstande geneigt, wenn das Zeichen dazu gegeben ward. Vor diesen also musste er sich hüten. Erst, wenn Haideröschen das Papier empfangen und gelesen hatte, und der Inhalt desselben von ihren nächsten Verwandten den Bewohnern der Haidedörfer mitgeteilt ward, erst dann konnte er wieder furchtlos unter seine Leute treten und ausrufen: Seht, so verkennt Ihr mich, der ich doch immer nur für Euch denke und nur Euer Bestes will!

Zu diesem Behufe schlug nun Magnus die entworfene Schenkungsurkunde für Haideröschen und deren Nachkommenschaft in Wachsleinwand und übergab sie dem Voigte mit der Weisung, dieselbe in den nächsten Tagen an die verehelichte Clemens abzuliefern. Von dem Inhalt der Rolle liess er nichts verlauten und der Voigt war nicht der Mann, aus Neugierde danach zu fragen. Er sagte zu und Magnus dachte nicht mehr daran.

Da starb Erasmus in Folge der Entdeckung, welche ihm seine unglückliche Nichte gemacht hatte. Die bestürzte Utta sendete sogleich einen Eilboten an ihren Sohn ab, damit er als Universalerbe persönlich Besitz von der Burg nehme. Ein Testament war nicht vorhanden, mitin über Erbschaft und Erbschaftsantritt gar kein Zweifel.

Magnus gehorchte auf der Stelle seiner Mutter, im Herzen froh, den Vater nicht mehr lebendig zu finden. Aeusserlich nahm er freilich die Haltung eines tief Betrübten, eines unaussprechlich Erschrockenen an. Er gab die nötigen Befehle an den Voigt, schärfte ihm nochmals ein, die sehr wichtige Rolle nunmehr abzugeben und ja nicht länger damit anzustehen.

Der Voigt hatte auch den besten Willen, aber er erkrankte plötzlich, wie wir wissen, und der nach Magnus Dafürhalten so überaus schlau angelegte Plan scheiterte gänzlich. Als der Grossknecht an dem erwähnten Abende verdriesslich wieder zurückkam und dem im Bett liegenden Voigte die Rolle einhändigte, warf dieser sie ebenfalls ärgerlich in ein altes Pult, wo verschiedene Papiere und Briefschaften, die Niemand brauchte, aufbewahrt wurden, und sagte: "Nun so bleibt's, bis ich wieder gesund bin. Wir Beide können's nicht ändern. –"

An demselben Abend gegen Mitternacht wusste alles Gesinde auf dem Zeiselhofe, was die Wenden im Sinne hatten, und nicht ein Einziger, selbst nicht die Mägde, weigerten sich, ihre Teilnahme zuzusagen. Der kranke Voigt allein erfuhr nichts von der still fortglimmenden Verschwörung gegen seinen verachteten Herrn.

Magnus war seit dem Osterfeste nicht mehr auf Boberstein gewesen. Er hatte daher auch nichts Zuverlässiges von Herta und deren Zustande erfahren. Oft schmeichelte er sich mit der Hoffnung, durch einen Brief von seiner schönen Cousine überrascht und zu einem Besuche nach Boberstein eingeladen zu werden. Aber das stolze, tödtlich beleidigte Mädchen schwieg so hartnäckig, wie sein Vater. Ausser dem, was hin und wieder gehende Boten Unklares mündlich erzählten, war die Kunde von dem Ableben des Greises die erste directe Nachricht von der Burg seiner Väter. Magnus verwünschte sein böses Geschick und sah mit bitterm Verdruss auch diesen seinen kühnsten Plan, seinen heissesten Wunsch an der Unlenksamkeit eines festen Charakters zu grund gehen.

Die trauernde Dienerschaft begrüsste den jungen Erben mit der ihm zukommenden Ehrerbietung, doch schweigend und düster gestimmt. Magnus achtete nicht darauf. Er eilte mit schnellen Schritten die Freitreppe hinandenn in der Schlosshalle ruhte bereits die Leiche des Grafenum am Busen seiner Mutter den zärtlichsten gerührtesten Sohn zu heucheln.

Utta war so vollendete Aristokratin und so ganz ein verbildetes geschöpf ihrer Zeit, dass sie die Fehltritte ihres geliebten Sohnes als verzeihliche Amusements eines liebenswürdigen Cavaliers betrachtete. Diese Art kecker Donjuanerie verschaffre den Söhnen reicher Familien die besten Partien, da sie das unwiderleglichste zeugnis von der Fähigkeit ablegten, ein altes Geschlecht frisch wieder aufblühen zu machen. Was daher immer von dem sittenlosen Wandel des Grafen Magnus ihr zu Ohren kam, sie liess es unbeachtet verhallen und