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Ihr seht, schlechte Geschäfte. Darum geht nur in Gottes Namen wieder auf den Zeiselhof, sagt dem Voigte einen guten Abend und für seine Geschenke im Namen des Herrn Grafen müsse die Jungefrau gar sehr danken."

"Nun so erbarme sich Gott meiner und des Voigtes!" murmelte der Grossknecht. "Seine Gnaden haben mit Galgen und Rad gedroht, wenn das Röllchen nicht vor Beerdigung des verstorbenen Herrn Grafen in der Jungefrau hände gekommen sei, und wer ihn kennt, der weiss, dass er Wort zu halten pflegt. Wenn Ihr aber durchaus nicht wollt, nun gut, so weiss ich, was ich tun muss. Ich gebe das Ding zurück und flüchte mich noch in dieser Nacht in die Haide, um morgen nicht zu fehlen. Dann wär's möglich, dass weder Voigt noch Graf jemals ein Wort wieder von mir hörten."

"Was soll das heissen?" fragte Haideröschen ihren Gatten. "Wäre wirklich etwas im Werke? Ein Angriff auf den Zeiselhof? – Vater, wie ist das?"

"Gedulde Dich bis morgen!" sagte Ehrhold bedeutungsvoll. "Von einer Sache, welche gelingen soll, darf man nicht sprechen."

Haideröschen sah noch einmal zum Fenster hinaus, um durch neue fragen dem Grossknechte Näheres zu entlocken, der so schnöde Abgewiesene war aber inzwischen, ohne gute Nacht zu wünschen, seiner Wege gegangen.

Nun fühlte sich die junge Frau so beunruhigt, dass sie den Rest des Abends für nichts mehr Sinn hatte und die ganze Nacht teils schlaflos, teils von fürchterlichen Träumen geängstigt, zubrachte.

Fussnoten

1 So genannt, weil das Zeuch früher aus Lund bezogen wurde.

Drittes Kapitel.

Mutter, Sohn und Nichte.

Unsere Leser erinnern sich, dass in Haideröschens verhängnissvoller Hochzeitsnacht die zu feierlichem Schwure niederknieenden Wenden die weitin schallenden Hufschläge des davon jagenden Grafen hörten. Magnus trieb nicht das innere Entsetzen über die eigene Schandtat von dem Schauplatze des Verbrechens, nur die Furcht, im Augenblick der Entdeckung von den zu ausgelassener Lust wie zu rasender Wut aufgereizten Leibeigenen zerrissen zu werden, veranlasste ihn, in grösster Eile zu fliehen. Die Tat selbst hatte er dem strengen Rechte nach nicht zu scheuen; denn als Herr und unumschränkter Gebieter stand ihm nach uraltem Herkommen das jus primae noctis zu, und wenn er es ausübte, durch List oder Gewalt, so konnte er sicher auf den jubelndsten Beifall all seiner Standesgenossen rechnen.

Später stiegen allerdings Zweifel in ihm auf, und als er durch genaue Erkundigungen erfahren hatte, dass Haideröschen Mutterfreuden entgegensehe, beschlich ihn ein grossmütiger Gedanke. Er dachte nicht daran, die Frucht wilder Sinnenlust und capriciöser Herrenlaune vor der Welt anzuerkennen, aber zugleich lehnte sich der Stolz des Aristokraten gegen den Zufall auf, dem es in höhnischer Ironie einfallen konnte, den Sohn des reichen Grafen ein langes langes Leben als Bettler durch die erbarmungslose Welt zu hetzen. Schon diese Möglichkeit, die bei nur einigem Nachdenken, bei nur mittelmässigem Combinationstalent sich in grauenvolle Wahrscheinlichkeit verwandelte, empörte ihn. Deshalb musste einer so entwürdigenden Lage seines Sprösslings vorgebeugt werden.

Lange war Magnus unschlüssig, was er tun wollte. Er wartete von Woche zu Woche, von monat zu monat. Am liebsten hätte er eine so delicate Angelegenheit mit Röschen persönlich besprochen, allein er sah wohl ein, dass er von dem Versuch, mit ihr ungesehen zu verkehren, abstehen müsse. Es war unmöglich und noch weniger ratsam, sich ohne bedeutende Bedeckung unter die Wenden zu wagen. Die Hochzeitsnacht von Sloboda's Tochter hatte diese so harmlos heitern Menschen vollkommen umgewandelt. Sie waren still und ernst geworden. Ihre Lieder auf Feldern und Wiesen, ihre schreiende Lustigkeit in Schenke und Kretscham waren verstummt. Man hörte weder am Feierabende noch Sonntags den quäkenden Dudelsack und die schrillende Huslje.

Diese auffallenden Zeichen tiefen Grams und nach Innen sich einwühlenden Unmutes entgingen Magnus nicht. Zugleich rief er sich die Aeusserungen des Maulwurffängers in Bezug auf das Vorhandensein einer Verschwörung unter den leibeigenen Wenden wieder ins Gedächtniss. Noch glaubte er zwar nicht daran, denn er kannte die Friedliebe und Mutlosigkeit dieses armen, unterdrückten, ungebildeten Völkchens, allein er konnte doch auch nicht umhin, rückwärts zu blicken auf Welt- und Sittengeschichte. So oft er dies tat, überrieselten ihn eiskalte Schauer und eine nicht zu beseitigende Furcht vor der Zukunft bemächtigte sich seiner. Taten, wie sie rohe Herrenwillkür ihn hatte begehen lassen, waren häusig grauenvoll bestraft worden, waren nicht selten das Zeichen gewesen zu völligem Umsturz alles Bestehenden, zu Zertrümmerung heiliger oder doch geheiligter Rechte, zu Vernichtung mächtiger Trone und Reiche. – Konnte ihm jetzt nicht etwas Aehnliches bevorstehen? – Die unheimliche Stille unter seinen Leibeigenen schien fast darauf hinzudeuten. Es war daher gevissermassen Sache der Notwehr, die nicht zu verkennende Gährung zu ersticken, das jetzt noch aus der Ferne drohende Unglück abzuleiten. Eine Grossmutshandlung, glaubte er, würde dazu hinreichend sein.

Aus diesen Gründen setzte er sich hin und entwarf eine Schenkungsurkunde, laut welcher Röschen Sloboda, im Falle sie lebendige Kinder zur Welt bringe, nach seinem tod den fünften teil seiner sämmtlichen liegenden Gründe als Entschädigung für das ihr durch ihn zugefügte Unrecht als rechtmässige Erbin erhalten sollte. Magnus war schlau genug, die Formel dieser Urkunde so allgemein wie immer möglich zu halten, denn im Ernst dachte er gar nicht daran, sein zukünftiges Besitztum auf solche Weise zu zerstükkeln. Eben deshalb war auch des Ablebens seines Vaters gar nicht gedacht, so dass die Urkunde ohne Kraft gewesen wäre, im Fall Magnus vor