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wenn sie es je bedürfen sollte?"

"Ihr und Dir soll mein letzter Blutstropfen fliessen! – Aber sie wird unserer Hilfe nicht bedürfen, glaube mir! Der Himmel lässt es gewiss nicht zu, dass ein böser Mensch in allen Genüssen irdischer Glücksgüter schwelgen darf, während eine Gerechte dem Mangel erliegen muss."

Indem pochte es an die Haustür und Ehrhold, der hinausging, um zu fragen, wer Einlass begehre, begann ein kurzes Zwiegespräch mit demselben Nachbar, welcher am Abend, wo die Spinnte erstochen ward, das Gemeindeholz gebracht hatte. Auch kehrte Ehrhold erst nach einigen Minuten wieder zurück.

"Warst Du beim Nachbar, Vater?" fragte Haideröschen schüchtern, denn ihr Herz sagte ihr, dass eine Zusammenberufung der Wenden eingeleitet werde. Ehrhold läugnete es nicht, ja er fügte sogar offenherzig hinzu: "Es handelt sich um den bösen Grafen und ob man verpflichtet sein soll, einem so offenkundig schlechten Menschen fernerhin noch zu gehorchen. – Uns geht das im grund freilich nichts mehr an, denn wir sind ihm nicht mehr erbuntertänig, aber der Sache selbst wegen dürfen wir uns nicht ausschliessen."

"Sie wollen ihm doch nicht ans Leben?" fragte Haideröschen besorgt.

"Damit geschähe dem Schufte zu viel Ehre. Nein, bloss das Vermögen soll ihm verschnitten werden, und dazu, scheint mir, haben Viele triftige Gründe, wenn alle rechtmässige Erben von ihm, sowohl lebende wie solche, die noch auf den Eintritt ins Leben warten, zu gleichen Teilen befriedigt werden sollen."

Bei der letzten Bemerkung seufzte Haideröschen und Clemens ging, um seine kochende Unruhe möglichst zu verbergen, summend in der Wohnstube auf und ab. Es trat eine Pause ein, die Niemand von den Dreien zu unterbrechen wagte, bis Ehrholds Gattin aus der kammer kam und mit Schüsseln und Tassen im Topfbret zu klappern begann. Dabei redete sie mit allen Dreien zu gleicher Zeit nach Art alter Leute, ohne von irgend Jemand eine directe Antwort zu erwarten.

Zum zweiten Male klopfte es draussen, diesmal jedoch an einem der Fensterladen.

"Gott sei uns gnädig!" rief Haideröschen, ihr Rädchen anhaltend, an das sie sich wieder gesetzt hatte, und die hände im Schoosse faltend. "Das bedeutet sicher ein recht grosses Unglück, denn grade so klopfte es am Abend der letzten Spinnte, seitdem das Elend unter uns anhob."

Clemens hatte inzwischen das Schiebfenster aufgestossen und gefragt, was man begehre?

Eine stimme, die er nicht kannte, verlangte die "Jungefrau" zu sprechen. Haideröschen hörte dies und stand neugierig auf.

"Wer seid Ihr?" fragte Clemens ziemlich barsch.

"Ich darf's nicht sagen; es ist mir verboten," antwortete die stimme. "Ich soll 'was abgeben an die Jungefrau."

"Von wem?" fragte Clemens schon ungeduldiger.

"Wenn mich die Jungefrau selbst anhören will, werde' ich's ihr nicht verschweigen."

Clemens fühlte eine Hand auf seiner Schulter. Haideröschen stand neben ihm. "Lass mich mit dem mann reden, guter Clemens," sagte sie sanft und bittend. "Vielleicht kenne ich ihn und er hat mir etwas zu sagen, das uns zum Guten gereicht. Du kannst ja dableiben und mit anhören, was wir reden."

Ungern und mit verdriesslichem Gesicht trat Clemens vom Fenster zurück. Haideröschen erblickte einen Mann in bäurischer Alltagskleidung.

"Was habt Ihr an mich zu bestellen?" fragte sie freundlich.

"Der Voigt vom Zeiselhofe schickt mich zu Euch, liebe Jungefrau," erwiderte der draussen Stehende. "Ich bin der Grossknecht vom hof und eigentlich nicht der beste Freund von unserm Voigt. Weil aber der Mann krank ist und mich schon seit ein paar Tagen anfleht, ich möchte ihm doch den Gefallen tun und zu Euch gehen, bin ich heute in der Dämmerung fortgelaufen. Er hat mir eine Rolle gegeben, vermutlich mit Schriften oder Verschreibungenvon dem gnädigen Herrn, sagt er –"

"Hört auf, ich will nichts mehr hören!" rief Haideröschen. "Nicht eine Stecknadel rühre ich an, wenn ich weiss, dass der Graf sie zuvor in den Händen gehabt hat!"

"So ist's recht!" sagte Clemens. "Immer packe den Rackern auf, dass sie erfahren, wie hoch man ihren Herrn in Ehren hält!"

"Aber liebe Jungefrau, so nehmt doch Vernunft an!" fuhr der Grossknecht fort. "Ich bin, weiss Gott, nicht für den gnädigen Herrn und wünschte lieber, der Teufel zerriss ihn heute als morgen und zerfetzte ihn dermassen, dass nichts von ihm übrig bliebe, als eine Prise Schnupftabak für alle Herren, die just eben so denken wie er, aber den Auftrag des Voigtes muss ich vollziehen, sonst bringt er mich um. Werfts in's alte Gerülle das Ding, wenn Ihr's nicht ansehen wollt, nur nehmt's mir ab, dass ich als ehrlicher Kerl sagen kann: ich hab's richtig abgeliefert."

"Du nimmst nichts!" befahl Clemens. "Hat der Herr Dir etwas zu übergeben, so kann er selber kommen. Dann will ich ihn schon empfangen."

"Es ist sehr wichtig," sagte der Voigt.

"Und wenn Tod und Leben daran hängt, Du nimmst es nicht!" rief Clemens wie besessen.

"Guter Freund," fiel Ehrhold ein, "Ihr macht hier, wie