wir wachen, damit nicht fremde Eindringlinge ihn überrumpeln und den ganzen Plan zerstören. Dies hat für Euch Wenden das Gute, dass Ihr nicht als Aufwiegler dasteht und Euch späterhin, kommt die Sache zur Sprache, vor Gericht in bester Manier herausreden könnt. Denn wer einem Feinde im rücken steht, kann eben so gut diesen anzugreifen beabsichtigen, als ungebetene Gäste ihm fern halten. Das ist eine prächtige Zwickmühle, in der ich selbst die Kniffe und Kreuzund Querfragen des allerschlauesten Inquisitionsrichters allemal fangen und erdrücken will."
"Dass nur kein Schwächling uns verrät!"
"sorge nicht, Jan! Deine gesammten Stammesgenossen beseelt nur ein Gedanke: Bestrafung des Verbrechers und Losreissung von seiner herrschaft. Seine letzten Schandtaten, die ihn aus dem Verbande der Menschheit ausstossen, machen jeden Fürsprecher verstummen. Er ist reif zur Aerndte und so soll denn auch die Sichel, welche ihn mähet, mit aller Kraft an ihn gelegt werden. – Heute Nacht beginnt der persönliche Aufruf auf allen Haidedörfern. Ich selbst habe den Richtern beim Aufsetzen der Verordnung redlich geholfen. Es bedarf nun bloss noch des von Haus zu Haus wandernden Krummholzes. Es wird diesmal auch an die Tür der niedrigsten und ärmsten Hütte nicht vergebens pochen."
Während dieses Gesprächs hatte Sloboda sein Haus erreicht und nötigte den für ihn so unermüdlich tätigen Freund einzutreten und ein frugales Abendbrod mit ihm zu geniessen. Wir wissen, dass Heinrich ein solches Anerbieten nie von der Hand wies, wenn es ihm irgend die Zeit erlaubte, und so nahm er auch diesmal die Einladung des Wenden an. – –
Um dieselbe Zeit sass Haideröschen in der geräumigen Wohnstube Ehrholds auf der Bank am Fenster, liess flink das Rädchen schnurren und zupfte mit ihren schlanken Fingern, die ungeachtet der harten Arbeit, der sie sich in der Wirtschaft unterziehen musste, immer weiss und zart blieben, den silbernen Flachs vom Rocken, um das feinste Garn daraus zu spinnen. Es war dasselbe Rädchen, derselbe Rockenhalter, den sie am lustigen Abend der letzten Spinnte gebraucht hatte. Seitdem war bloss ein halbes Jahr vergangen und ach, welche Tage des Kummers, welche schlaflos durchwachten, tränenreichen Nächte lagen dazwischen! – Sie war Frau, die geliebte Frau ihres Erwählten geworden, sie fühlte ein zum Leben erwachendes Leben unter ihrem Herzen sich regen, und sie schauderte vor diesem erwachenden Leben, und Gedanken trüben Wahnsinns liessen ihre Brandmale in der gepeinigten Seele zurück; denn sie konnte und durfte ja den geliebten Gatten nicht Vater nennen! Selbst der Name Mutter machte sie erbeben und häufig in Krämpfe und ohnmächtige Erstarrung fallen.
Seit der unseligen Hochzeitsnacht, die für sie die letzte Nacht irdischer Freuden gewesen war, trug sie die halbe Trauer. Ein schwarzer lündischer1 Faltenrock umhüllte ihre zarten Glieder. Das bunte Tuch von lebhaften Farben musste einem schlichten weissen Linnentuch weichen, das sie um Hals und Busen legte. Eben so verhüllte sie sich den Kopf und die schönen seidenweichen goldblonden Haare, die in ein dickes Nestchen gewunden unter der Frauenhaube um verlorenes Glück und geraubte Unschuld trauerten. Die aufknospenden Lockenröschen, die ihrem Gesicht einen so eigentümlichen Ausdruck schalkhaften Reizes gegeben hatten, waren verschwunden. Ging sie aus, so warf sie noch ein weisses Tuch über Kopf und Schulter, so dass nur das jetzt bleicher gewordene trauernde Gesicht und die schönen melancholisch tiefen Augen sichtbar blieben.
Mit immer gleicher Beharrlichkeit zupfte Haideröschen die zartesten Fäden aus dem schimmernden Flachse und drehte taktmässig ihr schnurrendes Rädchen, ohne des Pochens und Schütterns an den Holzwänden zu achten, welche Clemens und sein Vater mit Laub und Stroh gegen die Winterkälte verwahrten. Der schnelle Tod des Grafen Erasmus beschäftigte auch sie und über dem Unglücke Herta's, das in wenigen Tagen zum lauten geheimnis geworden war, vergass sie ihr eigenes, der verehrten Herrin so ähnliches Leid. Nun begrisf sie auf einmal das tiefe Verstummen, das entsetzliche Hinstarren des Fräuleins nach jener rätselhaften Nacht, ja sie wunderte sich fast, dass ein so zartes, schönes und gebildetes Wesen, wie Herta es in ihren und Aller Augen war, das Grässliche hatte überleben können, ohne den Verstand zu verlieren.
Es war bereits so dunkel im Zimmer, dass Haideröschen nicht mehr den Faden deutlich erkennen konnte, den sie zwischen den Fingern drehte, als die draussen schaffenden Männer von ihrem Tun abliessen und in's Haus zurückkehrten. Jetzt hielt auch die Spinnerin ihr Rädchen an, schob es zurück und ging nach dem Kamin, um Holz aufzuschichten und das weitin leuchtende Abendfeuer anzuzünden. Während dieser Beschäftigung sagte sie zu Clemens:
"Hast Du Dich nun entschieden, ob wir zusammen auf's Schloss gehen werden, damit ich dem guten toten Herrn meine Hand zum ewigen Lebewohl reichen kann?"
"Es wird sich nicht tun lassen, liebes Röschen," versetzte der Gefragte. "Sichern Nachrichten zufolge ist der böse Herr auf Boberstein und Du kannst wohl denken –"
"Ich verstehe, guter Clemens," unterbrach ihn Haideröschen. "Wir bleiben daheim, ich bete für den geschiedenen Greis, für das arme fräulein und singe an seinem Begräbnisstage ein Lied zu seinem Andenken. Er wird mir das im Himmel eben so hoch anrechnen, als hätte ich an seinem Sarge geweint. – Wenn soll er denn bestattet werden?"
"Uebermorgen."
"Ist es wahr, dass er kein Testament hinterlassen hat?"
"Es geht allgemein die Rede davon."
"Dann bedaure ich bloss das gütige fräulein! – Nicht wahr, Clemens, Du stehst ihr gern bei,