Mal wiedersehe, dass ich nach vierzig Jahren Deine Hand nochmals in der meinigen fühle, Dich wieder sprechen höre!"
"Ja," fiel der Maulwurffänger still lachend ein, "ein Erdfahrer wie ich, der mit allerhand schlechtem Gewürm frühzeitig Bekanntschaft macht, wird bei zeiten klug und hart gegen weltliches Ungemach und menschliche Tücken. Noch fühle ich mich kräftig, wie vor vierzig Jahren, und wenn's mir nachgeht und meinem Willen, so höre ich unter zwanzig Jahren nicht auf, die feinöhrige Brut in ihren Schatzgräbereien zu stören. Aber weisst Du, dass mir bange war vor Dir, Alter? Der hat lange in's Gras gebissen, dachte' ich, als ich mich hinsetzte und mühselig die paar Zeilen kritzelte. Denn ich rechnete so: entweder er ist vor Kurzem gestorben oder Polen und Russen haben ihn gemeinschaftlich massacrirt. Dass Du trotz dem am Leben bist und obendrein gesund und hier, hier an dem alten Götzensteine, das freut mich von Herzen, Jan! Wie geht's Deinem kind?"
Sloboda zeigte gegen Himmel. "Sehr wohl, Heinrich! Sie ging heim, ehe die Revolution beendigt war."
"Also auch schon dahin! Nun, Alter, das tut nichts. Sie war grade kein apartes Glückskind trotz ihrer Lieblichkeit, und für ihre Jahre hat sie genug erdulden müssen. Aber wieder auf meinen Brief zu kommen: was dachtest Du denn dazu?"
"Ich bin hier und Du fragst noch?"
"Freilich, Jan! Das Schäkern und Necken hab' ich noch immer nicht verlernt. Verdammt! Da ist mir richtig mein Kraut wieder ausgegangen!" Und – pink! pink! – schlug Heinrich aufs Neue Feuer an und setzte sein Gespräch gemütlich fort.
"Was veranlasste Dich zu diesem rätselhaften Briefe?"
"Ein glücklicher Zufall, ein Wunder, wenn Du willst! Du kennst mein Gewerbe, dem ich von Jugend auf mit Lust und Liebe zugetan war, das mich leidlich nährte und mir die Bekanntschaft vieler bald guter bald böser Menschen verschaffte. Ich hab's fortgetrieben bis heute, ohne die Lust dran zu verlieren, obschon in neuester Zeit wenig mehr dabei zu verdienen ist, weil die meisten Grundbesitzer sich einbilden, das Maulwurffangen sei keine Kunst, und nun, was ich mit der elastischen Schlinge zierlich und leise bewerkstellige, sie mit plumper Hand mittelst spitzer Fangeisen zu erreichen suchen. Freilich läuft ihnen manchmal eine der blinden Bestien in die grob gelegte Falle, aber ich sage Dir, ein solch gefangenes Tierchen sieht sich nicht mehr ähnlich. Die Stacheln zerfleischen ihm den sammetweichen schwarzen Spenser, den ihnen unser Herrgott angezogen und der mir manchen Speciestaler eingetragen hat. Na, sei's wie's sei, ich mache doch noch immer meine Wege, senke meine schlank gebogenen Schlingen in die Erde und habe meine Freude daran, wenn früh und Abends die frischen Wippen mit meinen Gefangenen wie schwarze Fähnchen über den grün schillernden Saaten aufgerichtet stehen."
"Nach Deiner Auswanderung tat mir Niemand etwas zu Leide," fuhr er fort, "obwohl Mancher heimlich Lust dazu haben mochte. Sie trauten sich nicht an mich, weil sie mich fürchteten und auch nichts Sicheres gegen mich aufbringen konnten. So blieb ich denn völlig ungestört wer ich war, und fing Jahr aus und Jahr ein meine Maulwürfe. Der Edelhof an der Haidenkante, wo damals unser blauhutener Junker hauste, war nach wie vor ein häufiger Aufentaltsort für mich. Seine Aecker, Wiesen und Ländereien standen unter meinem Messer und ich habe manch tausend Nasenwürfel auf die künstlich gegrabenenen Mördergruben gelegt, aus denen meine Springeisen die fleissigen Arbeiter in die Luft schleuderten. Sieh da begab sich's in diesem Frühjahr, dass ich auf dem grossen Flachsfelde dicht hinter dem Herrenhause eine Falle stellen will, just neben einem hohen frisch aufgeworfenen Maulwurfshaufen. Um Raum zu gewinnen, stoss' ich mit dem fuss den Erdaufwurf um und ein zusammengerolltes Papier kommt zum Vorschein. Das wundert mich, denn es war mir dergleichen noch nicht begegnet. Sind denn die Maulwürfe Schriftgelehrte geworden, denke' ich, und hebe das Röllchen auf, das ganz sauber in ein wachstuchenes Läppchen eingeschlagen ist. Als ich's aufwickle, war's nicht mehr und nicht weniger als ein Bogen gestempeltes Papier, auf einer Seite halb beschrieben, und was mir auffiel, unter der Schrift stand in mir wohlbekannten Zügen der ganze Name unsers saubern Zeisigs von Grafen. Wohl bekomm' ihm das ewige Leben, er ist schon lange tot! Das machte mich natürlich neugierig und so fange ich denn an zu lesen, lese ein, zwei, drei Mal und glaube immer noch zu träumen, denn ich hatte nichts anderes in Händen, als eine vollkommen giltige, rechtskräftig untersiegelte Verschreibung vom Grafen Blauhut für Röschen –"
"Für Röschen!" unterbrach ihn Sloboda.
"Das ist unmöglich, Du hast Dich getäuscht! Röschen hat nie eine Sylbe davon gesagt!"
"Leider wahr! Sie hat nie davon gesprochen, dass ich es wüsste, dennoch aber, Freund Jan, ist die Verschreibung da und ich habe sie daheim wohl verschlossen in meiner Lade."
"Es muss ein Irrtum sein, Heinrich! Wie hätte sich auch das Papier so lange halten können und wie konnte es in den Maulwurfshaufen kommen?"
Heinrich lachte. "Das ist eben das spasshafte Wunder dabei," versetzte er. "Unser Herrgott weiss immer Mittel und Wege zu finden, wenn ihm