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zu reinigen.

In dieser ungesunden, ekelerregenden wohnung lebte Natanael und dieses Leben würde für ihn unerträglich gewesen sein, hätte ihn die Aussenwelt überhaupt noch gekümmert. Die Nacht, welche seinen Geist umhüllte, verdeckte auch mit wohltätigem Schleier das entsetzliche Elend seiner Umgebung.

"Er kommt noch immer nicht," sagte er zu Sloboda, seine abgemagerten, schweissig-kalten Finger in die Hand des Vaters legend. "Sie haben die Haiden durchsucht bis nach Schlesien, aber die Fussstapfen sind verweht von Laub und Nadeln."

"Wenn die rechte Zeit kommt, werden sie ihn schon finden," erwiderte Sloboda mit schwerem Seufzer. "Warten, Geduld haben ist leider unser aller trübes los auf dieser unvollkommenen Erde!"

"Geduld! – Ich hatte immer viel Geduld."

"Weisst Du schon von dem Todesfalle?" fragte Sloboda.

Natanael sah den Vater blöd lächelnd an, dann erwiderte er: "Es wird bald ein grosses Sterben kommenunter die Hochmütigen. Alle Bäume trauern schondas sieht so fürchterlich aus."

"Sie trauern um ihren Herrn, den Grafen."

"Graf? – Graf heisst Schurke. Marianne hat's hundertmal gesagt."

"Nicht immer, Natanael! Graf Erasmus, der nun zu seinen Vätern gegangen ist, war ein braver Mann."

Der Wahnsinnige lachte und schüttelte wiederholt den Kopf dazu. "Närrisches Volk, solche Grafen! – Kartoffeln dem Braten vorzuziehen! – Rechte Schurkenkost!"

Sloboda hatte seinen Sohn noch nie in solcher Stimmung gesehen und wusste nicht, wie er sich die unverständlichen Reden deuten sollte. Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, fragte er, ob er Lust habe, den alten Grafen auf dem Paradebette zu sehen, so wenig er selbst daran dachte, das graue Schloss zu diesem Zwecke zu besuchen.

Mit dem wahrhaft entsetzlichen stereotypen Lächeln auf seinem blassen Gesicht trat Natanael nach dieser Frage an sein Fenster, legte den Finger in die Oeffnung und sagte:

"Schloss dort drüben! Abends die Sonne dahinterimmer ein gräfliches Paradebett!"

Dann legte er das Gesicht wieder in die zerbrochene Scheibe und ohne sich ferner noch um seinen unglücklichen Vater und dessen an ihn gerichtete fragen zu bekümmern, sah er unverwandt hinüber auf die Haide und die vier Türme von Boberstein, dessen hohe Schieferbedachung mit den vergoldeten Kreuzen, Knöpfen und Windfahnen jetzt im Goldschaum der Abendsonne zu glühen begannen. Mit schwerem Herzen und der trostlosen Gewissheit, dass sein armer Sohn noch immer keine Spur des zurückkehrenden Verstandes zeige, musste Sloboda das wacklige Gemeindehaus wieder verlassen, um in der eignen stillen Hütte immer noch den alten Kummer als treuen Hausgenossen zu finden.

Aus der Tür dieses Asyls der elendesten Armut tretend, liess er seine melancholischen Augen über die dunstige, jetzt mit einem breiten Gürtel purpurn flimmernden Duftes umwundene Haide gleiten und sie auf den blitzenden Spitzen der Schlosstürme ruhen. Eine Flut der widersprechendsten Gedanken trieb mit Sturmeseile durch seinen Geist, ohne dass er in seiner tiefen Niedergeschlagenheit im stand gewesen wäre, nur einen einzigen, ihm praktisch scheinenden, festzuhalten und in ruhiger überlegung weiter zu verfolgen. Nach einiger Zeit, keines vollkommen klaren Gedankens sich mehr bewusst, schritt der Wende gebeugten Hauptes die kotige Gasse entlang, welche das Dorf in zwei gleiche Hälften teilte. Auf dieser Wanderung überholte ihn ein Anderer und grüsste ihn ermutigend mit den Worten:

"Nicht so verzagt, Freund Jan! Unsere Angelegenheiten schiessen rasch in Blüte."

Es war der Maulwurffänger, der unermüdlich die halbe Nacht durchwandert war und jetzt schon wieder von einem anstrengenden Gange durch eine Menge zu Boberstein gehörender Dorfschaften kam. "Lips ist unser mit Herz und Hand und voll Feuer und Flamme! Ich sage Dir, Jan, der Mann hat einen Zweck bei seinem Tun, und wie hart immer Sitte und Gesetz dies tadeln mögen, auf wessen Seite das grössere Recht zu finden sein dürfte, das ist noch eine schwer zu beantwortende Frage. Ein feiner, verschlagener und in vielem Betracht auch rechtlicher Mann ist unser Fürst der Haide und einen Giftzahn hat er jetzt auf den Blauhut, dass mir fast bange wird um das Leben des exquisiten Schurken."

"Er will also unsere Partie ergreifen?"

"Mehr, mehr, Freund Jan! Er will uns bloss zur Stütze haben und übrigens die ganze Angelegenheit zu seiner eignen machen! Lass Dir genügen, wenn ich Dir sage, dass Lips ein alter Bekannter von mir ist und dass er die Heimlichkeiten der gräflichen Familie besser kennt und Schlimmeres von ihr wissen muss, als wir ahnen! Vor zwanzig und mehr Jahren stand unser Todfeind Magnus unter seiner Zuchtrute. Lips war der Hofmeister des wilden Jungen."

"Sprächst Du nicht zu mir, dann würde ich die ganze Erzählung für ein Märchen erklären," versetzte Sloboda, "und weil uns wirklich zu unnützen fragen und Erörterungen keine Zeit übrig bleibt, unterlasse ich alles vergebliche Forschen. Du sprichst, er ist der Unsrige mit seinem ungeheuren Anhange, er will teilnehmen an der Rache, die unser Gewissen fordert, und somit erkläre ich ihn für meinen Freund, meinen Bruder. – Seid Ihr einig geworden über Zeit und Stunde?"

"Uebermorgen Abend, während Familie und Dienerschaft am Sarge des Verstorbenen knieen und Tränen heucheln, soll der Angriff geschehen."

"Auf welche Art?"

"Das wollte mir Lips nicht mitteilen. Wir sollen überhaupt keinen tätigen Anteil nehmen an dem, was er zu tun gesonnen ist, nur im rücken sollen