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die Strasse zu fallen drohten. Von der Feuerösse waren bloss noch vier stumpfe Pflöcke übrig. Ein Gewittersturm hatte das runde Schutzdach entführt und seitdem fanden Regen und Schnee ungehindert Eingang in diese Höhle der Armut, Krankheit und Not.

Glücklicherweise war das Dorf nicht stark bevölkert, so dass die Zahl der Bewohner des Gemeindehauses sich nur auf vier Individuen belief. Zu diesen gehörte auch Sloboda's verwittweter Sohn, der "närrische Natanael," wie ihn seine Bekannten nannten. Seit er den Verstand verloren hatte, war er hier untergebracht worden, weil es Sloboda an Zeit fehlte, den Unglücklichen zu beaufsichtigen und zu pflegen. Denn im Gemeindehause musste auf Kosten der Gemeinde für Kranke eine Wärterin gehalten werden, die für ihren höchst kargen Lohn verpflichtet war, zu bestimmten Stunden für die Bedürfnisse derselben zu sorgen.

eigentlich hätte Natanael keine Wartung gebraucht. Er war der stillste, gemütlichste, lenksamste Wahnsinnige, den es geben konnte. Wer an der baufälligen Hütte vorüberging, konnte sein blasses, immer lächelndes Gesicht entweder in der Oeffnung einer fehlenden Fensterscheibe sehen, was ganz den Anstrich hatte, als habe man statt des Glases eine menschliche Larve mit beweglichen Augen hineingeklebt, oder ihn selbst vor der lochartigen Haustüre betrachten, wo er, einen Knüttel im Arm, Wache stand und wie ein Posten gravitätisch auf- und niederging. Er tat keinem kind etwas zu Leide, war mit Allem zufrieden, ass und trank, wenn man ihm etwas gab, und fastete ohne Murren, wurde dies vergessen. gewöhnlich sprach er mit sich selbst, und so wenig man auch von seinen Reden verstehen konnte, so war doch aus vereinzelten Worten und aus stets wiederkehrenden Wendungen und Gedankenbruchstücken abzunehmen, dass er des festen Glaubens lebe, seine erschlagene Frau habe ihm einen Knaben hinterassen, der beim Begräbniss der Mutter verloren gegangen sei und nun ohne Vater und Mutter elend umkommen müsse. Es wusste aber Jedermann, dass Natanaels Frau nach kaum andertalbjähriger Ehe ums Leben gekommen war, dass sie niemals ein lebendiges Kind geboren hatte, wohl aber etwa ein halbes Jahr vor ihrem plötzlichen tod von einem toten Knaben entbunden worden war.

An alle dem hatte bei Lebzeiten der unglücklichen Frau Niemand gezweifelt, jetzt aber durch des Irrsinnigen Reden aufmerksam gemacht, erhoben sich ganz im geheim einzelne Stimmen, welche andeutungsweise behaupteten, es sei damals bei der Entbindung von Natanaels Frau nicht ganz nach Recht und Gerechtigkeit zugegangen! Ihr Kind habe wohl gelebt, indessspäter sei es als todtgeboren begraben worden! – Solche Gerüchte liefen, wie gesagt, jetzt um, allein wer hätte Zeit, Lust und Bedürfniss gehabt, ihrem Ursprunge nachzuspüren und die Wahrheit zu ermitteln! Die arme Frau war tot, Natanael verrückt und sein Vater hatte mit der einzigen Tochter Kummer genug, als dass irgend einer seiner Mitbrüder ihm eines hohlen Gerüchtes wegen das Herz noch mehr hätte beschweren mögen. –

Fast alle Tage besuchte der bekümmerte Vater seinen unglücklichen Sohn, um ein paar Worte mit ihm zu reden und sich von seinem elenden Hinvegetiren zu überzeugen. Stand Natanael Wache vor der Tür, so liess er den Vater nich in's Haus, denn er behauptete dann, sein Knabe sei drinnen in der Pension, werde zum vornehmen Herrn erzogen und erhalte jetzt eben Unterricht in feiner Lebensart; wer nun da Einlass begehre, der beabsichtige, ihn zu entführen und wieder unter die Bauern zu verstossen. Lag dagegen das blasse Gesicht des Wahnsinnigen in der fehlenden Fensterscheibe, so durfte Sloboda eintreten und dann erzählte ihm Natanael die Verirrung seines Kindes beim Begräbniss der Mutter. Um diese beiden fixen Ideen drehte sich nun schon seit langen Monaten der Gedankengang des Unglücklichen. –

Am Tage nach Heinrichs nächtlicher Zusammenkunft mit Lips machte Sloboda seinen gewöhnlichen Besuch im Gemeindehause. Es war nach der stürmischen Schneenacht, wie dies zu Anfang Herbst oft geschieht, am Morgen wieder ganz still und warm geworden und die Sonne schien so erquickend mild, dass man hätte glauben können, der Lenz sei eben angebrochen.

Natanael lag mit dem lächelnden Gesicht im Fensterloche und sah mit den blödsinnigen, ausdruckslos gläsernen Augen auf die Haide, über deren blauschwarzem Walle die äussersten Turmspitzen des fernen Schlosses Boberstein deutlich zu erkennen waren.

"Guten Tag, Natanael," sagte Sloboda grüssend, "es will nochmals Sommer werden, scheint es."

"Er kommt doch nicht wieder," entgegnete mit traurigem Kopfschütteln der Wahnsinnige, indem er das Fenster verliess, um seinem Vater bis an die Stubentür entgegen zu gehen.

Ausser ihm war noch eine alte Frau in der dunstigen schmutzigen stube, die auf der Ofenbank sass und die Spindel drehte. Ein paar Ueberreste von Dielen waren erst am Morgen aufgebrochen und in kleine Stückchen zerspalten worden, um Feuer damit anzumachen, denn das Reissig war ausgegangen und die Gemeinde hatte noch kein neues geliefert, weil der Vorstand vergessen hatte, anzuzeigen, dass alles Holz der Armen verbrannt sei. Der Fussboden des Gemeindehauses bestand daher gegenwärtig aus nacktem schwarzgrauen Lehm. Die Bewohner hatten grosse Löcher darin ausgehöhlt, um Kartoffelschalen und Spülicht hineinzugiessen oder sie auch gelegentlich als Waschbecken zu gebrauchen. Auf den Stangen um den Ofen hingen graue Lumpen, die Schürzen und Kleidungsstücke vorstellen sollten. Auf dem gemeinsamen Tische summten gefrässige Fliegen um einen Teich verschütteter saurer Milch und um einige Stücke eisenharter Rinde von Schwarzbrod. Bänke und Schemel, denen die Beine fehlten, und welche, wenn man sich setzen wollte, erst aus allen Winkeln zusammen gesucht werden mussten, waren unsauber und fettig, da Niemand sich die Mühe gab, sie