1845_Willkomm_143_106.txt

Ihr vor mehreren Monaten eine an Euch ergangene Bitte, die von mir herrührte, so bereitwillig erhörtet und durch dieselbe den unbändigen Grafen Magnus nötigtet, einem unterdrückten armen Mädchen Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen; da glaubte ich, Ihr durchschautet die geheimsten Pläne dieses gewissenlosen Mannes. Wer konnte ahnen, dass jene Drohung so schreckliche Folgen haben würde! – Nun es geschah, was geschehen musste nach dem Ratschlusse Gottes, und es wird nicht umsonst geschehen sein. Die entsetzliche Hochzeitsnacht Röschen Sloboda's hat Drachenzähne gesät, die bald aufgehen werden, um blutige Wiedervergeltung zu üben."

"Ich habe von dem Bubenstück gehört," versetzte der Räuber, "ohne mich jedoch um den Namen des Herren zu kümmern. Magnus also war der Schurke? – Dann sehe ich, dass er seinem Vater keine Schande macht."

"Wollte Gott, Ihr sprächet die Wahrheit!" entgegnete der Maulwurffänger. "Wollte Gott, Graf Magnus wäre in die Fussstapfen seines zwar vorurteilsvollen, aber nichts desto weniger redlichen Vaters getreten! Ich brauchte dann nicht in wilder Sturmnacht durch die Haide zu wandern und bei denen Hilfe gegen Herrenwillkür zu suchen, die im gewöhnlichen Leben der gemeine ehrliche Mann flieht!"

"Stachlige Reden verwunden mich nicht, also sprecht Euren Unmut immerhin aus, wenn es Euch dazu drängt; nur bitte ich, fasst Euch kurz, damit ich erfahre, warum Ihr den verstorbenen Grafen so lebhaft gegen den Sohn in Schutz nehmt."

"Das ist bald gesagt," erwiderte Heinrich, mit umgekehrter Hand die unwillkürlich ihm in die Augen stürzenden Tränen abwischend. "Seit Jahren schon, genau weiss ich die Zeit freilich nicht zu bestimmen, lebte ein junges Mädchen auf Boberstein, eins von jenen Wesen, deren körperliche Schönheit von ihrer himmlischen Seele zeugnis ablegt. Niemand wusste recht, wo das engelschöne Mädchen herkam und wem sie angehörte. Es kümmerte sich auch Keiner darum denn Alle hatten sie zu lieb, und da konnte es Jedem gleichgiltig sein, von wem sie ihr Dasein ableitete. natürlich gehörte auch Magnus zu den Verehrern seiner Cousine –"

"Cousine! Ihr sagt Cousine?"

"Auf dem Grafenschlosse nannte man sie so und sie musste es wohl auch sein, denn von herrschaft und Dienern ward sie wie ein Kind des Hauses gehalten und standesgemäss erzogen. – Genug, der junge Graf steigerte seine Verehrung der Cousine bis zur Liebe und trug ihr seine Hand anmehrmals, wie ich späterhin erfahren habe. Allein Herta –"

"Wer nennt sich Herta?" warf der Räuber aufspringend ein.

"Es pfiff nicht, es war nur der Wind, der im Schlot heult," sagte der junge Mensch, welcher den Maulwurffänger in die Kellerwohnung geführt hatte, denn er glaubte, sein Herr vermute oder erwarte noch einen Besuch.

"Nun ich denke, des Grafen Cousine nannte sich Herta," erwiderte unser Freund.

"Denke! – Wenn Ihr erzählen wollt, so unterrichtet Euch zuvor, damit Ihr Andere nicht in Angst und Unruhe versetzt!"

Lips stützte nach diesen Worten den ergrauenden Kopf in die Hand und drehte wildblickend seinen Schnurrbart. Der Maulwurffänger ward jetzt aufmerksamer. Sein schärfster blick glitt über die Mienen des Räubers, dann sagte er mit feierlich-ernstem Tone:

"Bei meinem Eid, Herr Johannes, ihr Name ist Herta und ein Gerücht im volk will behaupten, dass ihr Ursprung nach den gewöhnlichen Begriffen des Adels und der Vornehmen kein ganz gesetzlicher sei."

Der Räuber hatte sich wieder aufgerichtet. Er sah den Gast mit Augen an, vor deren brennender Glut selbst Heinrich erschrak.

"Nun?" fragte Lips heftig, da unser Freund schwieg. "Ist Eure geschichte zu Ende?"

"Sie ist es bald, Herr Johannes. – Das gute, schuldlose Kind wies den kühnen, zudringlichen Bewerber ab, verbot ihm das Zimmer, sagte ihm in's Gesicht, dass sie ihn und seinen Lebenswandel hasse, verabscheue. – Magnus lächelte und ging. Er hasste jetzt seine Cousine, und als er die gelegenheit erspäht hatte, schlich er sich in stiller Nacht auf nur ihm bekannten und zugänglichen Wegen in ihre kammer –"

"Weiter! Weiter!" schrie Lips, den Tisch mit beiden Händen umklammernd.

"Und zwang sie seinem Willen!" flüsterte der Maulwurffänger.

Ein Schrei des Räubers hallte wieder an dem grauen Kellergewölbe, dann hörte man ein Krachen, der Tisch borst mitten auseinander und der gewaltige Körper des bis zum Wahnsinn aufgeregten Mannes stürzte zugleich mit den Trümmern des Tisches, mit Leuchtern und Allem, was darauf lag, zu Boden.

Heinrich sprang helfend auf, doch Lips erhob sich schon wieder aus eigener Kraft, stiess die zerbrochene Tafel von sich und befahl, einen andern Tisch herbeizubringen, was ohne Zaudern geschah.

"Ich bitte Euch jetzt," sagte er mit ruhiger Haltung, aber bleich vor Entsetzen und mit bläulichen, zitternden Lippen, "ich bitte Euch, Heinrich, endiget!"

"Das entehrte Mädchen schwieg bis vor wenigen Tagen. Da drang Graf Erasmus in sie, weil sie immer elender, immer bleicher ward, und als sie die Schandtat seines Sohnes ihm gestand und dass sie die schreckliche Hoffnung habe, Mutter zu werden, da raufte der Greis sein Haar, verfluchte den Sohn und stürzte vom Schlage getroffen bewusstlos zu Boden. Seine Diener hoben eine Leiche auf. In vier Tagen soll er mit allem Pomp des alten Grafenhauses beerdigt werden."

Der Räuber hatte den letzten