auf. Erst als er seine Lectüre beendigt hatte, schlug er das Buch zu und hob langsam das freundliche, blaue Falkenauge zu seinem gast empor.
"Ihr seid nicht pünktlich," sprach er aufstehend, einen alten, mit kostbarem rotbraunen Saffian überzogenen Lehnstuhl von Nussbaumflaser an den Tisch ziehend und mit graziöser Handbewegung unsern Freund zum Sitzen einladend. "Hätte mich nicht die ungestüme Witterung an Ausführung meiner Pläne verhindert, so würdet Ihr mich nicht mehr getroffen haben."
Während der Räuber mit klangvoller fast sanfter stimme so sprach, hatte der Maulwurffänger Zeit, ihn genauer zu betrachten, sein lebhaftes Mienenspiel und seine Bewegungen zu studiren. Verwundert, ja entsetzt trat er jetzt einen Schritt näher, seine schwielige Hand schirmend über die Augen haltend, um das Licht der Kerzen zu dämpfen, dessen Glanz ihn blendete.
"Mein Gott," sagte er tief aufatmend, "welche Aehnlichkeit! Aber das kann ja nicht sein!"
Nun horchte auch Lips auf und aus den freundlichen stillen Augen fuhr ein funkelnder Blitz über Heinrich. Er beugte sich über den Tisch und erhob den schweren zinnernen Leuchter, um das Gesicht des Fremden besser zu beleuchten.
"Seid Ihr nicht der kluge Heinrich vom toten?" fragte er, den Leuchter wieder ruhig vor sich hinsetzend und ohne eine Miene zu verziehen.
"Als Knabe hiess ich so bei meinen Gespielen, und wahrhaftig, wärt Ihr nicht der, der Ihr eben seid, so würde ich Euch Herr Johannes nennen."
"Und wenn ich nun wirklich jener Johannes wäre, den Ihr meint, würde mich dies in Eurer Meinung sinken machen?"
"Ich will nicht Richter sein in fremden Angelegenheiten," erwiderte der Maulwurffänger in seiner ihm zur Gewohnheit gewordenen ausweichenden Manier. "Weiss ich doch, dass Jeder seine Brodrinde mit den Zähnen beisst, die er dazu gebrauchen kann, warum Ihr nicht auch die Eurige!"
"Wann sahen wir uns zuletzt?" sagte Lipps.
"Nach unserer Art zu rechnen, Herr Johannes – erlaubt, dass ich Euch so nenne – wird das wohl in vergangener Lichtmess ein neunzehn oder zwanzig Jahre gewesen sein."
"Mich dünkt, es war später, Heinrich, denn ich besinne mich, dass ich mit dem Grafen auf den Schnepfenstrich gegangen war."
"Mit dem Grafen! – Wenn der alte, brave Mann das hätte ahnen sollen!"
Dem Räuber schwoll die Zornader, in seinen blauen Augen sprühte ein wildes Feuer, er ballte die gebräunte schön geformte Hand und schlug wütend auf den Tisch, dass er knackte.
"Brav!" stiess er höhnisch heraus. "Wenn Ihr diese Bestie brav nennt, so könnt Ihr eben so gut den Wolf zu Eurem Schlafkameraden machen. Mir wäre wohl, hätte ich ihn in meinen Händen, wie der Geier das Lamm. Dann wollte ich mich an seinem Jammer erlaben, und wenn er unter den Qualen, die ich für ihn erfinden würde, ausgeröchelt hätte, wollte ich, ein frommer Büsser, wieder unter friedliebenden Menschen wohnen."
"Möge Euch Gott diese lästerlichen Worte vergeben, zu denen Ihr doch wohl gegründete Ursache haben müsst, Herr Johannes," sagte Heinrich, "allein wenn Ihr auf diesen Tag warten wollt, so werdet Ihr Euch noch einige Jahrtausende in Geduld zu fassen haben. Der Graf ist heimgegangen zu seinen Bätern."
Der Räuber erblasste. "Also tot," sprach er, sich mit der Hand über die hohe Stirn streichend, "tot, ohne erfahren zu haben, wozu seine Tyrannei, seine Lieblosigkeit, seine verballhornte Ansicht von der Menschheit und ihrer Gliederung in verschiedene Stände mich getrieben hat! – Nun, ich hoffe, dass er eines elenden, verzweifelten Todes gestorben ist!"
"Gott sei ihm gnädig!" sagte der Maulwurffänger, "er erstickte an einem Fluche –"
"Ha! An einem Fluche! O, Gott ist gerecht, Gott ist den Armen gnädig, Gott straft die Uebermütigen!" schrie der Räuber und erhob beide hände wie zu einem wilden Gebet gegen Himmel.
"An einem, Fluche, den er über seinen eigenen Sohn ausstiess," ergänzte Heinrich.
"Sprecht Ihr vom Grafen Erasmus?"
"Erasmus von Boberstein verfluchte sterbend seinen Sohn Magnus!" wiederholte langsam und ernst der Maulwurffänger.
Der Räuber liess sein Haupt sinken und hing eine lange Weile seinen Gedanken nach. Dann winkte er nochmals dem gast, sich zu setzen, und nahm selbst wieder Platz in seinem stuhl.
"Diesen Vorgang müsst Ihr mir ausführlich erzählen, Heinrich," hob er nach einiger Zeit wieder an, "denn wie ich auch darüber nachdenke, ich kann keinen Zusammenhang darin finden. – Magnus war damals sein Augapfel, sein Ein und Alles! Wer ihm zu nahe trat, der zog sich unausbleiblich den Zorn des Grafen zu! – Es war ein kräftiger, feuriger Knabe, voll eigentümlicher Energie! – Und solchen Sohn hat solch ein Vater verflucht! – Doch erzählt, Heinrich, erzählt!"
"Ihr sähet mich nicht hier in diesem unauffindbaren Versteck, Herr Johannes, hätte mich nicht der Tod des Grafen Erasmus und die Umstände, welche ihn veranlasst haben, zu Euch geführt. – Es scheint, Ihr seid trotz Eurer Allseitigkeit nicht gut unterrichtet von den Verhältnissen und wisst namentlich nicht, welche ausserordentliche Fortschritte Euer ehemaliger Zögling in der Energie gemacht hat. – Vergebt, Herr Johannes, wenn ich mein Erstaunen darüber nicht bergen kann! Als