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wanderte in der erwähnten Sturmnacht ein einzelner Mann durch das Krachen, Stöhnen, Seufzen und Brüllen der vom Zorn der Elemente gegeisselten Haide. Die spärlichen Schneeflekke, im Dickicht zerstreut, waren seine Wegweiser. Immer richtete er seine Schritte nach diesen kleinen Lichtoasen in der grauenvollen Finsterniss der stürmischen Herbstnacht, und von ihnen geleitet errichte er nach langem Suchen das Ufer des schwarzen Flusses.

Finster und leblos wie immer lagen die schwarzen Mauern des verfallenen Gebäudes jenseit des Flusses. Der Sturm raste und tobte in den Fensterhöhlen, als wolle er sie in die Luft sprengen. Vereinzelte Krähen schossen wie schwarze Pfeile durch das Flockengewimmel nach der sausenden Haide und mischten ihr klagendes Geschrei mit dem Brüllen des Sturmes. Sonst war weit umher keine Spur eines lebenden Wesens zu entdecken.

Am Erdaufwurfe zunächst dem Ufer des Flusses rastete der einsame Wanderer, lehnte sich auf seinen Stab und schöpfte Luft. An seiner Kleidung, an Haltung und blick erkennen wir unsern alten Bekannten, den Maulwurffänger. Unverwandt heftete er sein Auge auf die unter ihm lautlos dahinschleichende Welle, in deren glänzenden Schwärze sich die jagenden Schneewolken abspiegelten. Jenseits des Flusses und noch eine gute Strecke hinter dem alten Mauerwerk auf der weisslichgrauen Fläche der sumpfigen Wiese leuchteten bisweilen spitze Flämmchen, die wie blaue Dolchklingen, von unsichtbaren Händen gehandhabt, die unverwundbare Luft durchstiessen. Diese jähen, blendend aufzuckenden Flammen zeigten sich bald nah, bald fern, und warfen bleifarbene Lichter auf die nächsten Gegenstände, so dass mancher abgebrochene Baumstumpf abenteuerlich geformt erschien und hie und da aus dem finstern Schlunde der Haide in wildem Feuer rollende Augen glotzten. Dann schluchzte auch wohl die Welle, des Flusses und zog, in gurgelnden Trichtern weisse Schaumblumen schaukelnd, zitternde Ringe, als sei in ihren verborgenen Tiefen ein Geist erwacht und hebe träumerisch die müde Hand empor.

Eine geraume Zeit betrachtete der Maulwurffänger diese Erscheinung mit gleichgiltigem Auge. Dann schritt er langsam dem Sturme entgegen längs des Erdaufwurfes am Flusse fort, bis die Breitseite des zertrümmerten Gemäuers sichtbar ward. Ein gewaltiger ast- und blütenloser Baumstamm stand hier aufrecht an dem Gestein und sah in der dunklen Nacht wie verkohlt aus. Als der Maulwurffänger diesen Stamm gewahrte, blieb er wieder stehen und erstieg dann mit zwei Schritten den Damm. Der Fluss war hier in ein sehr schmales Bett eingeengt und auf dem andern Ufer mit niedrigem Gebüsch besetzt, das zaunartig die ganze Länge des alten Mauerwerkes hinablief.

"Das wird die angegebene Stelle sein," sprach Heinrich für sich, beugte sich zur Erde und entdeckte in dem lockern Boden Spuren eines Eindruckes. "Nun denn, auf gut Glück sei es versucht!"

Darauf setzte er zwei Finger an die Zähne und pfiff dreimal hinter einander mit solcher Kraft, dass der gellende Ton selbst das Getöse des Sturmes überschrie und wohl zehnmal im Waldesdickicht vom Echo erst laut, dann schwach und immer schwächer wiederholt ward, bis er im Lärmen des Windes erstarb.

Es währte nicht lange, so bewegte sich der abgestumpfte schwarze Baumstamm, sank gegen den Fluss langsam nieder und legte sich als schmale, aber doch sichere brücke über das Gewässer. In dem Mauerspalte, der mit dem Sinken der rohen Zugbrücke entüllt ward, schimmerte ein rotes Licht, gleich dem Wiederschein eines nahen Feuers oder einer brennenden Fackel. Heinrich besann sich keinen Augenblick, auf dem etwas wankenden, nur fussbreiten Stege den Fluss zu überschreiten und durch die Oeffnung in das verfallene Raubhaus zu treten. Unmittelbar hinter ihm schloss sich geräuschlos wieder die Pforte durch gespenstisches Aufsteigen des Stammes.

Der Maulwurffänger befand sich in einem weiten, teils kahlen teils mit Moos und Gestrüpp bewachsenen Mauerviereck, dem jeder Schutz durch Dach und Sparrwerk fehlte. etwa in der Mitte war eine Erhöhung wie von herabgestürztem Schutt zu entdekken, denn dürre Gräser überwucherten es und eine dünne Schneedecke hatte es jetzt überzogen. Von diesem hünengrabähnlichen Hügel schlug aus der Tiefe der Flammenschein herauf, und als Heinrich dreist darauf zuschritt, entdeckte er den aus festen Quadern gewölbten, nur halb mit verkrüppelten Wurzeln verrammelten Eingang zu einem Keller. drei bis vier Stufen unter der Oeffnung sass ein junger Mensch von sechzehn bis siebzehn Jahren, einen helllodernden Kienbrand über sich emporhaltend und dadurch den Eingang zum Keller vollkommen erleuchtend.

über den Gesichtsausdruck dieses Menschen erschrak der Maulwurffänger trotz seiner bekannten und in hundert Gefahren erprobten Entschlossenheit. Es war eine vollendet classische Spitzbubenphysiognomie. Das Gesicht, hager und länglich, lief in ein spitzes bartloses Kinn aus, das jedoch nicht vorstand, sondern sich mehr nach rückwärts dem Halse zusenkte. Dadurch trat der Mund mit seinen schmalen Lippen und vier ungewöhnlich grossen Vorderzähnen auffallend stark hervor. Diese Zähne, blendend weiss und fast spitzig, wie die eines Wolfes, glänzten immer aus den nie vollkommen schliessenden Lippen, und zeigten sich in ihrer ganzen Grösse, wenn ihr Inhaber sprach oder gar lachte. Noch entsetzlicher war der blick seiner Augen. Diese lagen wie Aepfel gleichsam ausserhalb ihrer Höhlen, waren von tiefstem Schwarz und glühten wie Kohlen auf einem Ringe weiss glänzenden Emails, denn weil der junge Mensch heftig schielte und dabei aus Angewohnheit oder Argwohn die Augen immerwährend hin und her rollte, kehrte sich das weisse Innere derselben mehr als gewöhnlich heraus.

Seine Kleidung war die eines armen Dorfbewohners, schlecht, etwas schmutzig und nicht im Geringsten auffällig.

Als er den Schreck des Maulwurffängers bemerkte, lachte er höchst vergnügt, hielt den Kienbrand noch etwas höher und sagte:

"Immer kommt näher, Mann! Ich bin nicht der Teufel, obwohl mich das dumme Pack häufig dafür hält und ich es mir zum Vorteile