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mit Magnus' Namensunterschrift und Wappen! Der Brief lautete auf den morgenden Tag. –

Als der Maulwurffänger das Blatt durchlesen hatte, liess er es entsetzt zur Erde fallen.

"Auf morgen also! Satanische Bosheit, Du hast gesiegt und wir Armen können nicht einmal gegen ihn klagen! Der Entsetzliche hat bloss sein Herrenrecht an der Leibeigenen geübt! –"

Alle standen sprachlos. Sloboda lag gebeugt am Boden neben Haideröschen und netzte mit seinen Schmerzenstränen ihre schönen Haare. Clemens weinte ebenfalls wie ein Kind. Ehrhold dagegen stiess in gerechtem Grimme furchtbare Verwünschungen aus und erhob inmitten der bestürzten Hochzeitsgäste die Hand zum Schwur.

Der Maulwurffänger fiel ihm in den Arm.

"Halt ein!" sagte er. "Nicht Du allein, nicht ein Einziger schwöre hier, wir alle, die wir Männer sind, verbinden uns in gemeinsamem Schwure zu gemeinsamer Tat! Wer mir beistimmt, der tue, wie ich!"

Der Maulwurffänger kniete nieder. Alle ahmten seinem Beispiel nach. Dann erhoben sämmtliche Wenden zugleich mit dem Deutschen ihre hände und dieser sprach:

"So lange es noch Herren gibt, die ihre Macht missbrauchen zum Nachteile ihrer Untergebenen; so lange noch ein Volk auf Erden lebt das in Armut, Elend und Druck jammert und rechtlos umherirren muss: so lange lasst uns Brüder sein und mit einem Herzen, in einem Sinne handeln! So lange lasst uns verbunden sein zur Befreiung des Volkes vom Druck der herrschaft, welchen Namen sie auch führen mag! So lange endlich lasst uns nicht schonen weder Gut, noch Blut, noch Leben! Dazu verhelfe uns der gnädige Gott. Amen!"

In dumpfen Tönen sprachen alle Wenden diesen Schwur nach. Als das Amen monoton von ihren Lippen hallte, vernahm man in der Ferne Hufschläge eines davonjagenden Pferdes. Es war Magnus, der in schnellstem Carrière dem Ort seiner Bubentat und der Rache der beleidigten Wenden entfloh.–

Viertes Buch

Erstes Kapitel.

Der Fürst der Haide.

Es war Ende September. Feuchte Schneestürme zogen brausend über die Haide und schleuderten hohe Kronen von den Wipfeln der uralten Tannen und Fichten, die sich mit ihren hundert Aesten wie ungeheuerliche arme gespenstischer Riesen gegen die Wut der Windsbraut schirmten. Der feuchte Boden, mit Schlinggewächsen, knorrigen Wurzeln, mit Nadeln und Tannenzapfen bedeckt, zeigte in der stürmischen Nacht nur an Stellen, wo die Waldung sich etwas lichtete, Schilder glänzenden Schnee's, auf denen Schaaren von Krähen sassen, die bei jedem neuen, pfeifenden Windstoss mit heiserm Gekrächz aufflogen und unstätt die in der Luft hin und her sausenden schwarzen Baumpyramiden umkreisten.

Mitten in der dichtesten Wildniss turmhoher Bäume lag eine sumpfige Waldwiese, die im Sommer nur mit einem wallenden Teppich ewig nickender Moorblumen bekleidet war. Ein ziemlich breiter und tiefer Fluss, der sich in zahllosen Krümmungen durch die endlosen Wälder wand, umspülte die Wiese mit seinen schwarzen, nie rauschenden Wellen. Der heiterste Sonnentag verwandelte sich in dem trüben Spiegel dieses schleichenden Gewässers in graue, kühle Dämmerung, und der silberne Glanz der Sterne zitterte und zerrann auf den still kräuselnden Fluten wie bleicher Irrlichtsschein. Zuweilen trieb dieser Fluss kleine Inseln abgerissenen Moorbodens, die an hinein gestürzten, halb verwitterten Baumstämmen sich ansetzten und eine todesgefährliche, mit grünem Schlammmantel lockend verhangene brücke bildeten. Schwarze Wasserschlangen und andere Insekten sonnten sich auf diesen zeitweilig erbauten Ueberbrückungen, bis ein plötzliches Anschwellen des Wassers den lockern Bau wieder zerstörte.

Hart am Ufer dieses Flusses, der im weiten Halbbogen die erwähnte sumpfige Wiese umspülte, erhob sich ein breiter Erdwall von nur wenigen Fuss Höhe und hinter diesem starrten die schwarzen Mauern eines alten Gebäudes in die Luft. Epheu, Immergrün und wilder Hopfen umspannen einen grossen teil des Mauerwerks und überwölbten es im Frühling und Sommer mit grünendem Laubdache. Jetzt nickten die tausend und abertausend dünnen Aeste und Ranken blätterlos im Sturme und die grossen feuchten Schneeflocken flimmerten kaum secundenlang an dem ruhelosen Geäst.

Selten kamen Menschen in diese Gegend der Haide, da sie von allem Verkehr abgeschieden lag und durch natürliche Verhaue vom Winde niedergestürzter Riesenbäume fast unzugänglich gemacht wurde. Nur wer die Haide sehr genau kannte und durch kein Hinderniss sich abhalten liess, in ihre unheimlichsten Abgeschiedenheiten einzudringen, fand diesen Versteck mit seinen schauerlichen Umgebungen.

Der wallartige Aufwurf am rand der moorigen Wiese, einige alte, Schanzen nicht unähnliche, Erhöhungen auf dem andern Ufer des breiten Flusses und mehrere auf der Wiese befindliche Reste zerstörten Gemäuers nebst der Umschrotung eines Brunnens deuteten auf ehemalige Befestigung dieses Ortes hin. Jetzt war Alles verfallen, begrast oder bemoost, und Sturm und Wetter nagten eben so unermüdet an den schwarzen Mauern, wie die begehrliche Welle des Flusses die uralten Erdschanzen unterwusch und zerstörte.

Als wahrscheinliche Ueberreste einer Feste aus den zeiten des an Raubnestern reichen Mittelalters nannte man diese Trümmer das Raubhaus. Wer es vom volk kannte, mied es mit Absicht, da durch die gesammte Haide die Sage ging, die Moorwiese mit dem grauen Getrümmer sei schon seit Jahrhunderten von bösen Geistern bewohnt. Dass das arme unwissende Volk einem solchen Gerücht willig Glauben schenkte, war nicht zu verwundern, denn der Ort an sich schon weckte finstere Gedanken und vermochte die Einbildung mit schauerlichen Bildern zu ängstigen. Dazu kam, dass Viele, die zufällig oder durch Not gedrungen dem Raubhause nahe gekommen waren, seltsame Stimmen gehört, unerklärliche Gestalten um die Ruinen, lohende Flammen auf Fluss und Wiese gesehen hattenErscheinungen, die ihre natürliche Erklärung in der sumpfigen, an entzündbaren oder leuchtenden Dünsten überreichen Umgebung fanden.

Nach diesem von allem Volk gemiedenen und verrufenen öden Versteck