ist vielleicht die Zeit gekommen, wo Du erfahren musst, was Deine Mutter, Dein Vater, was ich und alle Diejenigen erduldet haben, die vor vierzig und mehr Jahren in diesen gesegneten Fluren lebten! Darum lass uns eilen! Dort oben unter den drohenden Granitklippen des Todtensteines wird sich das Rätsel lösen!"
Mit sonderbaren Gefühlen traten die beiden Reisenden in das gelichtete Holz einen schmalen Fusssteig hinanklimmend, der durch niedriges Gestrüpp, durch Wachholderbüsche und Brombeergesträuch grade nach dem Granitfelsen führte, dessen schwarzgraue Breitseite, von Immergrün, Epheu, wildem Wein und Hopfen malerisch umrankt, wie eine ungeheure Burgmauer grade vor ihnen lag. Hie und da wucherte in dürftigem Erdreich eine Kiefer auf dem Gestein und schlang ihre gekrümmten Wurzeln, gleich goldglänzenden Schlangen, um die vorspringenden Felsen. Der Anblick des Todtensteines war imposant und staunend starrte der junge Paul die zerrissenen, wohl achtzig Fuss hohen Wände an, um die jetzt pfeifend der Nordwestwind heulte. Sloboda aber liess ihm keine Ruhe. Schneller, als man von dem Greise erwarten konnte, schritt er nach einer tiefen Kluft, die den riesigen Granitblock in zwei ungleiche Hälften zerschneidet und den Aufgang zur freien Höhe desselben bildet. Nicht fern von dieser kaum andertalb Ellen breiten Schlucht sieht man schräg am Gestein eine sitzartige Vertiefung, welche das Volk den "Teufelssitz" nennt.
Die Reisenden mochten etwa noch hundert Schritte von dem Felsen entfernt sein, als Sloboda ein Geräusch zu hören glaubte, wie wenn Jemand mit Eisen oder Stahl gegen einen Stein schlüge.
"Was war das?" fragte er mehr sich selbst als seinen neben ihm herschreitenden Enkel.
"Ich glaube, es schlug sich Jemand in der Nähe Feuer an," versetzte Paul und blieb horchend stehen. Indem wiederholte sich das Geräusch deutlich und die Horchenden konnten nicht mehr zweifeln, dass wirklich irgend wer mit Stahl und Feuerstein zu schaffen habe.
"Paul," rief Sloboda mit gepresster, vor Freude und Erwartung zitternder stimme, "das ist Niemand als Heinrich, mein Jugendfreund, der ehrliche Maulwurffänger vom toten!"
Mit verdoppelter Eile kletterten sie nun über das von hohem Farrenkraut, Ginster und anderem Gesträuch wild bewachsene Steingeröll, erreichten die erwähnte Schlucht, in welcher hölzerne Stiegen zur Erleichterung des Hinaufklimmens eingekeilt waren, und erblickten jetzt den moosbewachsenen, von Epheu dachartig überwölbten Teufelssitz. Er war nicht leer, ein Mann hatte ihn eingenommen, der eben damit beschäftigt war, ein frisch angezündetes Stückchen Schwamm auf seine kurze Holzpfeife zu legen, die er mit bedächtigen Zügen tüchtig in Brand zu setzen suchte. Er war so ganz mit Seele und Auge dabei, dass er die Annäherung der Fremden nicht bemerkte.
Viertes Kapitel.
Der Maulwurffänger.
Unschlüssig blieb Sloboda stehen und betrachtete den Rauchenden so gierig, als wolle er ihn mit seinen Blicken durchbohren. Der Mann am Teufelssitze war von untersetzter Statur, stämmig und von breitem Schulterbau. Sein Gesicht ähnelte einem Europäer nur wenig, so dunkelbraun hatten es Sonne und Wetter gefärbt. Wie alle Landleute dieser Gegend trug er keinen Bart. Ein schmales, spitz zulaufendes Kinn, ein kleiner Mund und eine keckgebogene stolze Adlernase, über der sich trotzig eine stark gewölbte, etwas vorspringende Stirn erhob, gaben ihm ein unternehmendes, furchtloses und ungemein listiges Ansehn. Ein offenbar viel getragener und nur bei alten Leuten noch üblicher dreieckiger Hut sass ihm etwas schief auf dem linken Ohr. Neben ihm an dem Felsen lehnte ein langer Stock von rotgebeiztem Schlehdorn, der keine andere Zierde, als ein schmales Lederbändchen am obern Ende trug, um es um die Hand zu schlingen.
Als dieser Mann seine Pfeife gehörig in Brand gesetzt hatte, schlug er die Beine über einander und sah aufwärts nach dem Himmel, als wolle er das Wetter erproben. Dabei fiel sein blick auf die Fremden, die kaum zwanzig Schritte von ihm an einem Felsblock lehnten. Dieser blick war so merkwürdig, so charakteristisch, dass, wer nur ein Mal von ihm getroffen ward, ihn nie wieder vergessen konnte. Wie ein silberner Funken glitt er aus einem krystallklaren, hellgrauen Auge, in dem ein unbeschreibliches Gemisch von Gutmütigkeit und Schalkheit, von Humor und Ernst, von Stolz und Demut lag. Starke und struppige eisgraue Augenbrauen verliehen diesem wunderbarem Auge noch mehr Charakter, während das lang gewachsene Hauptaar, das ein schwarzer Hornkamm am Hinterkopf zusammenhielt, zu scheuer Ehrfurcht aufforderte.
"Jan Sloboda," sagte er nach kurzem Zögern, "wenn es nicht Dein Geist ist, der hier umgeht, so tritt näher, denn bei der heiligen Gottesmutter, ich sehe Dich vor mir, wie ehedem in vergangenen Tagen!"
"Du irrst Dich nicht, Heinrich, ich bin Jan Sloboda!" rief der Wende und warf sich dem Jugendfreunde gerührt an die Brust.
Der Maulwurffänger, nicht gewohnt, seine Gefühle rücksichtslos zu offenbaren, erwiderte die Umarmung des alten Freundes herzlich, aber weniger stürmisch, als der heftig ergriffene Greis. Er stand auf und ohne langes Hin- und Herreden Pauls Hand ergreifend, der dieser Begrüssung stumm zugesehen hatte, zog er Beide mit sich fort nach einem Ueberhange, unter dem sich eine breite Moosbank, geschützt gegen den Luftzug, befand.
"Hier setzt Euch, Grossvater und Enkel," sprach er heiter lächelnd, "denn dass der schlanke Junge Dich etwas angeht, das ist ihm auf die breite Stirn geschrieben. Also niedergesetzt und dann erzählt, ruhig, ohne Sprung und leidenschaft! Hat mein Brief Dich gefunden?"
"Ihm verdanke ich es, dass ich Dich noch ein