1845_Willkomm_143_1.txt

Ernst Adolf Willkomm

Weisse Sclaven oder die Leiden des

Volkes

Erster teil

Erstes Buch

Erstes Kapitel.

Der Haidekretscham.

Ein ansehnlicher teil der beiden Lausitzen, namentlich die früher unter sächsischer Botmässigkeit stehende Niederlausitz, ist mit unermesslichen Kieferwaldungen bedeckt, welche unter dem Namen der grossen Haide bekannt sind. Diese ungeheuren Wälder, auf deren feinem Sandboden nur Haidekraut und dürre Gräser Nahrung finden, erstrecken sich bis in die Nähe der Stadt Görlitz und bergen in ihrem schattigen Dunkel mehrere Städte und eine Menge Dörfer, so wie einzeln gelegene Häuser und Vorwerke. Hie und da unterbricht ein niedriger Höhenzug das einförmige Dickicht, von dem herab man die schwarze Waldung meilenweit übersehen kann. Am fuss solcher meist kahlen Hügel haben sich an Waldbächen, deren Gewässer grünen Wiesenbänder um die gelben Sandflächen winden, genügsame Menschen angesiedelt, um von Kohlenbrennerei, von Fischfang, dürftigem Akkerbau, Handarbeit und Bienenzucht kümmerlich zu leben. Ergiebiger wird der Boden der Haide an den Grenzen der Oberlausitz. Hier durchschneiden fruchtbare Täler die rauschende Waldung, ansehnliche tiefe und bereits schiffbare Flüsse bewässern das umliegende Land und sichern den Anwohnern eine heiterere Existenz als ihren in den dürren Haideflächen versteckten Brüdern. Weiterhin gegen die Mark zu verliert sich das fruchtbare Erdreich wieder und die ganze Haide verwandelt sich in einen ungeheuren waldigen Moorbruch, den zahllose Flüsschen, Bäche, Kanäle und Teiche durchschneiden, und in welchem noch ein eigentümliches Völkchen mit altertümlichen Sitten still und zurückgezogen haust. Es sind die Bewohner des Spreewaldes.

Durch die ermüdende Oede jener sandigen Haide schleppte sich in den letzten Tagen des Septembers 1832 ein ärmliches Fuhrwerk, dessen gebrechlicher Bauart man es ansah, dass es polnischen Juden angehören müsse. Die Räder waren teilweise ohne Schienen, eine zerlöcherte und mit hundert Flicken besetzte Plane von schmutzig grauer Leinwand war über halb zerknickte Reifen ausgespannt, um die darunter Sitzenden gegen Wind und Wetter zu schützen. In liederlichem Geschirr, an Strängen mit zahllosen Knoten und Troddeln, gingen drei muntere polnische Pferde, von denen zwei an die Deichsel, das dritte nach polnischer Sitte mittelst einer Kette an die Achse des Hinterrades gespannt war. Dies letztere Tier, jung und feurig, versuchte selbst in dem fusstiefen Sande häufig zu galoppiren, was ihm bei dem langsamern Schritt der beiden andern Pferde nicht recht gelingen wollte.

Vorn in der sogenannten Kelle sass ein untersetzter Kerl im langen schmutzigen Rock der gemeinen polnischen Trödeljuden. Ein struppiger Bart von unsicherer Farbe bedeckte sein ganzes blaurotes Gesicht, ein vielfach eingebogener Filzhut, hie und da zerbrochen, seinen Kopf. In Ermangelung eines Stützbretes für die Füsse liess er die in starken juchtenen Stiefeln steckenden Beine zu beiden Seiten der Deichsel herabbaumeln, so dass sie, wenn die Räder im Sande tief einsanken, oft den Boden streiften.

Im inneren dieses Fuhrwerks sassen ein Greis und ein Jüngling von etwa siebzehn Jahren, und auf der an der Seite des Wagens angebrachten eisernen Stiege stand ein jüdischer Knabe von etwa funfzehn Jahren und hielt sich mit beiden Händen an den Tragreifen der Plane fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Dies polnische Fuhrwerk hatte in schräger Richtung auf einem der vielen tiefen Sandwege die Haide aus der Gegend von Priebus her durchschnitten und erreichte jetzt eine hochgelegene Waldblösse, über die eine etwas besser gehaltene Landstrasse führte. Links am fuss des Haidehügels in grünem, von vielen Gräben durchschnittenen Wiesengrunde lag ein Schenkhaus mit Stallung, Scheuer und Schuppen. Hinter den Wiesen sah das graue Dach einer Torfgräberhütte unter den Bäumen hervor, und weiter hin beschrieb die Haide einen schmalen Bogen, durch welchen man die blauen Wasserspiegel mehrerer grosser Teiche im Abendschein blinken sah.

Die Sonne war dem Untergang nahe und liess hinter blaugrauen Wolkenschichten eine Menge jener breiten Strahlen auf die Erde fallen, welche der Landmann für Vorzeichen nahen Regens hält. Die breite schwarze Haide jenseits der Teiche ward dabei stellenweise blendend hell erleuchtet, während der Horizont purpurn erglühte und sowohl den interessanten Gebirgsknoten der weit bekannten Königshainer Berge, als auch die einsam gelegene hohe Doppelluppe der Landeskrone mit blitzendem Gold überströmte.

Nach dem Einerlei der Haide musste dieser unerwartete Anblick einer fernen schönen Gebirgsgegend das Auge der Reisenden erquicken. Auch war der polnische Fuhrmann wirklich so überrascht, dass er unwillkürlich die Pferde anhielt und einige Sekunden die heitere Aussicht dummdreist angaffte. Mehr aber noch, als die farbigen Tinten der Abendbeleuchtung, schien dem Juden ein rötlicher Feuerschein in die Augen zu stechen, der aus dem unfern im Tale gelegenen Schenkhause vertraulich einladend heraufwinkte. Fragend sah er sich um nach dem Greise und zeigte dabei mit der Peitsche nach dem rauchenden Schornsteine der Talschenke. Der Greis nickte bejahend und in leichtem Trabe flog das ärmliche Fuhrwerk den Sandweg hinab und lenkte in den offen stehenden Torweg des Gehöftes.

Ein Knecht, unter dem Schuppen mit Holzspalten beschäftigt, ging den Fremden entgegen behandelte aber den hastig fragenden Juden sehr kurz und machte sich mehr mit den hübschen wohlgenährten Pferden zu tun. Erst als der Greis mit seinem jugendlichen Begleiter abstieg und ihn in wendischer Sprache anredete, erheiterte sich sein Gesicht. Er reichte beiden Fremden die Hand, sagte ihnen ebenfalls auf wendisch, dass sie ein vortreffliches Nachtquartier bekommen sollten, und geleitete sie bis an die Haustür, ein paar Bündel und Packen dienstfertig ihnen nachtragend.

Der Greis war ein hoch gewachsener, von der Last der Jahre nur wenig gekrümmter Mann. Er trug sich ziemlich altmodisch und vollkommen bäurisch. Kurze Beinkleider von schwarzem Leder bedeckten kaum das Knie, blauwollene Strümpfe schützten die Beine und grobe rindslederne Schuhe mit grossen messingenen Schnallen umschlossen seine Füsse. Ausserdem trug er einen dunkelblauen Tuchrock, der von oben bis