, der Graf sei auf einer Spazierfahrt plötzlich tot in die arme seiner Gemahlin gesunken, Andere, er habe wegen ihr sich mit einem ihm ganz Fremden geschossen. Viele Versionen des beklagenswerten – und doch für Einen glücklichen Ereignisses durchzogen die Stadt.
Otto und Viatti hatten Annen die Trauerpost überbracht. In einem ernsten Gespräch unterwegs war es dem ersten gelungen, Viatti die unselige Verflechtung der Umstände mitzuteilen und sein Urteil über Annen zu berichtigen; doch blieb ein seltsamer Stachel in des jungen Mannes Brust. Es war Gottard, der ihn gerettet in Bern, Gottard, der, schuldig oder nicht, seines Oheims Tod herbeigegeführt, Gottard, dessen frühere Dazwischenkunft seine Vereinigung mit seiner Gemahlin und durch dieselbe sein Lossagen von jeder Teilnahme der nie ganz endenden Freiheitsversuche Neapels veranlasst hatte. Gottard blieb der Dämon seines Lebens, wie er der seines dahingeschiedenen Oheims gewesen.
Die Freunde geleiteten Annen und ihre Söhne der Leiche ihres Gatten und Vaters zu, die St. Luce mit unerschütterlicher Treue bewachte, und die Kinder wussten nur, dass er in einem Streite sich erhitzt, dann in der Morgenkühle vom Schlag getroffen sei; sie begegneten dem Trauerwagen und schlossen sich ihm an. Anna hatte den Mut, die Leiche gleich zu sehen.
Es war ein furchtbarer Augenblick! zu dunkel in seinen geistigen Tiefen, zu unergründlich an wechselnder Pein, zu niederschmetternd im Gefühl der Ohnmacht menschlicher natur, als dass man ihn beschreiben könnte. Gottard floh nicht, aber er zeigte sich nicht; ernst und trübe blieb er in dem kleinen Orte zurück, um abzuwarten, ob eine Klage gegen ihn sich erhöbe. Der junge Arzt nahm ihn in seine wohnung auf.
Geierspergs kamen Beide zur Bestattung, Viatti hatte ihnen einen Courier gesandt. Alles glitt zurück in die alte hergebrachte Form, in die Trauerflöre, in den Pomp einer fast fürstlichen Bestattung.
Als die letzten Töne des Trauermarsches verklungen und all dieser entsetzliche Schmuck des Todes verschwunden war, mit welchem wir zuletzt die Kleinheit und Erbärmlichkeit alles äussern Erlebens so schroff und grell durch den Gegensatz des der Leiche Bleibenden bezeichnen, wollten Geierspergs Annen nach Berlin mitnehmen.
Sie schlug es ab, übergab ihnen aber, nach des Vaters Willen, Egon, der seine Vorstudien in Berlin beginnen sollte. Sie selbst blieb mit Joseph, der in der Ritterakademie aufgenommen war, zurück. Nach Wien zog sie nichts. St. Luce versprach noch, einige Monate bei ihr zu verweilen. Otto gedachte heim.
Anna! sagte er, als er am Vorabend seiner Abreise vor die in tiefe Witwentrauer gehüllte Freundin trat, die ernst und still seiner harrte, ich bringe dir Gottards Abschiedsgruss. Er ist nach Berlin zurück. – Obschon es mir gelungen ist, im ersten Augenblick der Gefahr deines Freundes Hand als rein vom Blute deines Gatten zu zeigen, werden doch deine Knaben späterhin gewiss, wie so manche Andere, erfahren, dass eine Ausforderung, ein Zweikampf stattgefunden, und – die Welt wird ihnen das Warum nicht schenken. Deshalb meint Gottard, er dürfe dich jetzt noch nicht aufsuchen; aber er wünscht dir zu schreiben. – Was mich selbst betrifft, Anna! – er sprach mit sichtlicher Selbstüberwindung – so rufen mich Pflicht und Dankbarkeit zurück in meine erworbene Heimat, zu meinen Studien, zu meinem Weib und Kind. Und du bedarfst deines Freundes nicht mehr; ein Anderer darf dir näher treten; der Freund deiner ersten Jugend weicht zurück.
Lieber Otto! erwiderte Anna, ich danke dir viel, am meisten aber, dass dein mit meiner ganzen Kinderzeit so eng und fest verwachsenes Bild in so ganz klaren lichten Zügen mir bleibt – zu meinem Trost! – Kehre denn zu Vrenely zurück, sie wird sich um dich bangen.
Ja, das wird sie, sagte er, trübe vor sich hinblikkend; denn ich habe ihr seit dem Unglück nicht wieder geschrieben, ich vergass sie, mich, A l l e s , um dich! und um ihn, setzte er hinzu, den du liebst.
Den ich liebe! – Anna errötete heiss, dann kehrte sie den Kopf mit einer edlen, fast königlich stolzen Wendung ihm zu. Ja, Otto! ich liebe ihn! Ich werde ihn lieben, so lange ich lebe, aber –
Sei recht glücklich, Anna! sagte er gepresst. Er wandte sich, um zu gehen.
Sie ergriff leise seine Hand und zog ihn neben sich nieder auf das Sopha, dann sah sie ihn still mit ihren grossen veilchenblauen Augen an und hielt ihn so einen kurzen Augenblick. Erinnerst du dich noch deutlich unserer ersten Jugend? des dunkeln Hauses und der engen in stumpfen Winkeln ausbiegenden schiefen Gasse, in der gar nichts eine helle Farbe hatte? –
Als unser Herz, Anna! als unser fröhlich schlagendes Herz! –
Weisst du noch, fuhr sie fort, wie wir oft Sonntag Nachmittags Stunden lang hinübersahen in des so nahen Nachbars blindgebrannte Fensterscheiben, ganz überzeugt, es müsse irgend etwas da geschehen, und du erzähltest mir lauter Märchenanfänge –
Otto hatte sich zurückgelehnt in die Ecke, er hielt ihre Hand noch, aber sein Auge sah nur das damalige Kind, nicht sie. Drüben, sagte er langsam, wohnte der Mann, der die Electrisirmaschine hatte. Wir fingen der Tante alten schwarzen Kater ein und electrisirten erst ihn, dann die Türklinke, die den Hausknecht die Treppe herabwarf, als er den Kater suchte. – Wie hiess doch nur Euer Hund, dessen Gebell ich nachmachte, damit du herunterkommen solltest, um ihm