1845_Schopenhauer_142_98.txt

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Mein Gott! fuhr sie fort und sank wie zerbrochen

auf einen Stuhl, mit auf den Knien gefalteten Händen, ich habe zu viel davon mit durchlebt, erst die Revolution und die Marquise d'Alvigni, und die jungen Grafen, die ersten Kinder, die ich auferzogenund deren Vater, dessen Kopf unter der Guillotine fiel. Dann meinen armen Marc, die lange bange sorge um meine kleine Leontine. N u n das Herz meiner liebsten herrschaft, meines Herzblatts! Siehst du, Duguet, es ist zuviel für so ein Paar alte Schultern.

Er fasste erschrocken ihre Hand. Du bist krank, Sophie! Nimm deine Tropfen, tue mir's zur Liebe!

Auch August drang auf sie ein.

Nenni, nenni! sagte sie mit ihrem Lütticher, scharfen Dialekt, es hat nichts auf sich. Ein armer treuer Hund stirbt auch zu seines Herrn Füssen. Mais, j'en ai assez! Ich kann nur Euch Beiden gute Nacht sagen. Sie reichte jedem eine Hand.

Und mit plötzlich concentrirter sorge überflog ihr Auge nochmals das Zimmer, ob auch nichts Nötiges zu tun; da erreichte Leontinens Ruf ihr Ohr. J'y vais, j'y vais, Madame! sagte sie, indem sie von der Tür aus noch einmal, zum letzten Mal, auf ihre beiden Freunde zurückschaute.

Ich weiss, meiner Treu, nicht, wie mir ist, murmelte August, es ist mir so bitterwunderlich um's Herz. Zum Teufel! ich habe doch so allerlei mitgemacht, Schlachten, Plünderung, Brand, und diese dumme geschichteDuguet weinte still vor sich hin. Allons, allons, vous pleurez? rief der alte Soldat. Mais fi donc! qu'est ce bête de pleurer pour ça! Ihm selbst liefen zwei helle Tränen die Backen herunter. Morgens um fünf Uhr trat Gottard, völlig angekleidet, in Otto's Zimmer, den er auch fertig fand. Die gewöhnlichen Vorkehrungen wurden getroffen, auf den Fall der Flucht, der schweren Verwundung u.s.f.

Gottard blieb ruhig am Tisch sitzen und liess den Freund gewähren. Seit ihrer frühesten Studentenzeit hatten Beide, mit gar andern Interessen und arbeiten überhäuft, sich nie um ein Duell gekümmert, fast neugierig sah er ihm zu.

Halb sechs erinnerte er Otto, es sei Zeit. Sie gingen gelassen, wie zu einem ernsten Geschäft. Man hatte Kronbergs Pistolen mit Doppelläufen gewählt. Für den Notfall steckte Otto ein zweites Paar ein. Den Arzt und Wagen sollten sie wie zufällig am Tore treffen.

Nach wenigen Minuten erschienen auch Kronberg, Viatti und St. Luce; die beiden Letzten ruhig, wie eines solchen Auftritts lange gewohnt; Kronberg, aufgeregter, als zu vermuten bei so einem trefflichen Schützen und so gewandten Mann. Er sah glühend rot aus und in einer Weise bewegt, die weder zu seiner Ritterlichkeit, noch zu seiner Selbstbeherrschung passten. Es flog Otto durch den Kopf, er sei doch krank.

Gottard wurde bleich. Beide Herren grüssten einander; das Feld ward gemessen.

Während der Zeit schaute Gottard noch einmal über die weite Fläche der Gegend hin; die ersten, noch goldenen Strahlen der Sonne lagen auf den nächsten Baumgipfeln, der zum Duell gewählte Platz noch im Schatten, von ihnen unberührt, aber hell.

Die Secundanten gaben das Zeichen, die Herren traten an ihre Plätze.

Otto wandte, wie er's versprochen, kein Auge von Gottard; der junge Arzt sah zum Rechten.

Beide spannten den Hahn ihrer Pistolen und schritten langsam aufeinander zu. Gottard hob den Arm, hielt sein Pistol gespannt, völlig ruhig; keine Muskel des Arms, kein Zug des Gesichts zuckte.

Jetzt pfiff Kronbergs Kugel, sie streifte Gottards linke Schulter, dieser hielt ruhig sein Pistol in unveränderter Lage und schritt weiter. Kronberg schrie auf und sank zusammen. Halt! Halt! riefen die Secundanten. Atemlos, aber fest wie eine Mauer, stand Gottard.

Er ist t o d t ! rief der Arzt.

St. Luce und Viatti suchten ihn vom Boden aufzuheben.

Unmöglich, unmöglich, meine Herren! rief mit Donnerstimme Otto; Geheimerat Gottard hat n i c h t geschossen! Die Kugeln sind beide in den Läufen! Mit voller Besonnenheit riss er ihm das Pistol aus der Hand und setzte den Hahn in Ruhe.

Endlich begriff Gottard, der den Tod von Kronbergs zweitem Schuss erwartete, was geschehen; auch er stürzte auf Kronberg los. Sie rissen seinen Rock, seine Weste auf, der Arzt holte seine Instrumente. Entsetzlich! schrie Gottard und fiel mit gerungenen Händen auf den Leichnam nieder. Dem Grafen war eine Ader am Herzen zersprungen; er war tot. Langsam und feierlich zogen zwei Leichenzüge durch die sonst so stillen, heute von einer gaffenden Volksmasse gedrängt erfüllten Gassen Brandenburgs. Seltsam! auf den schmucklosen Sarg der armen Sophie, die sich am Vorabende des Duells krank gelegt und nicht wieder aufgestanden war, flossen die meisten, vielleicht die zärtlichsten Tränen. August und Duguet waren Beide trostlos. Welcher von Beiden ist denn der Mann? fragte ein altes Hökerweib.

Aber auch Kronberg ward tief und aufrichtig beweint. Das seltsame Geschick, das ihn betroffen, hatte die allgemeine Aufmerksamkeit auf den fremden Grafen gezogen, der eigens von Wien gekommen schien, um in Brandenburg zu sterben. Das geheimnis des Zweikampfs war im ersten Schrecken vergessen, die Sache selbst verstellt, umgewandelt, widerrufen worden. Manche erzählten