1845_Schopenhauer_142_96.txt

Gottard hatte mit sich selbst abgeschlossen und war fertig mit Allem; er hatte eben so fest sich vorgenommen, unter keiner Bedingung auf den Grafen zu feuern. Beiden war auf diese Weise, wie bisher, noch ferner fortzuleben, unmöglich geworden.

Otto bat Kronberg, noch einmal ohne Zeugen ihn sprechen zu dürfen, ehe Gottards Antwort durch den rückreitenden Diener anlange, die ohnehin durch seine Anwesenheit als gegeben zu betrachten sei. Kronberg versprach, ihn ruhig zu hören, blieb aber in einem unstäten Auf- und Niedergehen im saal. Otto erzählte nun von Duguets Brief, von dem Eindrucke, den derselbe auf ihn gemacht, und von seiner augenblicklichen Abreise von Basel, um Annen beizustehen in dieser Trennung ihrer Ehe, die auch ihm einer gerichtlichen Scheidung gleich geschienen.

Sie wissen, sagte er weich, dass Anna meine Schwester ist, nur glichen wir von jeher den Dioskuren, sie gehört den himmlischen an, ich der Mutter Erde. Und weiter malte er mit naturtreuen Farben ihr stilles Leben in Brandenburg aus, der Marquise Ankunft, Egons und Josephs Liebe zu Beiden und die sich an der freundlichen Gegenwart mildernde Stimmung Aller. Annens Unkenntniss jeder späteren Wendung in Gottards Geschick trat in all' diesen Einzelnheiten deutlich hervor; in Otto's ganz einfacher Rede lag eine durchgreifend wirkende Wahrheit. Das ganz Unvermutete der Ankunft Gottards schien den Grafen stutzig zu machen; er blickte Otto mit durchbohrender Gewalt in's Gesicht.

Können Sie, schloss dieser fest und scharf, auf den Fall eines unglücklichen Ausganges dieses Zweikampfs eine mögliche Form des Lebens der beklagenswerten Gräfin sich denken? Welche Stellung bleibt der mit einem Mal durch diese Oeffentlichkeit Preisgegebenen vor der Welt? – Uns Protestanten beut kein Kloster eine schirmende Zuflucht; die harte, schwere, ihre Kräfte weit überwiegende Last wird erbarmungslos auf die zarten Schultern geladen und sie muss sie vor Aller Augen mit sich bis zum grab tragen. Und was gewinnen Sie selbst?

wild auflachend, unterbrach ihn Roderich. Junger Freund, haben Sie nie Ihr Herz an einen Irrtum gehängt? Was i c h gewinne? Im Fall meines Todes die Gewissheit, dass, die mich getäuscht, betrogen, verraten hat, über meinem Sarge kein Asyl des Glückes sich erbaut; im Gegenfall, dass ich nicht mehr dieselbe Luft mit dem Verhassten atme? – Erschreckt hielt er ein: er hatte den Abgrund seiner langen Seelenqual verraten!

Erstarrt blickte ihn Otto an. Entsetzlich! rief er aus. Ein kalter Schweiss trat ihm auf die Stirn, auf jeden Fall war Anna's Ruhe verlorenund auf immer! Wen auch der Schuss des Gegners treffe, jedenfalls traf er ihre ganze Erdenzukunft.

Eben hielt der Wagen, die beiden Herren langten an. Gottard sah ruhig aus. Er näherte sich höflich dem Grafen und bat ihn um eine Gunst.

Kronberg verbeugte sich.

In gewählten, sehr sorgfältig überlegten Worten erklärte Gottard: er sei überzeugt, dass in Beider Brust der Wunsch, der Gräfin Ruf ihren Kindern makellos zu erhalten, überwiegend sei, deshalb sei er jetzt schon gekommen. Er erlaube sich, dem Grafen den Vorschlag zu tun, den Rest des Abends diesem Zwecke zu widmen, ein Souper und Karten bringen zu lassen und ihrem morgenden Zusammentreffen das Ansehen einer beim Spiel entstandenen Mishelligkeit zu geben.

Der Graf nahm das Anerbieten an, behielt sich jedoch das Recht vor, die Gattung der Waffen und die Einrichtung des Zweikampfes zu bestimmen, und wählte Pistolen.

Gottard überliess ihm diese und jede andere nähere Bestimmung.

Es ward Wein gebracht, Essen, ein Spieltisch und Karten; dem Kellner deutete man an, dass man seiner vorläufig nicht bedürfe.

Ungefähr eine Stunde lang blieben die vier Herren beisammen; es herrschte eine eisige Höflichkeit. Endlich erhoben sich Gottard und Otto, einen Wundarzt aufzusuchen, der zugleich des Erstern Zeuge sein musste, da Kronberg St. Luce dazu aufgefordert.

Sehr geschickt verbreiteten sie das flüchtige Gerücht eines Streites beim Ecarté. Jede Massregel ward so getroffen, dass im Augenblick die Sache als ganz folgelos erschien, während ihr Ausgang zu einem bestimmten Schluss führen musste.

Als sie zurückkehrten, stand Kronberg auf und trat Gottard entgegen. Herr Geheimrat! sagte er, was auch morgen das Schicksal über uns entscheide, die Zarteit und Entschlossenheit, mit welcher Sie von der äussern Ehre der Mutter meiner Kinder eine Schmach, von dem Leben der Knaben einen tiefen Schmerz abwenden, verdient meinen achtungsvollen Dank. Obgleich es ein sehr schmerzendes Gefühl ist, das mir denselben auferlegt, gebieten mir Pflicht und Ehre, Ihrer Loyalität vor diesen Herren die vollkommenste Anerkennung auszusprechen. Gottard dankte schweigend.

Die beiden Freunde wollten einen nochmaligen Versuch der Versöhnung wagen, Kronberg wies sie stolz zurück, ergriff Viatti's Arm und verliess den Saal.

Es war ausgemacht worden, sich am nächsten Morgen um sechs Uhr am dazu bestimmten Orte zu treffen; die beiden Duellanten sollten von einer gegebenen Entfernung aus auf einander zu gehen und Jeder schiessen, wann er wollte.

Als Kronberg und der Marchese sich wandten, das Zimmer zu verlassen, stürzte St. Luce auf Gottard zu und drückte ihn an seine Brust wie einen Sohn, dann folgte auch er den Andern; als Secundant Kronbergs glaubte er nicht allein bei jenem verweilen zu dürfen.

Und nun eine Bitte, sagte Gottard zu Otto; haben Sie die Güte, mich morgen während des Duells nicht einen Augenblick aus den Augen zu lassen, das Uebrige mag der Doctor Hollau besorgen, der Ihr Mitsecundant ist. Ich wünsche