wissen, was Gott über uns verhängt? Lassen Sie uns treu sein und still halten!
Es lag eine so tiefe, demütige Gottergebenheit in
Anna's Worten, wie in ihrem ganzen Wesen, dass plötzlich Gottards milde natur, wie wach gerufen, aus dem Dunkel des eigenen inneren sich erhob. Still hielt er sie in seinen Armen, sah sie weich und innig an und strich ihre seidenen Locken zurück, die ihr in's Gesicht gefallen.
Nun denn, mein Engel, lebe wohl! Lebe tausend
mal wohl! Nicht auf immer. Aber weine nicht, o weine nicht, Anna! Leise bog er sich nieder – Beide sassen noch auf dem Sopha – seine Lippen berührten kaum, sie streiften nur ihren goldnen Scheitel.
Monsieur de St. Luce, Madame! rief Auguste's
stimme. Die tür ward aufgerissen, Leontine, Viatti, Otto, St. Luce und – Kronberg standen vor den Unglückseligen.
Ein dumpfer ächzender laut, kein Schrei, kein
Seufzer – ein schneidendes Wimmern durchdrang das Zimmer. Kronberg lehnte sich wie bewusstlos an die Tür, Viatti unterstützte ihn. Leontine war auf Anna zugesprungen, die in todtenähnlicher Ohnmacht am Boden lag; St. Luce und Otto hatten sich hastig zwischen Gottard und Kronberg gestellt.
Wortlos, zitternd vor Grimm und wahnsinniger
Verzweiflung starrten beide Männer einander an. Kronberg fasste sich zuerst, an Viatti's Arm verliess er das Zimmer.
Leontine trat entschlossen auf St. Luce zu. Sind Sie Auguste's gewiss? fragte sie, convulsivisch zitternd.
Wie meines Lebens, Frau Marquise!
So ist nichts verloren, denn unschuldig ist sie, so wahr Gott lebt! Aber jetzt schaffen Sie mir Sophie, lieber General, dann verlassen Sie uns. Bereden Sie mit Otto, was getan werden muss.
Vor Allem, sagte der graue Invalide, ist die äussere Ehre, der Ruf der Unglückseligen vor einem unauslöschlichen Flecken zu wahren.
Still legte er sie mit Leontinens hülfe auf's Sopha. Otto stand wie versteinert; etwas Furchtbares war geschehen. Er verstand diese Möglichkeit nicht; eine Secunde lang war er an Annen irre geworden.
Kronberg war mit Viatti sogleich in den noch unten haltenden Wagen eingestiegen und fortgefahren; Niemand wusste wohin.
Gottard stand im Vorhause und starrte mit gekreuzten Armen düster vor sich hin, als suche sein Geist die Möglichkeit einer Ausgleichung des Geschehenen, an die er selbst nicht glaubte. So fand ihn Otto. In zwei Worten hatten sich Beide verständigt, St. Luce's Brief hatte ja ihn hergelockt, wie Duguets Schreiben früher Otto.
Er wird mich fordern! sagte kalt und ingrimmig Gottard.
Er wird m i c h hören! erwiderte Otto.
Unterdessen war St. Luce die Treppe herabgekommen; als Offizier sah auch er einen blutigen Ausgang der Sache als unvermeidlich voraus.
Alle drei gingen in den Gastof, den Gottard und Otto bewohnten. Sie erwarteten dort Nachricht von Kronberg. Gottard war trübe, aber gelassen. Keiner von ihnen sah Anna wieder. Otto liess Auguste rufen, um ihn zu befragen. Sie hatte sich erholt; in Leontinens sorgender Obhut wussten die Freunde die teure Frau geborgen. Persönlich ihr zu nahen, vermieden sie ohne alle Erklärung, um keinen Schein des Einverständnisses ihr aufzubürden.
Mehre Stunden vergingen in dieser Spannung. Gottard benutzte sie, um auf den Fall eines Duells im Voraus alles Nötige zu ordnen; er schrieb fortwährend, doch wie es beiden Freunden vorkam, nur in staates- und geschäftlichen Angelegenheiten. Annen schrieb er nicht.
Gegen Abend kam endlich die erwartete Ausforderung. Kronberg war mit dem Grafen Viatti in ein nicht allzuweit entlegenes Städtchen gefahren, von wo aus er den Kutscher mit dem Briefe zurückgesandt hatte. Die Ausforderung lautete auf den nächsten Morgen, als Ort der Zusammenkunft war ein Wäldchen zwischen Brandenburg und dem besagten Städtchen angegeben; das Billet selbst war in sehr gemessenen Ausdrücken an Gottard gerichtet.
Ich wünsche, sagte dieser, dass es uns gelingen möchte, dem unvermeidlichen Duell eine scheinbare, dem wahren Anlass fremde, Ursache zu geben, auf keinen Fall können wir auf eine gänzliche Verheimlichung desselben rechnen. Im Uebrigen stehe ich dem Herrn Grafen ganz unbedingt zu Befehl.
Er antwortete in wenigen Zeilen.
St. Luce und Gottard beabsichtigten, in einer Stunde zu fahren; Otto war im Augenblicke, da er des Grafen Aufentaltsort vom Kutscher erfragt, vorausgeritten, er wollte ihnen zuvorkommen.
Er liess sich bei Kronberg melden und ward sogleich angenommen. Zu seinem Erstaunen fand er Roderich in einer ganz unerklärlichen, selbst durch das Vorgefallene in dieser Weise nicht zu motivirenden Stimmung; seine Aufregung, die krampfhafte, fast fieberartige Rastlosigkeit, die ihm nicht einen Augenblick auf einer Stelle zu bleiben gestattete, das mit gänzlicher Erschöpfung wechselnde, hörbar heftige Schlagen seines Herzens, die fliegende Röte seines Gesichts waren nicht natürlich; er kam Otto krank vor, was er aber, zornig auffahrend, leugnete.
Nach Otto's überzeugung konnte der Graf in seinem inneren Anna's äussere sinnliche Treue unmöglich bezweifeln, über ihre Neigung zu Gottard aber musste er seit Jahren im Klaren sein. Hierauf gründete er seine Hoffnung, die Sache beizulegen, er und St. Luce betrachteten das Duell als durch Viatti's Anwesenheit herbeigeführt, den der Zufall zum unwillkürlichen Zeugen des ganzen Auftritts gemacht.
Sehr anders erschien der Fall den Hauptinteressenten. Kronberg war fest entschlossen, Gottard zum Krüppel zu schiessen, oder ihm seine Kugel durch's Herz zu jagen.