ihm unerklärliche, ganz unbekannte Fürsprache hatte ihm die Stelle eines Postmeisters mit einem kleinen Gehalt verschafft. Nachdem ihm durch seinen Hauptmann unter den Fuss gegeben worden, um seinen Abschied zu bitten, welchen er, da er die gehörige Anzahl Jahre gedient, "seiner geschwächten Gesundheit wegen" mit allen Ehren und Anerkennung guter praktischer Kenntnisse erhielt, hatte ihn der Antrag wie ein ihm vom Himmel zugefallenes Geschenk überrascht. Nun konnte er froh und ruhig mit seiner Familie leben, seine Kinder erziehen. Dem kleinen Amt war er völlig gewachsen. Er hatte ein Häuschen als wohnung angewiesen bekommen, und Feld und ein Gärtchen. Er schwamm in Wonne, und rührend schön war die wirklich tief gefühlte Dankbarkeit, mit welcher er der Schwester abbat, dass er je an ihr gezweifelt, während sie so redlich für ihn gesorgt. Es musste ja i h r und K r o n b e r g s Werk sein, dass er nun plötzlich so glücklich geworden. Louis erschien durch seine Reue und den jubel seines Herzens so hingebend liebenswert, dass Annen jeder frühere Miston aus dem Gedächtnisse schwand. Auch seine Frau hatte mit einer hübschen klaren Handschrift einige Zeilen voller Dank und Herzensfreundlichkeit dem Brief zugefügt; das Glück verleiht gut gearteten Menschen fast immer eine gewinnende Anmut.
Anna war glücklicher, als Beide. Konnte sie wohl einen Augenblick daran zweifeln, dass es Gottard sei, der dies Alles möglich gemacht, der es für sie getan zu ihrem Trost?
Das Gefühl seiner Liebe überkam sie wie eine stille Seligkeit; Tränen übertauten das Blatt, das sie noch in den Händen hielt. Unwillkürlich war ihr, als empfinde sie wieder die Wohltat seiner Nähe, ihre Lippen flüsterten bewusstlos seinen Namen. Ja, das bist Du, mein Gottard! sagte sie leise und hob das noch umflorte Auge – grosser Gott! es traf das seine! – Er lag zu ihren Füssen, fasste ihre hände, drückte sie an seine Stirn, an seine Lippen. Besinnungslos sah sie ihn an, wiederholte aufschreiend seinen Namen und sank kraftlos, vom Augenblick überwältigt, mit dem Gesicht auf seine Schulter, an seine Brust.
Wer zählte je in einer solchen Lage die Minuten? Wie lange das Gefühl der namenlosen Wonne, dieses Anschauens des Geliebten, ohne Vor- noch Rückblick auf Vergangenheit oder Zukunft, gedauert, wusste Anna nicht. Jetzt sass er neben ihr auf dem Sopha; wie von einem unerhörten seltsamen Traum befangen, lauschte sie seinen Worten. Lange verstand sie ihn nicht; plötzlich ward ihr sein Irrtum – ach! sein wahnsinniges Hoffen klar, wie ein Skorpion tödtete diese Stunde sich selbst, vernichtete das volle Leben, das sie genährt. – Was Gottard wähnte, sagte, wünschte, passte ja nirgends in die Wirklichkeit. S i e ihre Kinder verlassen! sie von Egon sich trennen! Nein, das war ja nicht zu denken, nicht zu tun, weit eher konnte sie sterben.
Mit Löwenmut fiel die arme Frau über, das hoffnungschlagende Herz des Geliebten her und entblätterte alle seine Blüten. –
Vergebens wiederholte er ihr, dass die Trennung von ihrem Gemahl bereits hinter ihr liege, dass es Raserei sei, einem blossen Begriff ein ganzes Leben zu opfern.
Sie schüttelte stumm und traurig den Kopf, aber seine Worte schmerzten sie, ohne sie irre zu leiten.
Anna! rief Gottard endlich verzweifelnd, seit sechs Jahren habe ich eine freudenlose Existenz von Tag zu Tage hingeschleppt; im Edelsten, Erfolgreichsten, das ich zu leisten versuchte, klang immer die Todtenstimme meines Herzens vernichtend durch; ich fühle, dass mir der Boden unter den Füssen fehlt. Anna, lassen Sie mich meine Aufgabe vollenden! Gewähren Sie mir Frieden! Enden Sie diese rastlose Pein, dieses stachelnde Glückverlangen, dieses verzehrende über einer Unmöglichkeit Sinnen und Brüten, an welche zu glauben, der männlichen natur eine schlimmere Vernichtung ist, als Krankheit oder Tod. Der Zwiespalt zerfrisst mit seinem Rost mein Herz, meine Sinne. Was zu tun Menschen möglich war, ist von beiden Seiten geschehen, und jetzt, da eine unbegreifliche Barmherzigkeit des Zufalls die Möglichkeit einer inneren Vollständigkeit, einer geistigen Genesung uns gewährt, jetzt wollen Sie in kränkelndem Pflichtgefühl einer unwahren überzeugung, einer gemachten notwendigkeit sich und mich opfern?
Bis in's Tiefste erschüttert, hörte sie ihn an, dann begann sie zu erzählen. Je länger sie sprach, desto trüber wurde Gottard. Sie sprach über Egon, über dessen richtenden blick, der schon jetzt mit schneidender Schärfe den Vater getroffen, über die beiden Briefe, die sie selbst von Brandenburg aus an Kronberg geschrieben. Im Reden ward sie mutiger. O, mein Freund! sagte sie fest, wir können uns einander opfern, denn wir sind eins; aber kann i c h den Knaben beider Eltern berauben? Hat meine Liebe zu Ihnen, Gottard, des Vaters Herz ihm entfremdet, darf ich die Mutter auch von ihm trennen? Verlangen Sie nicht, was wir Beide nicht ertrügen.
Leben Sie wohl, Anna! sagte Gottard, bebend vor Schmerz, aber rasch entschlossen. Es war das letzte träumerische Aufflammen meiner Jugend, es war ein wundersüsser, schöner Traum, der, wie alle Morgenträume, in blasses Tagesgrau verweht! O Anna, Anna! nun darf ich dich niemals wieder sehen!
Er zog sie einen Augenblick an seine Brust, ihr war, als breche ihr Leben. O Gottard! hauchte sie leise, sein Sie nicht allzu hart gegen uns Beide! Können wir denn