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s Bruder sei, schwur ihm jedoch, dem Gefühl und verhältnis nach seit Ewigkeiten nicht anders zu ihr gestanden zu haben, und hielt seinen eigenen Verdiensten eine lange Lobrede.

Zu seiner Verwunderung hörte ihn der Graf schweigend, ohne sonderliche Zeichen des Erstaunens, ruhig an. Gondi sprach sich nun gegen Paola's Charakter aus, klagte sie der grössten Unzuverlässigkeit und Unwahrheit an und erbot sich, dem Grafen alle Beweise seiner Aussagen in die hände zu geben.

Und was soll ich damit? fragte Roderich.

Von dieser mit tausend Ringeln Seele, Geist und Körper umwindenden Schlange sich lösen, sagte trotzig der Italiener, dem Zorn und Eifersucht das Gefühl erduldeter Mishandlung vergegenwärtigten bis zur Qual. Er ballte die hände und biss vor Wut in die eigenen Finger, dazwischen fuhr er mit seinen Ausrufungen und Schmähungen fort, bis ein fast convulsivisches Schluchzen ihn hemmte.

Armer Narr! murmelte Kronberg. Gott sei Dank, dass ich nicht verliebt bin, wie er!

Immer trotziger und heftiger sprach Gondi sich aus; er war gekommen, weil er es i h r v e r s p r o c h e n , freilich in ganz anderer Absicht; aber das Gefühl, dass sie in der inneren Empörung über Kronbergs Härte nun in Berlin ohne ihn neue Verhältnisse schliessen werde, hatte momentan die alte leidenschaft in ihm erweckt, und anstatt dem Grafen in der übernommenen Rolle Gutes von ihr zu sagen und durch ihren Jammer auf dessen Herz zu wirken, riss ihn das innere Empfinden ihrer Nichtswürdigkeit und seiner trostlosen Schwäche in ganz entgegengesetzter Richtung fort. Und dennoch, klagte er, bin ich selbst an sie gefesselt, dennoch würde mich mein Weg mit ihr zusammenführen, ginge auch der eine nach Süden, der andere nach Norden. Das ist's ja, dass man ihre fluchwürdige Sirocconähe nicht los wird!

Wir wollen nicht behaupten, dass Kronberg immer so klar gesehen, wie in dieser halben Stunde, obschon er in einem Winkel seiner Seele nie an den Bruder geglaubt; der junge Mann schien sich längst zurückgezogen zu haben und war ihm bei ihr nie in den Weg gekommen. Roderich hörte ihn fortwährend ruhig an bis zu Ende, dann sagte er ihm mit wohlwollender Freundlichkeit: er habe sein früheres verhältnis zur Capacelli gekannt; übrigens sei es unwürdig von einem Mann, sich an einer Frau zu rächen; das weibliche Geschlecht sei übel genug gestellt in der Welt, dem männlichen gegenüber. Da aber sich zu rächen, wo man einst geliebt und Gunst gefunden, gälte in Deutschland für erbärmlich.

Mit grosser Güte erkundigte er sich nach Gondi's persönlicher Lage, stellte ihm die Gefahr des Hazardspiels in Oesterreich vor, und bot ihm an, ihm beizustehen, wenn er eine andere würdigere Lebensweise versuchen wolle. Endlich entliess er ihn mit einem Geschenk, bat ihn jedoch, nur im Fall, dass er sein bedürfe, ihn wieder aufzusuchen, da die Vergangenheit entschieden für immer abgetan bleiben müsse.

Seit langer Zeit atmete Roderich fröhlich auf, ein heiteres Gefühl der Selbstzufriedenheit floss durch seine Lebenspulse und drang ihm tief an's Herz. Und nun zu Annen! sagte er lächelnd.

Er hatte St. Luce vorgeschlagen, ihn zu begleiten; der junge Herzog von Reichstadt hatte sich wieder erholt, mit Freuden nahm der General das Anerbieten an. Duguet sang triumphirend seinen Marlborough und liess unter seiner Aufsicht den Wagen packen.

So standen also die Dinge in Wien; unglücklicherweise hatte in Brandenburg, Berlin und Paris Niemand von dieser günstigen Umgestaltung der Verhältnisse die leiseste Ahnung.

Gleich nach Anna's Abreise hatte der General an Gottard geschrieben, der Brief kam an, als dieser eben seine Geschäfte in Paris beendet und zur Abreise bereit war.

Gottard zählte noch nicht Dreissig; in diesen Jahren rollt das Blut noch rasch und glühend, einem Lavastrom gleich, in den Adern. Die Möglichkeit einer nicht entfernt durch ihn veranlassten Scheidung ihrer Ehe, das Bewusstsein, Annen ein in jedem Bezug passendes los bereiten zu können, die Aussicht, ihr seine Hand zu bieten, mit der einzigen Frau, die er je geliebt, die er nie eine Stunde aufgehört zu lieben, vereint leben zu können, überwältigte ihn. Mit unwiderstehlicher Gewalt von der Macht des Augenblickes ergriffen, zauderte er keine Stunde, er flog nach Berlin. Sie war nicht mehr da; auch Leontine abwesend, bei ihr. Er erfuhr dies zufällig und konnte sich nun nicht entschliessen, Geierspergs aufzusuchen, er kannte Beide nicht. Wie ein Träumender ging er volle vierundzwanzig Stunden in Berlin umher. Er hielt es nicht länger aus; er nahm Postpferde und eilte nach Brandenburg.

Die kleine Stadt gewährte ihm nähere Details. Im Gastof, wo er Erkundigungen einzog, erfuhr er, wo sie wohne; auch Otto's Anwesenheit ward ihm mitgeteilt. Er freute sich derselben, dann aber beneidete er ihn unbeschreiblich, dass er ihm zuvorgekommen und die ersten traurigen Tage mit Annen durchlebt hatte.

Mit einem Male hatte den sonst gefassten, besonnenen Mann der Wirbel grenzenlos leidenschaftlicher Gefühle und Hoffnungen erfasst, jede Secunde steigerte ihn; als habe ihn die Wünschelrute einer zauberischen Gewalt berührt und tausend Quellen seines Herzens wach geschlagen, strömte die Flut unsäglichen, fast tödtenden Glücks durch sein ganzes Wesen. Er musste sie sehen! jetztgleich! – –

Auch Anna war seit einer halben Stunde überaus glücklich. Sie hielt einen Brief ihres Bruders aus Schlesien in der Hand, den sie wiederholt durchlas. Louis war nicht mehr beim Militär, eine