1845_Schopenhauer_142_92.txt

fast sprachlos.

Endlich brachte er die Worte heraus: Der Herr Graf haben mit Madame Capacelli gebrochen, jeder Verbindung mit ihr entsagt, ihr das Haus geschenkt, brieflich von ihr Abschied genommen; vier Billets, die sie ihm geschrieben, unerbrochen zurückgeschickt; abgeschlagen, sie wiederzusehen. Baron Rutberg ist gekommen, er hat ihn sehr freundlich empfangen, die Herrn sind in der besten Laune auseinandergegangen.

Bist du betrunken oder im Traume, mon cher? rief St. Luce, ergriff Duguet beim Kragen und schüttelte ihn aus Leibeskräften, als wollte er ihn wach rütteln.

Das hölzerne Bein trug den General nicht mehr, er wankte. Zum Glück stand eine Bank in der Nähe. Duguet liess sich respectuell schelten, schütteln, fragen, hatte jedoch für das Alles nur die eine Antwort: Mais c'est vrai, ma foi, c'est bien vrai!

Wie ein paar Inspirirte gingen der alte Herr und der alte Diener nach haus. Die ganze Welt schien ihnen anders geworden. Nun muss s i e ja wiederkommen!

Am nächsten Tage beklagte die ganze Crème der guten Gesellschaft in Wien diesen armen, guten, kleinen Narren! die Capacelli, die wegen eines Teatercontracts so halbtodt, elend und krank nach Berlin gemusst.

Paola war wirklich krank, sie liebte Roderich, weil er es ihr so entsetzlich schwer gemacht, ihre Zwecke bei ihm zu erreichen; sie war ihm mitunter untreu, weil das einmal in ihrer natur lag, weil ihr lange dauernde Treue ganz unmöglich war. Sie hatte bis zu diesem Augenblicke, der alle ihre Hoffnungen vernichtete, keineswegs aufgegeben, doch noch Gräfin Kronberg zu werden, und wirklich die Knaben mitzunehmen sich erboten, um sie zu gewinnen und ihr Ansehen in Berlin geltend zu machen; – und nun ohne alle Ursache, ohne irgend eine denkbare Veranlassung trennte er sich von ihr, und obendrein im Moment ihrer unvermeidlichen Abreise. Es war zum Wahnsinnigwerden!

Sie sann sich das Haupt müde, den Grund seines veränderten Benehmens aufzufinden; ihre Phantasie arbeitete sie in einen Fieberzustand hinein, in welchem sie wirklich endlich Wien verliess.

Mag sein, dass Roderich ihrer überdrüssig geworden, mag sein, dass sie die saiten bei dem nicht mehr jugendlich fühlenden mann zu hoch gespannt; wer konnte dem reifen Diplomaten so ganz genau ansehen, w a s ihn bewegte? Er reichte seinem Freunde St. Luce die Hand und bat ihn, nicht davon zu sprechen.

Seine Freigebigkeit gegen Paola kannte keine Grenzen; er schickte noch eine Menge Geschenke in ihr Haus, die er ihr früher versprochen, es waren wirkliche Kostbarkeiten darunter.

Rutberg und der ganze kleine Männerkreis, der ihn umgab, war teils in starre Bewunderung dieser Grossmut versunken, teils wütend. Wer kann mit einer solchen Verschwendung Schritt halten? fragte Einer den Andern. Die Damen, deren Gunst diese jungen Herren sich rühmten machten ihre Bemerkungen ebenfalls; Jedes sah die Sache mit andern Augen an, sie erregte ein für Kronberg günstiges aufsehen. Einige fromme Seelen freuten sich seiner Rückkehr zum Rechten; im diplomatischen Kreise sprach man diesen Abend bald da, bald dort leise. Kronberg sah es. Er erklärte sich gegen Niemanden; war er vielleicht sich selbst nicht klar?

Duguet suchte den ganzen Tag hindurch in jedem kleinen Dienst eine an Anbetung grenzende Dankbarkeit, eine Art stummer Verehrung an den Tag zu legen; nie war er respectvoller gegen seinen Herrn gewesen. Der Kerl bedient mich, als ob ich der Kaiser wäre! sagte, immer noch lachend, Kronberg vor sich hin; aber es tat ihm doch wohl.

Einmal fand ihn Duguet dem Bilde seines Sohnes gegenüber, er glaubte, die Worte zu vernehmen: Toller Bube! er hatte Unrecht in der Manier, in der Sache wahrhaftig nicht so ganz!

Es wäre Kronberg selbst sehr schwer geworden, sich von dieser plötzlichen Umwandlung seines inneren, vielleicht auch bloss seiner Handlungsweise Rechenschaft zu geben. Der Hauptgrund war wohl: dass der Stachel der Eitelkeit ihn nicht mehr wund ritzte, mit ihm schwand seine scheinbare leidenschaft zur Capacelli, die aus so vielen, so verschiedenen Elementen zusammengesetzt, so wenig wirklich war. Anna's Kälte erregte in der Entfernung nicht mehr seine Eifersucht, er fühlte es nicht mehr so notwendig, ihr und der Welt eine scheinbare Gleichgültigkeit zu zeigen. Der Spanierin Hochmut hatte sie zu einer unpassenden Forderung, ihn selbst zu einem noch viel unstattaftern Schritt verleitet, dessen er sich nun hinterdrein schämte.

Anstatt Annens Briefe zu beantworten, beschloss er, selbst mit Courierpferden nach Brandenburg zu reisen und sie abzuholen. Dass sie irgend sich weigern könne, ihm zu folgen, fiel ihm nicht ein; die Sache war ja nun abgetan! Die Kinder konnten am Ende doch unmöglich bei ihr bleiben. Besser war es allerdings, Egon in Berlin zu lassen, und eben dort konnte Anna ihn am ruhigsten von sich entfernt im haus ihres Schwagers wissen.

Kronfeld hatte ein fast weibliches Talent, sich im Geist die Umstände so zurecht zu legen, wie sie seiner Neigung nach am günstigsten ihm erschienen.

Während er zu einer kurzen Abwesenheit in seinem Cabinet die gehörigen Verfügungen traf, liess sich durch einen der Laquaien ein junger Mann melden, der um die Gnade bat, ihm aufzuwarten. Der Graf, in seine arbeiten vertieft, erwartete einen neuen Secretär; ohne aufzusehen, nickte er gewährend. Gondi trat ein.

Mit einem Schwall bombastischer Worte und aller Uebertreibung seiner Jugend und seines Metiers gestand er dem Grafen, dass er nicht wirklich Paola'