1845_Schopenhauer_142_91.txt

er war vorläufig noch ein legitimer Demagoge, der einer ganzen Welt die Freiheit und sich den Grafentitel gönnte.

In Berlin war Anna nur einen Tag geblieben; sie suchte Kronbergs Wünschen hinsichtlich der Kinder möglichst nachzukommen. Dem jüngern, trotz seiner Schwächlichkeit, zum Offizier bestimmten Joseph war diese Militärschule notwendig, für Egon passte sie nicht. Sie hatte an Kronberg geschrieben und harrte seiner Entscheidung, als unerwartet Otto, wie der Strahl eines milden schönen Sterns, die Nacht des Zweifels und Trübsinns in ihr brach und zerteilte. Er stand plötzlich im Zimmer und fragte mit den sanftesten Tönen seiner tiefen stimme: Komme ich dir recht, liebe Anna? Du bedarfst vielleicht nicht den Arm, aber das Herzvielleicht sogar den Kopf deines Jugendfreundes.

Mit unsäglicher Liebe hatte er sie seit mehren Tagen gepflegt, getröstet, zerstreut; frisch und jugendlich, erschien er neben Egon fast wie ein älterer Bruder. Er zeigte sich ruhig und doch klopfte sein Herz, wie sonst, Annen entgegen, und doch war sie nicht minder schön, als damals! Und jetzt mit Einem Male war auch Leontine da und die unvergessliche Zeit seiner Liebe drang wie eine Gegenwart auf ihn ein. Aber Otto verbarg seine tiefe Erschütterung, er hatte das in seiner Ehe still gelernt.

Leontinen traf sein Anblick wie ein Blitzstrahl.

Und ich bin katolisch geworden! dachte sie, was wird er dazu sagen? An ihrem namenlosen Schreck bei dieser Frage fühlte sie, wie sehr sie noch ihn liebe. Auch sie war vorsichtiger, sie schlug das Auge erst auf, als sie es ruhiger werden fühlte.

Immer noch war ihm Anna die seine Seele weckende, erwärmende Sonne, prächtig entfaltete sein Geist die Flügel ihr gegenüber, alle seine Ideen wuchsen und erweiterten sich. Nachts, nachdem er von ihr gegangen, arbeitete er die kühnsten, schwierigsten Probleme seiner Wissenschaft aus, er lebte tausendfach, nach allen Richtungen hin, ohne zu ermüden; der Morgen fand ihn immer frisch und klar.

Aber keinen Augenblick vergass er seiner Vrenely daheim. Täglich schrieb er ihr, und sein liebevoller, herziger Brief entielt kein lügenhaftes Wort. Er freute sich mit tiefer, dankbarer Rührung seiner Häuslichkeit, ihrer und des Kindes; Stunden lang sprach er von ihrer Anmut, Wahrheit und Güte. Dass sie und Anna zu der nämlichen Gattung Wesen gehörten, fiel ihm kaum ein; Meilen weit lagen diese Gefühle auseinander.

Eine F r a u wird diese Doppelempfindung n i e verstehen.

Bei Anna's Trennung von Kronberg war der Name der Capacelli nicht über ihre Lippen gekommen, nur von den Knaben war die Rede gewesen. Anna hatte ihrem Gemahl bloss angedeutet, dass sie, allen den Mislauten der Gegenwart ein Ende zu machen, ihre Entfernung für gut, für nötig halte, und ihm des Sohnes unbedingten Gehorsam gelobt, wenn sie selbst ihn begleite. Ihre Freunde dagegen hatten die Annen durch das verhältnis zur Capacelli erschwerte Stellung in Haus und Gesellschaft auf den Zustand ihres Gemüts übertragen; Niemand begriff, dass sie die ihr aufgedrungene Rolle der mishandelten unglücklichen Gattin so ruhig hinnahm, weil sie ihr Einsamkeit und ein leichteres Aufatmen gönnte. Erst als Kronberg einen Schritt tun wollte, der sie zu einer öffentlichen Erniedrigung gezwungen hätte, stieg der Gedanke einer Trennung in ihr auf.

St. Luce schrieb oft. Er war Kronbergs Freund geblieben und bis zu Otto's Ankunft, die Annen abermals zum Schreiben veranlasste, das einzige Verbindungsglied zwischen den getrennten Gatten unter sich und Gottard, der noch immer in Paris sich aufhielt. Kronberg hatte noch nicht geantwortet.

Als Franzose hatte St. Luce den Vorfall mit der Capacelli leichter genommen, als Geierspergs und die Andern. Er warf Kronberg immer noch die Dummheit eines unnützen éclat vor. Allerdings war er jetzt auf einen momentanen gänzlichen Sieg der Spanierin gerüstet; auch er hielt die Trennung Anna's von Roderich für eine vielleicht dauernde, an gerichtliche Scheidung zu denken, fiel ihm nicht ein.

Wie es nur dahin gekommen? übersann er auf einem langen, einsamen Spaziergange; war doch eigentlich seit Anna's Krankheit nichts Bedeutendes geschehen! Kronberg war ja so reich, es konnte Annen wahrhaftig einerlei sein, mit welcher hübschen Frau er einen teil seines vielen Geldes durchbrachte; eifersüchtig war sie ja nicht. Uebrigens wenn er nun Pferde, Spiel und andere Zerstreuungen geliebt hätte, wäre es besser gewesen? – Eine deutsche Frau freilich kann sogar auf Jagdhunde eifersüchtig sein, man hat das erlebt, brummte er vor sich hin. C'est à peu près égal! – Wenn sie am Ende doch so eine Art kleinstädtischer Eifersüchteleiquelque idée de petite villegehabt hätte? – Nun sass sie ganz unnütz in Brandenburg, allein, ohne Zweifel gedrückt von der neuen Schwierigkeit, die ihre bürgerliche Geburt dort dem Fortkommen der Kinder in den Weg legte! Fameuse bêtise allemande! murmelte er immer ärgerlicher. Sein Verdruss hatte den alten Herrn bereits um halb Wien herumgetrieben, als eine rufende, atemlose, vom Laufen halb erstickte stimme: Monsieur! Monsieur de St. Luce! ihn Halt machen hiess.

Es war Duguet, der, in einer Art Gefühlsstrangulation heftig gesticulirend, auf ihn zustürzte, eine Neuigkeit der wichtigsten Art schien ihm fast die Besinnung zu rauben, doch hatte er äusserlich alle Flaggen des inneren Jubels aufgesteckt, sein Hut sass fast verkehrt, sein rotes Schnupftuch flog in der Luft über die Büsche weg, wie sonst die Serviette über die Möbeln. Unglücklicherweise war er vor lauter Bewegung