Gift und Dolch handhaben sehen, als dieses Nichtstun und sich so durch die Tage Hinschleppen an ihm erleben! Dieses Verdämmern der tiefsten Seelenkräfte in dumpfem Hinbrüten, und dann das Spielen mit Kleinigkeiten, grosser Gott! wie kann ein M a n n – ich bin ganz matt und müde davon, darum komme ich zu dir.
Und glaubst du denn, fragte Anna, dass ihn die so gesunkene Carbonaria noch interessirt, dass er sein Wort gebrochen und neue Verbindungen mit ihr angeknüpft hat?
Ja und nein! Er ist nicht aus einem Guss; das ist ja eben das Elend! Da er heilig gelobt hat, sich nicht mehr in diesen Wust schwächlicher Freiheitsversuche hineinziehen zu lassen, wird er Wort halten, das heisst, auf seine Art: er wird zu jenen Zwecken nur sein Vermögen den Einzelnen zuwenden, Geld auf Geld verschleudern, aber keine Details anhören. Drängen sie jedoch jemals gewaltsam an sein Ohr, so ist wohl kein Zweifel, dass er mich verlassen würde im ersten als wichtig sich ankündenden Moment, um vielleicht nutzlos sein Haupt dem Beile preiszugeben. Die ganze Sache ist allmälig fixe idee in ihm geworden.
Mir scheint, du vergisst seine Nationalität. Hat er dies unermüdete Wiederauffangen abgerissener und verlorener Fäden seines Gewebes, dieses taumelnde Entzücken beim Klang des Wortes "Freiheit!" nicht mit den Edelsten seines unglückseligen Volkes gemein?
Mag sein. Aber lebe nur erst den ganzen langen Tag mit einer personificirten idee, die nirgends ihren Anknüpfungspunkt in der Wirklichkeit findet; sieh diese tausendfach zerstückelten Fäden in der klaren Luft der Alltäglichkeit zerflattern wie den alten Weibersommer, der uns auch den schönen Frühling niemals wiederbringt, Anna! – Um einer begeisterten Ansicht Alles zu opfern und um sie, allen Umgebungen und Gegenwirkungen zum Trotz, zum Wirklichwerden zu zwingen, zum fruchttragenden Baum sie zu machen, um, mit einem Wort, die Basis einer Volksfreiheit aus seiner Persönlichkeit herauszubilden, gehört ein eiserner W i l l e und C h a r a k t e r , dann beugt sich ihm, dem Wollenden, die Welt, gleichviel, ob in starrer Demut, oder lebendigem Gehorsam, gleichviel, ob zum Bau einer Republik oder eines Kaisertums. Ein Napoleon oder ein Washington würden es vollbringen und höchstens hinterher in sich zu grund gehen, nachdem das ungeheure I c h mit dem äussern Stoff fertig geworden und seinen Höhepunkt erreicht hätte. So ein besonnen verharrender, fester Sinn, wie etwa Gottards, vermöchte das vielleicht. – sonderbar, dass ich ihn nie vergesse!
Anna schwieg verlegen. Leontine bemerkte es nicht und fuhr fort: Gut, dass ich Mut habe! Gib Acht, Jean Carlo endet auf dem Schaffot, ohne irgend etwas geleistet zu haben. Erschrick doch nicht so! D a s habe ich bedacht, ehe ich meine Hand ihm gab. Ja, ihm fehlt Charakter, wiederholte sie flüsternd halblaut vor sich hin, und doch will er ihn einer Nation verleihen und meint die Zustände des volkes wie aus einem Gefäss in's andere auszugiessen zu einer neuen Gestalt. Gäbe es eine Allgemeinheit der Gesinnung, dann möchte dem Einzelnen das Grosse gelingen, es könnte den Tropfen bilden, der den Becher überfliessen macht. Aber so! – Unsre Zeit fordert ja umgekehrt vom Einzelnen, was sie in solchem Falle von der Allgemeinheit verlangen sollte, eine Tatkraft, die in's Unermessliche reicht: ein Regeneriren all der schlaff gewordenen Gemüter. Und der das könnte, ist, glaube mir, jetzt gar nicht auf der Welt. – Nach der Oekonomie der natur, setzte sie heiterer hinzu, die eine gute Hausfrau ist, wird er auch wohl kaum in unserm Säculum mehr geboren.
Einem mann, wie Otto zum Beispiel, traust du also eine solche Gewalt nicht zu?
Nein, o nein! rief fast heftig Leontine; er hat zwar Kraft, auch das Bewusstsein alles Einzelnen, aber nicht das G e n i e . Er hat ein friedliches Gemüt und neigt sich weit mehr dem Universum, als dem kleinen vaterland zu. Doch was fragst du mich? Gottard ist vielleicht der einzige, den wir kennen, der – Aber wo ist er jetzt?
Noch immer in Paris. In den paar Jahren unserer Trennung hat er seine Bahn zu einer Höhe gehoben –
Kind, ich sagte dir ja immer, dass er Minister werden würde!
Das sagt Duguet auch von mir, liebe Tante! rief lustig auflachend Egon, der aus dem Nebenzimmer eingetreten war, aber ich fürchte, du hast es sicherer getroffen. Herzlich willkommen! Er umarmte und küsste sie. Aber, sprach er fort, indem er sich nach allen Seiten umsah, wo ist denn Otto?
Leontine wurde blass – leichenblass.
Anna hatte die ganze Zeit hindurch versucht, das Gespräch auf ihn zu bringen, sie hatte den wilden Ausbruch des Gefühls ihrer Freundin vorüberlassen, dann mit des Freundes Anwesenheit sie überraschen wollen, nun nahm ihr der Zufall das Wort von den Lippen.
Unaussprechlich tröstlich war Annen die plötzliche Erscheinung ihres Jugendfreundes gewesen; ihre Lage in Brandenburg war nicht angenehm. Die bei der Geburt von hoher Hand einem der Knaben verliehene Präbende konnte, wie sich bei Regulirung des Eintritts in die Militärschule fand, nicht angenommen werden, sie war gegen die Statuten, Anna's Bürgerlichkeit machte sie unmöglich. Egon, in dem sich bereits die Stimmung unserer jetzigen Jugend im Keime zu zeigen begann, war höchst aufgebracht, dass man nicht seiner Mutter wegen eine Ausnahme machte;