schwächer geworden. Beklommen sah sie dem Feind aller zehrenden Uebel, dem Herbst, in's bunte Blumenauge – ach! mit den Blättern und Früchten fallen die Menschen der Erde zu und die farbigen Blütensterne legen sich, Auferstehung verheissend, auf deren Gräber!
Josephine hielt eine Menge uneröffneter Briefe in der Hand. Sie erwartete weder Gutes noch Böses aus der Ferne, die nächste Nähe war's, die so beengend auf ihr lastete. Es ist etwas Entsetzliches um das unaufhörliche gespenstische Auftauchen der Angst um ein geliebtes Leben, wie man auch den Gedanken an das uns Drohende zu bannen suche: immer umschleichen uns die Schatten der sorge mit ihren heimlichen Dolchen und überfallen uns in heitrer Gegenwart, wie Diener eines Vehmgerichts, mit plötzlichem Entsetzen.
Endlich fiel Frau von Waldau's trüber blick auf die Briefe. Eine französische Handschrift? Aus Erfurt? Rasch erbrach sie das Siegel und las:
Gnädige Frau!
Wenn das Bild eines jungen Mannes, dem während der Tage der Schlacht bei Jena das Glück Ihrer Bekanntschaft ward, noch nicht ganz Ihrer Erinnerung entschwunden ist, so wird die milde Güte, die noch einem Sterne gleich in der seinen steht, diesem Schreiben gern Verzeihung gewähren. Denn wie ein Posaunenstoss des jüngsten Gerichts rufen meine Worte einen toten aus dem grab und geleiten hoffentlich einen glücklichen Sohn in die arme seiner gewiss noch glücklichern Mutter. Ohne Zweifel haben Sie, hochverehrte Frau, schon erraten, dass ich meine Erzengelschaft dem Zufall danke, den so lange beweinten Sohn Ihrer Madame Sophie gefunden zu haben, die, wie ich von meinen beneideten Kameraden erfahren, Ihr Hauswesen noch wie ehemals besorgt.
Der Kaiser hat mich in diesen zwei heissen Kriegsjahren zum Rang eines Obersten erhoben, und als Adjutant des Marschall Nei bin ich ihm nach Erfurt gefolgt.
Eben hier glaube ich in einem jungen Soldaten, der an den Folgen in Portugal empfangener Wunden den in Mühlheim ausgesetzten Sohn der wackern Frau Duguet erkannt zu haben. Die Klagen des kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings, der seiner Existenz fluchte, weil er, der weder Vater noch Mutter gekannt und Niemanden angehöre als nur seinem Kaiser, den Feldzug nicht mitmachen solle, zogen mich an; der Zorn, den er den ärztlichen Ratschlägen entgegensetzte, rührte mich tief; ich gewann mir sein Zutrauen. Jetzt, nachdem ich alle Details seiner Lebensgeschichte gehört, das Stück Taschentuch mit dem Zeichen Marc Duguet und die treubewahrte Hälfte des Fünfsous-Stücks gesehen, das er, wie seine Mutter, am Hals trägt, scheint mir unzweifelhaft, dass er wirklich das in Mühlheim ausgesetzte, so lang beweinte Kind sei. Sein Alter trifft auch zu. Wenige Stunden, nachdem Sie, verehrte Frau, diese Zeilen erhalten, hoffe ich selbst meinen Kranken bei Ihnen einzuführen, und als Belohnung das Glück zu geniessen, Sie und Herrn von Waldau zu begrüssen und um die Fortdauer Ihres Andenkens und mir unschätzbaren Wohlwollens zu bitten.
Mit ausgezeichneter achtung
und Verehrung
Ihr tief ergebener
St. Luce.
Sophie! rief aufspringend Frau von Waldau, grosser Gott! ich habe die Briefe seit drei vollen Stunden! Sie können jeden Augenblick hier sein! Sophie, so komm doch!
Madame! erwiderte die Gerufene, den mit einem Foulard umwundenen hübschen Kopf zur tür hereinsteckend, es ist nur, weil ich das Bett mache –
Sophie! Monsieur de St. Luce ist Oberst geworden und wird vielleicht schon in einer Stunde hier sein!
Ach, Madame! welches Glück! der gute junge Mann! Aber da muss ich mich beeilen, Madame werden ihn zu Tische bitten, vielleicht logiren wollen. Pardon, Madame! charmanter junger Mann, und Oberst! Ja, ja, das sieht dem kleinen Korporal ähnlich, der kennt seine Leute! Wundert mich nicht, dass sie einen Gott aus ihm machen. Duguet, Duguet! rief sie im Gehen zur andern Tür hinaus; Du hilf mir – Monsieur de St. Luce ist Oberst geworden!
Die Freude kann sie tödten, sagte Josephine leise vor sich hin; der Schlag kann sie rühren, sie ist so heftig! Aber, Sophie, fuhr sie fort, sie beim Arm ergreifend, um sie zu halten; es ist noch eine andere Nachricht mitgekommen; es ist aber nur eine schwache Hoffnung! Der Oberst hat von einem jungen kranken Soldaten gehört, in Portugal, der den Namen Marc Duguet führt.
Sophie wandte den Kopf, kein Zug des sonst so regen Gesichts bewegte sich, mit starrem Auge blickte sie die Sprechende wie bewusstlos an, sie hatte, das sah man, keinen klaren Gedanken, all ihre Fähigkeiten hatte das eine Wort erschüttert.
Bald aber überflog ein leises Zittern die ganze Gestalt, die Brust hob sich langsam und schwer, ohne einen laut ausströmen zu lassen, die bleichen Lippen bebten convulsivisch; endlich hauchte sie fragend: Madame?
Ja! erwiderte Josephine, indem sie nun auch den andern Arm ergriff, um die Schwankende wie zufällig zu stützen, er hat hingeschrieben, um Nachrichten einzuziehen.
Nachrichten! er lebt, er ist nicht in Portugal umgekommen, er lebt noch?
Wenn er es nur ist, sagte Frau von Waldau, um den Eindruck zu schwächen.
Es wäre möglich, schrie Sophie mit plötzlich freiwerdendem jubel auf – möglich! mein Sohn! mein Sohn könnte leben, – ich wäre nicht seine Mörderin! O, setzte sie wieder ermattet hinzu, ihre arme sanken und grosse Tränen perlten über ihr wieder erwärmtes Gesicht, ich könnte mir verzeihen, und Gott auch