seinen alten Diener August mit, der gewiss meine Stelle ganz ausfüllen wird. Der General ist auch ein Stück mitgereist; läge der Herzog von Reichstadt nicht darnieder, hätte er sie bis hin begleitet. Ganz spät Abends sind sie Alle abgefahren. Der Graf war ausgeritten, um ihr auf der ersten Station wieder zu begegnen, hiess es. Ja, sie hat ihn nicht wieder gesehen; aber die Sache ging still und ohne aufsehen ab.
In meinem Herzen aber ist eine unsägliche Angst; in Berlin wird sie nicht bleiben. Herr Gottard ist in Paris, ich wage nicht, ihm zu schreiben. – Was General Geiersperg zu der geschichte sagen wird!
An Sie, mein Herr Professor, glaubte ich, schreiben zu müssen; vielleicht gibt Ihnen das Herz etwas ein, das traurige Geschick unserer lieben Gräfin zu erleichtern." etc. –
Ja wohl, lieber Otto, musst du hin! sagte Vrenely. Wie ich gesehen, lässt du das Lisely auch schon einpacken; ich will ihm helfen. Und – fuhr sie, auf halbem Wege umkehrend, fort, indem sie dicht an ihn trat und ihre kleinen hände auf seine hochschlagende Brust legte, so lege du ihr unser Glück an's Herz, wie ich mich an das deine, als einen stillen Trost! Es hat mir lange geahnt, dass sie es nicht aushalten werde; dass aber Egon die Trennung herbeiführen musste, ist hart. Denke ich mir die Möglichkeit, dass je unsere kleine Anna zwischen dich und mich treten könne, möchte ich lieber die Welt verlassen, in der ich doch so himmlisch glücklich bin.
Otto zog sie schweigend in seine arme. Aber er war schon halb auf der Reise. Hältst du, fuhr er mit einem Male auf, die Trennung für eine dauernde?
Ja, Otto, erwiderte sie fest. Anna tut nichts halb. Nun lass mich einpacken gehen.
Und abermals blieb sie stehen. Otto, du wirst reiche Stunden haben, schöne und schwere. Versprich mir – sie stockte. – Was, mein Engel? – Sie von Grund aus rein zu geniessen, wie Gott sie gibt, ohne Vor- und Rückblick, ohne gemachte Gewissenssorge, die unnütz ist, denn ich traue dir! Und Gott traut dir auch, sonst würde er dir nicht die wunderliche Aufgabe senden. – Sieh', mein Liebster, fuhr sie fort, und schlang wieder den Arm um seinen Hals, ich bin so ruhig, weil ich weiss, – blühte dir dort ein eigenes Glück, so liebe ich dich genug, – um deinetwillen den herbsten Schmerz zu ertragen und dir meines hinzugeben; aber dem ist nicht so; du bist der Gärtner nur, der einem Andern die schöne Blume pflegt. Ob der sie jemals blühen sehen wird – ja das ist eine andere Frage.
Otto errötete. Du aber, sprach sie freundlich weiter, pflege die Blume; weisst du gleich nicht, wem Gott sie schenken wird, dem tod – dem Leben – dem Glück? – Alles gleichviel! Pflege die Blume, wie die Parsen, von denen du mir erzählst, die Quellen in Kanäle fassen zu seiner Ehre.
Als sie fort war, fuhr Otto ein paar Mal krampfhaft nach seinem Herzen; eine dunkle, trübe Stimmung, eine schaudernde Erinnerung vergangener Schmerzen ergriff ihn. Gewaltsam strich er die dunkeln Locken aus der Stirn und biss die Lippen fest zusammen, dann aber ermannte er sich rasch und ging zu Vrenely. Heiter ordnete das schöne Paar Alles zur Abreise und nach einer Stunde flog sein Char-abanc durch's Tal.
Nachmittags kamen die Nachbarinnen, sie hatten ihn fahren gesehen. Was ich froh bin, sagte Vrenely, ich hab' den Otto zu seinen Verwandten persuadirt, ich wollte seine stube während den Ferien malen lassen. Bei so was taugt der Mann nicht im Haus; kehrt er zurück, ist Alles schmuck und sauber.
Die Tränen, die Vrenely die halbe Nacht hindurch vergoss, sahen weder Otto, noch die Nachbarinnen. Es ist eine sonderbare Erfahrung, dass fast jedes irgend bedeutende Menschenleben seinen tragischen Zeitpunkt hat; alltägliche Verhältnisse, deren Druck man Jahre lang ertragen, überwachsen mit einem Male, exotischen Gewächsen gleich, unser Streben, unsern Charakter, unsere Umgebung. Die bittere Aloeblüte einer solchen Erhöhung unseres Zustandes ist leider darin von ihren Schwestern verschieden, dass sie häufiger ihren Kelch entfaltet; indessen hat dennoch meistens das Menschenleben nur eine einzige solche Periode, deren Steigerungen alle zum nämlichen Ziele führen und dem Rest der Tage die Grundfarbe geben. –
Leontinens Wagen hielt in Brandenburg vor dem bescheidenen haus, das Anna bewohnte. Sie sprang aus demselben und eilte hinauf. Ich konnte es nicht mehr aushalten, ohne dich! rief sie der Freundin entgegen. Es ist seelentödtend, Papa und Mama Domino und Piquet spielen zu sehen, in der Gesellschaft leere Floskeln über Navarin zu hören und dabei Jean Carlo's tiefe Herzensglut auf unserem Herde Kartoffeln sieden zu lassen! O, wäre der Unglückselige unerweckt auf dem feld der Ehre gebettet geblieben, nachdem er den kurzen, schönen Freiheitstraum geträumt!
Vergebens versuchte Anna ein Paar tröstende, mildernde Worte; Leontine schüttelte wehmütig das Haupt und fuhr fort: das ist es eben, er verschweigt mir, wie den Andern, aus Schonung seinen Gram, aber ich sehe ihn – und doch, Anna, l a n g w e i l t er mich auf's Entsetzlichste. Ich möchte ihn lieber