, das leider sehr kränklich ist, das zog sie von sich ab. Als jedoch Joseph in Pension zu seinem Bruder kam, lebte sie eigentlich nur an Sonn- und Festtagen, wo sie die beiden Knaben sah.
Unser Egon ist so wunderbar entwickelt, dass er mit zwölf Jahren einem Jüngling von sechszehn gleicht; er hat in allen Classen die ersten Preise davongetragen, ist fest und entschlossen wie ein Mann. Vor etwa acht Tagen hiess es plötzlich, nun sollten Beide nach Preussen, Joseph in ein Cadettenhaus nach Berlin, Graf Egon nach Brandenburg in die Ritterakademie, um zu einem vollkommenen Cavalier erzogen zu werden. Nun, das muss man unserm gnädigen Herrn lassen, er ist selbst tapfer und ritterlich und voll feiner Sitte, wie ein Marquis aus der alten guten Zeit.
Unglücklicherweise soll jedoch unser Egon schon so viel gelernt haben und ein so grosses Genie sein, dass er über ganz Brandenburg und die Ritterschule weg ist; ich glaube auch selbst, dass er mit zwanzig Jahren Minister werden könnte. Es sei ratsam, ihn in Berlin zu lassen, meinte die Familie. Das gab viel Streit, es wurden sehr viele Briefe geschrieben und ich weiss nicht, wovon eigentlich die Rede war; der Herr Graf wurden aber mit einem Mal sehr heftig, was sie sonst selten in so hohem Grade sind, und befahlen, der Knabe solle gleich am folgenden Tage mit Mad. Capacelli, die zum Gastrolliren nach Berlin ging, dahin abreisen. Ich glaube immer noch, dass dem Herrn das Gastrolliren fatal war, denn er hat gewünscht, die Spanierin möge die Bühne ganz verlassen; sie aber soll geäussert haben: nur eine H e i r a t h könne ihr diese Pflicht auferlegen.
Stellen Sie sich vor, bester Herr Professor! dass nun plötzlich unser Egon erklärte, er wolle lieber zu Fuss nach Berlin gehen, als mit Mad. Capacelli fahren, unter dem Schutze einer fremden Comödiantin reise ein Graf Kronberg nicht! Unser Herr schäumte vor Wut – die Capacelli musste es wohl verlangt haben, um ihr Ansehen an den Tag zu legen! – nun sollte die Gräfin Schuld sein an des Knaben Weigerung. – O lieber Herr! was für ein Auftritt! Als endlich die Saalklingel fünf bis sechs Mal heftig angezogen ward, stürzten wir, der Jäger, meine Frau und ich, Alle hinein – da lag unsere liebe, schöne Gräfin, todtenbleich und ohnmächtig auf der Erde in ihres Sohnes Armen. Er kniete neben ihr und sah aus wie der richtende Erzengel Michael. Der Graf befahl uns, seine Gemahlin, die unwohl geworden, sogleich zu Bette zu bringen, und verliess das Zimmer, ohne Egon eines Blickes zu würdigen.
Diesen Abend ward Niemand vorgelassen, nicht einmal Herr von St. Luce. Gegen Mitternacht rief die Gräfin meine Frau und befahl, Alles zu einer Reise Nötige für sich und Graf Egon zu packen; sie wolle nach ihres Gemahls Wunsch und Befehl ihren Sohn selbst nach Berlin und Brandenburg geleiten; Niemand anders solle ihn hinbringen.
Sie schrieb noch einige Zeilen an den Herrn, die ich, so spät es war, selbst hinübertrug zur Madame Capacelli. Drüben hatte es auch Verdruss gegeben; die Erzherzöge und andere hochgestellte Personen hatten sich bei dem Herrn Grafen nach dessen Gemahlin dringend erkundigt und eine so grosse Verehrung und Liebe für sie ausgesprochen, dass der unvermeidliche éclat dem Grafen steinschwer auf's Herz gefallen, was nun freilich die Sängerin entgelten musste, obschon sie unschuldig daran war. O, lieber Herr Professor, wie sehr hat sich unser Herr verändert! Wer hätte das für möglich gehalten! Er war sehr hart gegen Beide; mir aber befahl er sogleich, am frühesten Morgen solle Egon bei ihm sich einfinden, dann werde er das Uebrige bestimmen.
Wir fuhren in unsern Reisevorbereitungen fort. Graf Egon war immer noch am Bett seiner Mutter. Als sie unsere Antwort vernahm, verlangte sie aufzustehen, um noch Einiges selbst zu ordnen; Sie wissen, sie hat immer späte Stunden geliebt.
Als wir aber nach einer Weile den Grafen Egon wieder im Zimmer seiner Mutter hörten, liefen Sophie und ich an die tür desselben. Ach Gott! in meiner Angst beging ich etwas – qui est indigne! – ich sah durch's Schlüsselloch – da lag die Gräfin mit gefalteten Händen und strahlendem Gesicht, es leuchtete wie das einer Heiligen; mit gebogenen Knien lag sie vor dem zürnenden kind, das, wie wir gar wohl aus seinen Worten vernommen hatten, den Vater anklagte, dass er die Mutter zu tod kränke. Alle ihre Vorstellungen hatten ja nichts gefruchtet. Egon fing die angebetete Mutter in seinen Armen auf, drückte sie mit tausend Liebkosungen an's Herz und schwur ihr, fromm und sanft wie ein Lamm den Vater anzuhören und ihm zu gehorchen. Wie Diamanten standen die Tränen in seinen blitzenden, zornigen Augen, aber er zwang sich zum Gehorsam und hielt auch am nächsten Morgen Wort.
Noch einmal kam der Herr Graf zu seiner Gemahlin, was aber unter ihnen verhandelt worden, erfuhren wir nicht. Nach dieser Unterredung beschied sie Sophien und mich zu sich und befahl mir – nein, der Engel b a t mich sogar – beim Grafen zu bleiben, damit der Herr einen treuen Diener um sich habe, die Reise sei ja von nicht langer Dauer; da wusste ich aus ihrer Verlegenheit, woran ich war. II faut respecter toujours les dehors! Ich blieb. Monsieur de St. Luce gab ihr