1845_Schopenhauer_142_87.txt

Vergleich zu dem, was in Neapel wirklich geleistet worden, ein Lächeln ablocken, während sie den Staatsmännern strafbar erschienen. Und doch lag eine so tiefe Wahrheit in der Glut dieser Jünglingsseele, ein solcher Mut der Selbstaufopferung in diesem festen Glauben an eine mögliche bessere Zukunft. Josephinen traten die Tränen in's Herz. Wie lau erschien das allgemeine Mitleid, wie arm das Wort der Teilnahme an all den Qualen, die Jean Carlo durch Wiens brillantes Gesellschaftsleben hindurchtrug, unter dessen Glanz er schweigend das einmal Uebernommene mit verbissenem Ingrimm, einem Gefangenen gleich, der die Kette nachzieht, mühsam und schwer durch seine Tage schleppte.

Und nun sollte und wollte der Verbannte künftig in Berlin leben und Ruhe halten und in den einmal angenommenen Formen und Grenzen der staatsgesellschaftlichen Zustände ausharren, ein langes Menschenalter hindurch!

Josephine seufzte recht schwer; fast scheute sie diesmal Geierspergs Rückkehr, der gewissermassen durch seines Schützlings Aufentalt in Wien die früher für diesen getanen Schritte rechtfertigen musste, und plötzlich durch den erst hier ihm bekannt gewordenen Religionswechsel Leontinens beleidigt und schmerzlich erregt, Wien selbst verliess, weil er durchaus mit seiner Frau fort und auf seine Güter ziehen wollte, um den Scandal nicht mehr zu sehen, dass ein Freifräulein des alten protestantischen Geschlechts der Waldau katolisch geworden! Am Lager einer schönen blühend jungen Frau stand reisefertig ein kräftiger, auch noch junger Mann und suchte sie sehr sanft durch einen leisen Kuss zu wekken. Die schöne Schläferin hatte eine ungemein zierliche Hand auf das seidne Deckbettchen einer dicht neben ihr stehenden Wiege gelegt, deren leisestes Schwanken sie wach rufen musste. Sie mochte spät eingeschlafen sein, denn die ganze Einrichtung des Gemachs deutete auf bürgerlich frühe Stunden; die Sonne aber stand schon hoch und sie schlief noch so sanft und fest, als wäre das ihr erster Schlaf vor Mitternacht. Das kleine Mädchen in der Wiege sah dem Vater ähnlich, nur war es lichtblond, und auf dem weissen Kopfkissen lagen die klaren Löckchen wie Goldfädchen einer Stickerei und duldeten in ihrer Fülle das Mützchen nicht, das sie nach hinten zurückgeschoben.

Im Zimmer sah es ungemein friedlich und wohnlich aus; von Luxus war nicht viel zu bemerken, die Möbel waren derb und doch zugleich geschmackvoll, von Eichen- und Nussbaumholz; in den Ecken und wo eben ein freier Platz sich gefunden, hatten sich recht gelehrt aussehende Bücherschränke eingenistet, auf welchen Prachtexemplare von Mineralien, Glasretorten und allerlei physikalische Instrumente so zierlich aufgestellt waren, dass sie beinahe einen Schmuck bildeten. Das Wohnzimmer, das sich an diese geräumige Schlafstube schloss, war ganz morgensonnenhell, die weit zurückgelegten grünen Jalousien liessen das Auge zum Fenster hinaus über den Garten in eine Schweizergegend zu weit entlegenen Bergen hinschweifen; seitwärts lag eine graue Stadt, es war Basel.

Endlich schlug die junge Frau ein Paar wunderschöne, dunkle Augen auf und ein lichtes Freudenrot rötete ihre Wangen; sie begrüsste mit dem frohen blick zugleich den Tag, ihr Kind und ihren Mann, pfeilschnell von dem einen zum andern fliegend, so dass sie nicht einmal sogleich seine Reisetracht gewahrte. Vrenely, sagte Otto, indem er sich neben das Bett und die Wiege setzte und seiner Frau herzlich die Hand zum Gutenmorgen bot, während du die Angst der stürmischen Nacht ausschliefst, hat sich mein innerer Horizont stark umwölkt. Ich habe einen Brief von Duguet bekommen und werde in einer Stunde zu Annen reisen. Sie hat Kronberg verlassen. Ich möchte dir das Alles gern unter Gottes freiem Himmel erzählen. Steh' auf, mein Kind, und komm' mir nach in den Garten!

Noch einen Augenblick stand er an der Wiege, wie innerlich Abschied nehmend von dem süssen kind, und sah, still gerührt, dessen rosiges Gesichtchen sich an; zu küssen wagte er es nicht, aus sorge, es zu wekken.

Vrenely nickte ihm ihre Beistimmung zu, sie sprach fast weniger noch als sonst, aber nach zehn Minuten schon sass sie neben Gottard auf der Rasenbank und las, über seine Schulter hingelehnt, den traurigen Brief mit ihm zugleich.

"Lieber Herr! schrieb Duguet, ich muss Ihre Hoffnungen leider alle auf einmal zerstören. Es ist gar nichts besser geworden, seit uns die Familie des Grafen Viatti verlassen. Schlimm, ganz schlimm ist es geworden. Schon im vorigen Jahre, nachdem dieselbe im Februar nach Berlin gereist war, lebte unsre Frau Gräfin sehr still; sie blieb des Tages über fast immer allein, ging selten in Gesellschaft, sah deren aber zu Haus an den vier Empfangsabenden, weil es der Herr so wollte. Monsieur de St. Luce kam alle Tage zu ihrach! was hat er oft im Stillen gelitten um sie! – aber sie klagte nie; man sah ihr nur den heimlichen Kummer an.

Im vorigen Herbst hatte der Herr Graf der Mad. Capacelli ein schönes Landhaus gekauft und es sehr kostbar einrichten lassen, da brachte er meistens seine Abende, oft auch die Mittagsstunden zu. Es war etwas wie eine gläserne Wand zwischen unserm Herrn und der gnädigen Gräfin. Seit Herrn Gottards Abreise von Wien hatte sie keinen Mut mehr; und nachdem einmal ein Brief des Herrn Louis Müller an den Grafen gekommen, schien dieser innere Zwiespalt noch um Vieles zugenommen zu haben. Der Herr Graf machten der gnädigen Gräfin eine furchtbare Scene, in welcher sie, wie es mir vorkam, mit grosser Festigkeit antwortete, sie wisse um diese Sache nicht.

Von da an ging es immer schlimmer; so lange aber der kleine Joseph im haus blieb, sorgte sie für das Kind