1845_Schopenhauer_142_86.txt

Gestaltungen in's Leben treten sieht und doch niemals in seinen Folgen im Voraus richtig begreift! dem Einen ein Ballast, der sein Lebensschiff im Gleichgewicht erhält, dem Andern der Stein, der ihn in die Todestiefe des Stromes hinabzieht; Jenem ein Hauch, ein Nichts, das er vergisst, indem er kaum es ausgesprochen, Diesem ein schweres Dunkel, das ihn lebenslang umgibt, in welchem er sich selbst verliert; – I h r war's Erstarrung, Winterseelenschlaf. Sie vergass der Trennung n i e , in keiner Zerstreuung, in keinem Interesse, keiner Arbeit, ja sogar in keinem andern Schmerz. In jeder Secunde fühlte sie Gottards Entfernung, wie man ein abgetrenntes Glied des eignen Körpers fühlt, immerfort es entbehrend, immerfort im Entbehren die Gegenwart seines Schattenbildes dunkel empfindend. – Sie schrieb ihm nicht, sie fragte selten nach ihm; wenn ihr St. Luce zufällig eine Nachricht brachte, kostete das kleinste Wort derselben ihr einen ganzen Tag, sie konnte sich dann auf nichts mehr besinnen und ging umher wie ein Automat.

In der Gesellschaft sagte man: das Nervenfieber habe sie sehr stark angegriffen, und der diesjährige Sommer sei zu heiss. Aber der Sommer und sein Siroccohauch verfloLeontinens Lebenssonne stand im Zenit. Jean Der Marchese Viatti trat in Wien mit solchem Das junge Paar mietete sich ein schönes Hotel, Sophie war fast immer auf dem Wege zwischen war so glücklich! – Duguet war nicht recht zufrieden mit dem Allen. Leontine hatte dem Dringen Jean Carlo's und der inneren Unruhe ihres Gemüts nachgegebensie war zum Katolicismus übergetreten! Ob sie den so oft und schwer vermissten Frieden dadurch errungen, war in diesem Augenblick der vollen Blütenzeit ihrer äusseren Verhältnisse schwer zu entscheiden; kam sie doch kaum zur Ruhe des Nachdenkens über das Allernächste.

Duguet also war sehr unzufrieden mit diesem Schritt. A quoi bon ces bêtises? sagte er in seiner Revolutionsweisheit; er war nicht mit dem neuentstandenen Kaisertum Bonaparte's zur alten Religionsform zurückgekehrt, die Déesse de la raison, die zu seiner Zeit ein sehr schönes Mädchen und später ein altes garstiges Aepfelweib in Bonn war, steckte ihm noch im kopf.

Sophie gehörte dem Realismus an: sie fand den Schritt nötig, der künftigen Kinder der Marchesin wegen. Kronberg kümmerte sich gar nicht darum; Anna blieb, wie immer, mild in ihrem Urteil, sie begriff das Abschwören nicht, sie vermochte nicht an dessen absolute Aufrichtigkeit und Wahrheit zu glauben. Geiersperg, der das Ehepaar nach Wien begleitet hatte und so viel für dessen Vereinigung getan, war, als er es erfuhr, mit Leontinen gleich zerfallen; er war ein eben so echter Protestant als loyaler Legitimist, der Religionswechsel schien ihm s ü n d l i c h .

Selbst Annen gelang es nicht, ihn milder zu stimmen.

Wenn sie nur Jean Carlo genug liebt, um nie zu bereuen, sagte sie ihm, so ist's ja gut! Gott ist zu gross, um in der Wandlung der blossen F o r m eine Sünde zu sehen; seit Ewigkeiten schaut er dem Wechsel alles Menschenwesens zu, er wird auch hierin das Unabwendbare seiner gegebenen Naturgesetze gelten lassen. Sind denn die Veränderungen, welche Alter, Krankheit, Schmerz oder Glück oft plötzlich in unserer ganzen Sinnesart hervorbringen, kleiner? Schwört nicht der Greis die edlen Träume seiner Jugend ab? Und ist der Tod nicht vielleicht ein weit grösserer, auf eigenes Wollen erbaueter Uebertritt zu einer neuen Form der Anschauung des Höchsten?

Aber der Alte küsste sie und erwiderte: Wenn ich Gott meinem Herrn zwanzig Jahre als Cuirassier gedient, warum soll ich denn im einundzwanzigsten mein Regiment verlassen, die Uniform changiren, um ihm als Infanterist das Gewehr zu präsentiren? Du meinst es gut, Kindchen, aber du glaubst selbst nicht daran.

In einzelnen Minuten flog eine Wolke durch Leontinens reines Blau der Gegenwart; der eine Schritt hatte sie all den Ihren, vielleicht sogar ihrem vaterland entfremdet. Daheim in Berlin sass Josephine in stillem, sorgendem Kummer versenkt, täglich Briefe aus Wien erharrend oder schreibend. Ihre alte, schöne Heiterkeit, ihr Vertrauen auf das Glück ihrer Leontine kehrten nicht wieder. Der Glanz, der ihre Kinder in der Kaiserstadt umgab, freute sie wenig, sie war noch aus der Zeit, wo Comfort, Häuslichkeit und eine gemütliche Gastfreundschaft höher galten, als eigentlicher Luxus; war nur immer Alles um sie so elegant, sauber und genügend für die sie Umgebenden, so vermisste Josephine nichts.

Leontinens Uebertritt hatte sie tief verletzt, auch sie vermochte nicht an die Dauer einer so im Fluge gewonnenen überzeugung zu glauben, eben so wenig traute sie Jean Carlo's Trennung vom Carbonarismus und den mit seiner ganzen Individualität so eng verwachsenen italienischen Verbindungen.

Fiel ihr blick in die Zukunft, so bangte ihr noch mehr; sie fürchtete, Leontinen könne viel Trauriges bevorstehen; woran sollte ihr Gemahl in Preussen seine Interessen knüpfen? Deutschland war ihm fremd, keine Art fester Beschäftigung verband ihn mit demselben. Niemand nahm an seinem Streben Anteil, sogar die Gegenstände seiner Bewunderung in Kunst und Wissenschaft hatten eine der deutschen Ansicht fremdartige Färbung. Die neuere, meist didaktische italienische Poesie kann bei uns kein Element der allgemeinen Bildung werden; der Ausdruck seiner Vaterlandsliebe konnte leicht eben so wenig Anklang finden, denn seine excentrisch-grandiosen, auf Traditionen versunkener Grössen erbaueten Lebensanforderungen mussten diesen durch lange herbe Erfahrungen gereiften Männern, all den Professoren, Beamten und Offizieren, welche den Kern unserer Gesellschaft bilden, im