1845_Schopenhauer_142_85.txt

Graf nicht allzulange zögert; die Hauptschritte zu meiner Versetzung müssen wir Beide zugleich tun. Ohne Bewilligung des Cabinets kann ich nicht abreisen, diese nicht erhalten, ohne seine officiell ausgesprochene Zustimmung.

Wenn er ihr wenigstens die Knaben liesse, murmelte der alte St. Luce trübsinnig vor sich hin; er will sie nach Berlin schicken.

Das wird er nicht, erwiderte Gottard sehr bitter, wenn i c h hingehe.

St. Luce verliess ihn, um nach Annen zu sehen. Gottard hatte versprochen, ihm zu folgen; aber als er gehen wollte, vermochte er es nicht, es war ihm mit einem Male unmöglich geworden, gerade heute, unter so vielen fremden Gesichtern sie zu sehen; als St. Luce zurückkehrte, um ihn zu holen, fand er ihn nicht mehr zu haus.

Anna verging der Abend in tödtlich beklemmender sorge. Als die letzten Anwesenden sich entfernten, war Kronberg schon wieder verschwunden, ohne auch nur ein Wort an sie gerichtet zu haben.

Ihm war zu Mute, als habe er eine Art Hinterlist gegen sie gebraucht, er schämte sich, ohne deutlich zu wissen, weshalb. Das ritterlich Loyale seines Wesens empörte sich gegen den Wunsch, Gottards Anerbieten anzunehmen, und machte ihn verwirrt und befangen.

Am nächsten Morgen lag Anna an einem nervöshitzigen Fieber gefährlich krank darnieder. In ihren Phantasien rief sie stundenlang Gottards Namen, dann wieder die ihrer Knaben; waren diese bei ihr, so ward sie stiller, liess aber keinen derselben los, wenn ihn ihre Hand erfasste. Eine unsägliche Angst schien sie zu verzehren.

Jetzt war Kronberg wahrhaft beklagenswert. Sophie wandte die höchste Sorgfalt an, das Verletzende zu bergen, ihn während der wilden Ausbrüche ihres Deliriums von Annens Lager entfernt zu halten, vergebens! In wütend wahnsinnigem Schmerz klagte er nicht sie, sondern sich selber an, als suche er mit übertreibender Heftigkeit an der eigenen Qual sich zu weiden, und verliess kaum ihr Zimmer. Zur Capacelli ging er gar nicht in diesen Tagen.

Als er aber einmal während eines etwas beruhigteren Schlummers der Kranken in seine stube trat, fand er drüben Paola, in Tränen aufgelöst, am Boden kniend, vor einem seiner Fauteuils; sie betete und mischte unwillkürlich in die Worte ihres Rosenkranzes wilde Drohungen und Verwünschungen gegen ihn. Der spanische, etwas fanatische Charakter der Schönen sprach sich herb und bitter aus, fast war's Verachtung, die sie Roderich zeigte; als sie ihn aber genauer ansah, stürzte sie mit lautem Aufschrei in seine arme. unwillig drängte er sie zurück und begegnete ihr hart; weder ihr Mitleid mit seinen eingefallenen Zügen, noch ihr Zorn vermochten es, ihn zu rühren.

Duguet sass Tag und Nacht im Vorzimmer, dicht an der Tür des Cabinets seiner Gebieterin und harrte irgend eines Befehls; waren sie nicht bei ihr, hielt er die beiden Knaben auf dem Schoose, die mit ihm weinten.

Gottard kam wohl zwanzig Mal des Tages zu Sophien, um Nachrichten einzuziehen. Mehre Mal fand ihn Kronberg in deren Zimmer; er sass gebeugt, in starrem Schmerz still vor sich hinblickend, so versteinert da, dass er den vor ihm stehenden Grafen nicht einmal gewahrte.

Als aber nach zehn, zwölf Tagen die Lebensgefahr vorüber war, reichte Gottard sein Gesuch um vorläufige Entlassung an das Ministerium beim Grafen ein und forderte ihn auf, demselben seine schriftliche Zustimmung beizulegen.

Während man einer Antwort von Berlin aus harrte, übernahm St. Luce, welchem man den Zutritt nicht länger zu weigern vermochte, die Kranke, die nun ausser Bett in ihrer Chaise longue lag, auf Gottards mögliche Entfernung vorzubereiten. Wehmütig reichte sie dem alten Freunde die Hand. Ich wusste es! war Alles, was sie sagte.

Kronbergs Stimmung hielt nicht Stich, sie verwandelte sich, wie Annens Genesung vorschritt, mit jedem Tage mehr und mehr. Der Bruch mit der Capacelli war zu grell zur Dauer, er sah sie wieder und versöhnte sich mit ihr. Schon jetzt nahm er Gottards Entfernung von Wien als etwas hin, das sich gebühre, dass seiner und Anna's Ehre wegen unvermeidlich, folglich kein Opfer sei; er war wieder der vornehme, vom Glück verwöhnte Aristokrat, der des Untergeordneten Dasein kaltblütig verbraucht.

Noch einmal sah Gottard sie wieder, aber nicht allein; St. Luce begleitete ihn hin. Anna sass zwischen ihren Kindern; sie und Gottard waren Beide überzeugt, dass vor der Hand von keiner Trennung der Knaben von ihr die Rede sei. Sie kannten Kronbergs Charakter und verrechneten sich nicht; ihm war zu Mute, als sei das Bleiben Egons der Kaufpreis für Gottards Entfernung; obgleich er sich überredete, er würde dieselbe mit Gewalt erzwungen haben, wenn der junge Mann nicht von selbst den Forderungen der Umstände nachzugeben sich entschlossen, so fiel ihm doch nicht im Traum ein, an diesem Preise zu mäkeln. Alles Markten und Feilschen war ihm von Grund der Seele aus zuwider. Es mag so bleiben, sagte er sich, bis über's Jahr; der Kinder Anwesenheit wird sie für jetzt beruhigen und ich bringe dann später die beiden Knaben zugleich zu Geiersperg.

Gottard schrieb Annen einige Abschiedszeilen; es waren wenige Worte, aber wie mit seinem Herzblut geschrieben. Sie weinte so heimlich, dass nicht einmal St. Luce ihre Tränen gewahrte. Ueberhaupt war Anna seit der Krankheit sehr verändert, die Trennung zerdrückte ihre noch nicht wieder erstarkte Körperkraft.

Trennung! ein Wort, das man tausendmal hört und ausspricht, das man in tausend verschiedenen