Schwagers, die dessen Mittel zu überwiegen scheine und dennoch abgetragen sei. Sie fühlen, setzte er hinzu, dass ich der Gräfin einen grossen Schreck verursachen würde, wenn ich sie direct darum befragte.
Ich zweifle, dass sie um die Sache weiss, erwiderte Gottard. Er erzählte eben so einfach, wie St. Luce erwähnt, dass Louis, obschon genesen, von Tag zu Tag seine Abreise verschoben hätte, wie er selbst darauf ihn besucht, des jungen Mannes Vertrauen gewonnen und mit ihm zu Abtragung der Schuld eine Uebereinkunft getroffen.
Ich brauche Ihnen, Herr Graf, setzte er verbindlich hinzu, nicht erst zu sagen, dass eine solche von Männern gegeneinander übernommene Verpflichtung kein Gegenstand des Gesprächs mit einem Dritten sein darf.
Kronberg schwieg; an der Marmorglätte dieses reinen festen Willens brach abermals seine Kraft.
Aber, fuhr Gottard fort, fürchten Sie keinen Flekken auf Ihres Herrn Schwagers Ehre; alles Nötige ist von ihm selbst im Voraus besorgt und die am Total fehlende Summe wird noch heute in Gondi's Händen sein.
Kronberg stutzte. Gottard sah völlig gleichgültig aus. Hier war nur eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Gottard war mit seiner Gemahlin im tiefsten, innigsten Einverständnisse, oder Louis hatte in rasendem Stolz sein Erbteil verpfändet; es konnten aber Monate, Jahre vergehen, ehe das aufzuklären war. Sie haben Sicherheit? fragte er kurz.
Vollkommne, erwiderte Gottard. Aber nun, Herr Graf, gestatten Sie mir die Gunst Ihres frühen Besuchs zu benutzen. Mich hat ein Vorschlag, eine Bitte nach Wien zurückgeführt, deren Erfüllung ich Ihnen sehr ernstlich danken würde. Seine Unterlippe bebte convulsivisch, seine Stirn blieb klar. Die Hauptfragen beim hiesigen Gouvernement sind erledigt, dem eigentlichen Juristen bleibt für den Moment wenig Bedeutendes mehr zu tun. Man hat uns hier den grösseren teil der gewünschten Aenderungen zugestanden, in den alten Provinzen fordern dagegen die Gesetzentwürfe zu Einführung ständischer Verfassungen meine Gegenwart und der Vorschlag des Vertrags mit Russland bedarf einer strengen Revision – ich kam hierher, Sie zu bitten, Baron Stein vorläufig an meiner Statt die hiesigen arbeiten zu übertragen, die etwaigen Memoires aber nach Berlin oder dahin mir nachzusenden, wohin das Ministerium mich beordert, wenn wir meine hiesige Aufgabe als vollendet ihm melden.
Mit unnachahmlicher klarheit und unsäglich wehmütiger Ruhe legte nun Gottard dem Grafen seine zum Beschluss gereiften Geschäftspläne für sich und seinen Stellvertreter vor. Es lag ein fast heiliger Ernst in seinen Worten und eine so tiefe Besonnenheit, dass Roderich, zur unwillkürlichsten Bewunderung hingerissen, zauderte, ihm zu antworten. Dies Anerbieten des edlen jungen Mannes überraschte ihn mit zermalmender Gewalt; er fühlte, dass, was auch Gottard sagen möge, die Willkürlichkeit seiner Entfernung von Wien ihm künftig unübersteigliche Schwierigkeiten bereiten und hemmend in seine Tätigkeit eingreifen könne.
Noch schwieg er, da öffnete sich die Tür, St. Luce trat aus einem Nebenzimmer herein. Ohne aufzusehen, reichte ihm Gottard die Hand. General, sagte er, ich habe bereits dem Grafen meine Wünsche eröffnet. Eine ungeheure Erschöpfung breitete ihr fahles Grau über seine Züge, es war eine Leichenfarbe, als habe der Tod ihn berührt.
Als endlich Roderich ihn verliess, stürzte er an des alten Freundes Brust; die innere Erschütterung hatte ihn jedes Ausdrucks seines Schmerzes beraubt. Der General blieb den ganzen Tag bei ihm, pflegte ihn und sprach ihm zu, wie ein Vater seinem Sohne; aber all seine Beredsamkeit scheiterte an diesem stillen, stummen Weh.
Wahrlich, Eins des Andern wert! seufzte St. Luce.
In Kronberg stürmten indessen Schmerz und Gedanken nicht minder heftig; es war ihm unmöglich, jetzt seine Frau zu sehen. Tappend, unsicher, wie geblendet, durchirrte er die Strassen, sah die Menschen nicht, die ihm begegneten, vernahm nicht, was sie zu ihm sagten, es war, als habe ein unruhiger Wahnwitz ihn ergriffen. Nach stundenlangem Umhertreiben in Wiens Strassen ging er zur Capacelli, dort hatte man ihn bereits gesucht. Geschäftliche und gesellige Anforderungen bemächtigten sich seiner, umdrängten ihn, rissen ihn mit Gewalt in das Gewirr platter Alltäglichkeit.
Mit unbeschreiblicher sorge folgte Paola's Auge jeder seiner Bewegungen; bebend gewahrte sie die Macht einer Andern auf sein Herz, und ein glühender Hass, ein unvertilgbarer Wunsch nach Rache an der Gräfin begann sein geheimes Leben in ihrer Brust zu regen.
Sie sass zu Roderichs Füssen, küsste seine hände, umwickelte ihn mit ihrer Zärtlichkeit, wie mit einem Zauberschleier, all seine Gedanken umrankte, umwob sie; mit all seinen Sinnen im Bunde, stritt ihre leidenschaft gegen seinen Schmerz; abwechselnd launisch, weich, gewaltsam, liess sie nicht ab von ihm, bis ihr endlich gelungen, ihn mit in den wirbelnden Strudel ihrer eigenen Empfindungen zu ziehen, und er ermattet, wehrlos an ihrem Busen lag.
Dann ward sie amusant, tändelnd, fast drollig, was ihrer hohen Gestalt, ihren markirten Zügen durch den Gegensatz einen Reiz wunderlichster Art verlieh; leise, leise weckte sie das Leben wieder, das sie erst, wie vernichtend, in sich gesogen, sang ihm ihre Sirenenlieder vor und wendete in diesem seltsamen Spiel, das man eine Gefühlsorgie nennen könnte, das Herz ihm in der eigenen Brust, bis er willen- und bewusstlos die ganze übrige Welt in ihren Armen vergass.
Gottard hatte sich daheim still in sich beruhigt, der Abend war herangekommen, er rang mit dem Entschluss, zu Kronbergs Soirée zu gehen – sie zu sehen.
Gebe Gott, sagte er ernst, dass der