1845_Schopenhauer_142_83.txt

Rest der verspielten Summe ausmachte.

Sehr natürlich nahm Kronbergs Gefühl sogleich eine andere Richtung; abermals trat ihm ja des Verhassten Einfluss in Bezug auf Anna entgegen! Er eilte mit seinem Freunde in das Hotel, von da zur Post; Louis war wirklich abgereist. Fast wäre er auf den Gedanken gekommen, mit Courierpferden der Post nachzujagen. Rutberg begleitete ihn überall hin, war aber hinterdrein indiscret und erzählte die geschichte einigen guten Freunden, die sie weiter befördertenund commentirten.

Rutbergs Benehmen hatte gar keinen besonderen Grund, die Sache amusirte ihn; vielleicht regte sich die geheime Hoffnung in ihm, durch einen ohnehin unvermeidlichen, etwas schneller erweiterten Bruch des Grafen und Anna's irgend einen Vorteil zu ziehenvielleicht trieb ihn der instinctartige Hass gegen Gottard; er dachte nicht darüber nach.

Indessen führte er selbst die Klätschereien herbei, denen wir im Salon vierundzwanzig Stunden später zugehört; aber alle Anwesenden, die sie belustigten, bezogen Kronbergs unruhigen Zorn auf die Capacelli, Annens gedachte Niemand dabei; und geschah es ja, war es nur, um die schöne, liebe Frau zu beklagen.

Nachdem ihm am Abend alle Versuche mislungen, seinen Schwager zu erreichen und ihn noch um eine Erklärung zu bitten, hatte Kronberg, wie wir wissen, zu haus in dem Anliegen seines Knaben einen neuen Grund der Erbitterung gegen Gottard gefunden; im Cabinet seiner Frau war sein erster blick abermals auf den Verhassten gefallen. Ein Billet Paola's hatte ihn während des Gesprächs mit Annen dringend auf die Bühne und nach der Oper zu sich beschieden, wo sie ihm einige sonderbare Mitteilungen versprach.

Gottards so entschiedenes Verfahren gegen den ihm als Abenteurer bekannten Spieler und Louis' fast gewaltsam erscheinende Entfernung hatte Paola und ihrem Freunde Gondi viel zu denken gegeben. Der weibliche Instinct liess sie vollkommen richtig raten und sogleich wandten sich ihre Machinationen gegen Gottard. Die Art und Weise, in welcher sie Kronberg die Sache vorstellte, die höchst gewandten fragen, welche sie einer Wiederholung der Erzählung ihres Bruders verwebte, reiften in ihm einen Entschluss, dessen ganze Torheit er fühlte, ohne die Kraft zu haben, ihn in sich zu ersticken.

Als er am frühesten Morgen vor Gottard stand, fiel ihm ein, dass er ihn im grund gar nichts zu fragen habewas gingen ihn die Zahlungen des Geheimrats an? –

Gottard sass, von einer Menge Acten und anderen Schriften umgeben, in seinem Arbeitscabinet. Ein tiefer Ernst umwölkte seine hohe Stirn; er sah den. Lenz nicht, der aus dem Gärtchen mit Rosenaugen in seine stille Zelle schaute, er hörte die Mahnung all der kleinen zwitschernden Vögel nicht, die' so dringend bittend den Frühlingston der Menschenbrust, das leise sehnende Flehen um Liebe in seinem Herzen wach zu rufen schienen; er sah das Schattenspiel der Blütenranken nicht, das auf seinen Papieren phantastisch auf und niedergaukeltejeder Sinn war der Aussenwelt verschlossen und nur im tiefsten inneren wuchs ein einziger schmerzlicher entsetzlicher Gedanke riesenhaft, wie eine unermessliche Nacht, und überdeckte wachsend mit seinem Dunkel das reiche vollquellende Leben in und um ihn her, bis es zum Nichts zusammenschrumpfte.

Es ist grauenhaft, wenn die höchsten Steigerungen des Gefühls und des sichtenden Gedankens mit einem Male in einer unausweichbaren überzeugung zusammenfallen, die wie durch einen Brennspiegel mit den Strahlen des Erhabenen, Ewigen über uns das kleine Hoffnungsleben des armen Menschenherzens verzehrt! Wenn seine ganze reiche Vergangenheit, all die bunten Elemente des Glücks seiner Zukunft, plötzlich wie ausgebrannt, schwarz verkohlt vor ihm da liegen, wenn in Minutenenge lange Jahre einer ganz leer gewordenen und doch noch zu durchlebenden Zeit drohend aneinander sich drängen! – solche innere Erlebnisse, solche Vernichtung des Erdenmasses, mit dem wir sonst unsere Tage messen, hat manch braunes Haar in unbegreiflicher Geschwindigkeit gebleicht, manch glanzlichtes Auge ausgelöscht, dass es fortan ganz farblos die Gegenstände zurückstrahlte, manch junges Blut haben sie stocken gemacht, als habe es der Eisfinger des Alters berührt, – aber, ach! g e t ö d t e t haben solche Augenblicke nie.

Gottard hatte die ganze Nacht hindurch über seine Stellung zu Kronberg nachgesonnen; es war ihm klar geworden, dass diesem sein sich stets wiederholendes Entgegentreten in allen engeren Lebensbeziehungen unleidlich qualvoll sein müsse, dass eine fast übermenschliche Kraft dazu gehöre, es zu dulden, nachdem Roderich seine und Anna's Neigung zu einander erkanntund konnte Gottard zweifeln, dass dem so sei?

Unbarmherzig riss er den Schleier selbst mitleidiger Täuschung entzwei; er war entschlossen, seiner Carrière eine andere, neue Richtung zu geben, von Annen sich zu trennen.

Seit gestern schauderte ihm vor der Tiefe seiner eigenen leidenschaft; er hatte die Unmöglichkeit empfunden, sie in jedem Augenblicke zu zügeln. Anna's Kummer hatte ihn der Kraft beraubt, sich selbst zu widerstehen. Er wusste, dass Kronbergs Charakter kein unedler, dass dessen Eitelkeit und Wankelmut die Folge eines gewaltsam aus seinen Fugen herausgerissenen frühen Gefühls sei; er fühlte alle diese Gedanken, diese ernsten stillen Mahner mit tödtendem Entsetzen, denn sie verurteilten ihn. Er konnte sich's nicht leugnen, dem Grafen das Unerträgliche aufgebürdet zu haben: die Superiorität eines Nebenbuhlers.

Und plötzlich, wie eine Verkörperung des eigenen inneren stand Kronberg selbst vor ihm, ruhig, edel in Anstand und Ausdruck.

Gottard war einen Augenblick zu Mute, als komme jener, ihn zu fordern auf Leben und Tod. Der Graf hatte sich gefasst; er fragte ihn ganz einfach nach dem ihm vielleicht bekannten Zusammenhang der Zahlung einer Spielschuld seines