1845_Schopenhauer_142_82.txt

Anderer.

Die Frage war: ob der Bruder von seiner Schwester die beiden Noten, die sich auf etwa vierhundert Florins beliefen, erhalten habe, und f ü r w a s man sie ihr gegeben.

Alle lachten. Rutberg, nun erzähle uns die geschichte weiter! Du gingst ja, nachdem Ihr verloren, mit ihm und Gondi fort.

Was ist da viel zu erzählen! Es fand sich eben, dass noch eine Sorte Bruder im Spiele sei und sich heimlich aus dem Staube gemacht habe.

Und nun breitete sogleich Mephisto seinen Mantel aus und ihr flogt nach? –

Bah! rief Rutberg, wir haben Wien nicht einen Augenblick verlassen!

Darüber schweigt die geschichte; die Capacelli aber war unschuldig diesmal, nicht wahr?

Eben traten mehre Herren und Damen in das Cabinet, die Offiziere standen höflich von ihren Sitzen auf, das Gespräch hatte ein Ende.

Begreifst du, sagte der blonde Offizier im Hinausgehen zu seinem Freunde, was dieser Satan von Rutberg mit Kronberg vorhat? Die ganze Ueberraschung scheint verabredet, weshalb hätte sonst Gondi in englischen Papieren gezahlt, die konnte er ja in fünf Minuten umsetzen? Es steckt irgend eine Teufelei dahinter.

Es ist ein grosser Irrtum, zu glauben, dass nur in kleinen Städten geklatscht wird; beinahe alle Männer in Annens Salon wussten einen teil dessen, was ihr so rätselhaft blieb.

Paola Capacelli war in einem Punkte nicht um ein Haar anders, als die meisten ihrer Kunstgenossinnen; sie nahm die Auszeichnung, die ihr in vollem Masse ward, dankbar hin, sie freute sich der berauschenden Huldigungen, die ihr das Publicum zu teil werden liess, aber sie würde sie dennoch gern mit den minder geräuschvollen vertauscht haben, welche die Gesellschaft der schönen Frau aus höheren Ständen beut.

Kronbergs Betragen gegen sie, obschon er die reizende Spanierin nicht liebte, hatte durch die entsetzliche Qual, die ihm seine in einer Andern so tief gekränkte Eitelkeit verursachte, fast immer etwas Leidenschaftliches; sein Mistrauen, die täglichen Ungleichheiten seines ganzen Wesens, seine Heftigkeit, seine Unruh konnten von einer Frau wie die Capacelli sehr leicht als glühende Liebe gedeutet werden.

Die unselige Spazierfahrt, auf welcher sie Louis neben Annen gesehen, erweckte zuerst in Paola's Brust den Gedanken, dass auch die Gräfin einen Liebhaber begünstige, dass Kronberg um seiner Ehre willen eifersüchtig sei und die Trennung einer Ketzerehe nicht zu den Unmöglichkeiten gehöre.

Die schöne Paola war nicht immer in einer so glänzenden Lebenssphäre gewesen, als die, zu welcher jetzt ihr Talent sie erhoben. Sie hatte traurige Tage der Armut und Verlassenheit durchlebt. Das natürliche Kind des elenden Wirtes einer Posada im Gebirge, ward sie dem armen Flecken, in welchem sie geboren, schon als Kind von einem durchreisenden Italiener entführt, dem ihre schöne stimme aufgefallen. Capacelli war sein Name; er hatte sie unterrichtet, erzogen, benutzt, verführtam Ende geheiratet, als sie kaum den Kinderschuhen entwachsen, um den Gewinn ihres Talents um so gewisser sich zu sichern.

Sehr natürlich war der alternde Maestro di Capella nicht der einzige geblieben, den ihr Gesang und ihre Schönheit anlockten; noch ehe sie die Bühne betreten, hatte sich ein bisher durch ihr ganzes Lebensgewebe fortlaufendes verhältnis zu einem bildschönen italienischen Vagabonden geschürzt, der in allen Hauptstädten Europas, in denen sie verweilte, bald als vornehmer Reisender, bald als Glücksritter und Spieler auftrat und wie ihr Planet, obschon minder oft sichtbar, um seine schöne Sonne sich drehte.

Seit einem Jahre hatte der Tod die Fessel ihres Ehestandes gelöst und die Zeit die der Liebe gelockert. Paola und ihr Geliebter waren darüber einig geworden, dass an eine engere, dauernde Verbindung unter ihnen Beiden zu denken, eine Torheit sei. Der Bequemlichkeit wegen hatte er sich in Wien für ihren Bruder ausgegeben. Seine ganz erschöpften Geldkräfte hinderten ihn für den Augenblick, in der höheren Gesellschaft aufzutreten; er hielt insgeheim in kleinen freundschaftlichen Cirkeln Bank und erntete im Whist und Ecarté die nötigen Hülfsmittel dazu.

Gleich nach ihrer Heimkehr hatte ihm Paola das Begegnen der Gräfin Kronberg mitgeteilt und ihm befohlen, Nachricht über den Namen und Stand des jungen Mannes einzuziehen, den sie bei ihr gesehen, was, da Louis und Gondi dasselbe Hotel bewohnten, keine Schwierigkeiten fand.

Mehre Tage vergingen indessen doch, ehe er erfuhr, dass Louis Annens Bruder sei. Paola benutzte während derselben blindlings ihre Macht, Kronbergs Eifersucht auf die Gräfin zu steigern; das Misverstehen lag nur darin, dass sie dabei den Fremden im Auge hatte, während jener alle ihre andeutenden Worte auf Gottard bezog und sich bereits die Zielscheibe der öffentlichen Aufmerksamkeit wähnte.

In der heftigen Scene zwischen Kronberg und Louis, welche den Ausbruch seiner Krankheit veranlasste, war Gondi ein unbewusster Hauptagent gewesen; seine sanguinischen Hoffnungen, eine Scheidung des Grafen von dessen Gemahlin herbeizuführen und Paola einst deren Stelle einnehmen zu sehen, hatten ihn zu sehr gewagten Uebertreibungen verleitet. Er hatte des Grafen leidenschaft zur Capacelli mit glühenden Farben geschildert und Louis dadurch noch mehr erzürnt und verwirrt. Gottards Dazwischenkunft löste endlich alle die Misverständnisse, indem sie zugleich Louis' augenblickliches Verlassen Wiens erzwang.

Seit dem letzten Ereignisse waren erst wenige Stunden vergangen, als Gottard Annen von der Abreise ihres Bruders benachrichtigte und Kronberg an Gondi's Spielbank sass. Er verliess mit diesem und Rutberg den Saal. Ohne Umstände hatte ihm der Spieler gestanden, dass, obschon er die Noten aus Louis' Händen empfangen, dieselben von Gottard stammten, und ihm eine Schuldverschreibung auf zweihundert Florins gezeigt, welche den